Kalte Novemberluft schlug ihr entgegen, als sie durch die Schwingtüre des Warenhauses ins Freie gelangte. Wie gut das tat. Erst jetzt wurde Nora bewusst, wie stickig und überheizt die Luft im Einkaufszentrum gewesen war. Sie klemmte die Ledertasche kurz zwischen die Beine, während sie den Schal um den Hals schlang und den Mantel zuknöpfte. Es war doch immer dasselbe. Die Kunden wurden möglichst mit allen Sinnen aufs Weihnachtsgeschäft eingestimmt: Auf allen Stockwerken glitzerte und glänzte es, zwischen den Lautsprecherdurchsagen war massentaugliche Musik zu hören, es duftete nach Kerzen, Parfum und Gebäck, Naschwaren wurden angeboten und das Anfassen war auch erlaubt. Nach kurzer Zeit wurde es einem zu viel, das Gedränge, der Lärm, das Überangebot an Waren, die dicke Luft.
Nora atmete tief durch die Nase ein und schaute dann zu, wie beim Ausatmen eine feine Rauchfahne entwich. Brechts Zeilen mit dem kleinen Haus unter Bäumen am See kamen ihr in den Sinn. Sie konnte den Rauch deutlich vom Dach aufsteigen sehen. Und gleich erinnerte sie sich auch an die Verse von Rilke: „Wer jetzt kein Haus baut, baut sich keines mehr.“ Wie ging es doch gleich weiter: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben…“ Wie solche lyrischen Schulbuchtexte doch hängen bleiben, dachte Nora. Nein, allein war sie nicht, sie hatte eine Familie. Ausserdem hatten sie ein Haus mit etwas Umschwung, wenn auch nicht unter Bäumen am See.
Wie viele Menschen gab es wohl, die sich trotz all der Herrlichkeiten in den Warenhäusern, trotz Menschengewühl, Lichterflut und Musikbeschallung allein und einsam fühlten, fragte sich Nora. Sicher waren es mehr, als man vermutete. Ob sie noch immer wachten, lasen, lange Briefe schrieben wie im Poem. Wahrscheinlich sassen sie heutzutage eher vor dem Fernseher, überlegte sie, während sie ihr Auto aufschloss und die Tasche in den Kofferraum stellte, und sie nahm sich vor, wieder mal bei Regine vorbeizuschauen, deren Mann sich vor einem halben Jahr das Leben genommen hatte, und die sich seither kaum noch im Quartier blicken liess.
Brigitte Fuchs
(Als Beitrag zu Donnas Schreibprojekt: www.donnaschreibt.com)
Bei deiner Geschichte kommen Erinnerungen hoch, etwas das ich mal kannte, jetzt weit zurück liegt.
Ich kann die kalte Luft fast fühlen.
wünsch dir ein schönes Wochenende
Liebe Grüsse
Brigitte
Danke, dass du wieder mitgeschrieben hast.
Ein schönes WE und herzliche Grüße zu dir in die Schweiz
Donna
Die nicht zu vergessen, ist eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack.
Lieben Gruß
in den Abend,
Anna-lena
Jorge D.R.
Und deines auch, Jorge.
Aber du hast Recht, nicht zu dick aufzutragen. Man könnte sonst tatsächlich misstrauisch werden. Ob das allerdings eine rein schweizerische Angelegenheit ist? Ich denke nicht. Schon Konfuzius (eigentlich Kung-fu-tse), der chinesische Philosoph, der 551-479 v. Chr. lebte, hielt fest:
"Wo alle verurteilen, muss man prüfen...
und wo alle loben, auch..."
Lieben Dank und schöne Sonntagsgrüsse zu euch allen.
lieben gruß
spini
lg
ingrid
Lieben Gruß
Elke
Ein Haus mit etwas Umschwung? Das ist die schweizerische Bezeichnung für eine Liegenschaft mit ein wenig eigenem Land (darum herum).
Grüsse auch zu dir.
beim erzählen gibt es scheidewege. alles, was hätte auch sein können...
nun ist es so. das untendrunter der konsumwelten. gut.
man soll das soziale netz-nest echt genießen, solange man es hat...
gruß von sonia
Nun ist es so.
Das soziale Netz-Nest, wie du es nennst, ist ein sehr zutreffendes Bild. Nicht immer steht es zur Verfügung - und schon wären wir wieder in einer anderen Geschichte...
Danke für deine Zeilen und lieben Gruss.