Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal… Nein, wirklich, sein Gedächtnis liess ihn jämmerlich im Stich.
Auf einer Journal-Doppelseite, inmitten einer grösseren Anzahl schwarzweisser Bilder betrachtete er das Gesicht, von dem hinter einem weissen, künstlichen Nikolausbart nur die Augen- und Nasenpartie sowie der in seiner Vorstellung rot geschminkte Mund sichtbar waren. Das Rätselhafte, das Nichts- und gleichzeitig Vielsagende, das die Maskierung dem ebenmässigen Gesicht gab, das sowohl das eines Mannes als auch das einer Frau sein konnte, faszinierte ihn.
So hatte er Mirjam kennengelernt. Genau so hatte sie ihn angesehen hinter ihrer samtschwarzen Teilmaske am fastnächtlichen Stadtball. Blutjung waren sie damals gewesen und total leichtsinnig. Ja, vor allem leichtsinnig. Wie sonst hätten sie sich nach einem halben Jahr verloben und nach ein paar weiteren Monaten verheiraten können. Aber es hatte gehalten. Und wie es gehalten hatte. Bis zu ihrem jähen Tod vor vier Jahren. Waren das wirklich schon vier Jahre? - Ihre Augen hatten ihn schwach gemacht und ihr Mund, ihr offener und doch leicht rätselhafter Blick. Nicht nur am Anfang, nein, auch später: unsagbar!
Er fuhr mit dem Finger über das Schwarzweissfoto vor sich. Ja, sie hatte das Spiel mit Masken geliebt. Wie oft hatten sie Kostümbälle zusammen besucht, zumindest in den früheren Jahren. Aber das letzte Mal? Daran konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Nur ihren Mund, ihren rot geschminkten Mund, den sah er noch so deutlich vor sich, als ob es gestern gewesen wäre.
Brigitte Fuchs
(Als Beitrag zu Donnas Schreibprojekt: http://www.donnaschreibt.com/)
Selektives Erinnern, das fällt mir dazu ein.
Ich bedanke mich dafür, dass du an meinem Schreibprojekt teilgenommen hast.
Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende
Donna
LG, Petra
Melancholisch, traurig und so voller Liebe.
Danke dafür.
Liebe Grüße bigi
Dir sage ich jedenfalls herzlichen Dank für die schöne Anregung und fürs Koordinieren!
Und dir, Petra, danke ich fürs Lob!
Schön, wenn dir die Mini-Geschichte gefällt!
Liebe Grüße zur Nacht,
Anna-Lena
lyrisch kurz-
mir kamen assoziationen an hesses steppenwolf, da war doch was mit masken...
schön! geheimnisvoll. schleier wehend in richtung lebensende. assoziationen auch an das soeben gelesene buch: eine exzellente liebe..., aber da sterben die liebenden gemeinsam, das war deinem erinnerungsmann nicht vergönnt...
Viele Grüße,
Wolfgang
ein guter schnappschuss - momentaufnahme. erinnert mich total an die kurzgeschichten von raymond carver: aus dem, was der ich-erzähler preisgibt, baut sich stückchen für stückchen ein (oft deprimierendes) bild auf. der erzähler gibt mehr über sich preis, als ihm bewusst ist. eine interessante erzählmethode.
danke, ich finde die erzählung sehr gelungen.