Prognostisch leben

schnee wie vorausgesagt
regen genau zur stunde

der himmel trifft
die vorgesehenen massnahmen
die schirme kennen ihren dienstplan
wir werden trocken bleiben
  

 
Hans Derendinger (1920-1996) Schweizer Politiker, Redaktor und Schriftsteller
Aus “Helvetische Landschaft”, Gedichte, Roven Verlag, Olten 1979

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Das Stumme…

Das Stumme,
übersetzt in die Schneesprache,
übersetzt in die Windsprache.

Wer versteht die Spuren zu lesen
am frühen Morgen?

  

Max Bolliger, *1929, Schweizer Schriftsteller und Lyriker, Kinder- und Jugendbuchautor
Aus “Schweigen, vermehrt um den Schnee” Magica Verlag, Meilen / Zürich 1969

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Lamento bei Glatteis

(…)
  

Gäb der Winter seine Nieren,
seine graue alte Milz
und sein Salz auf beide Wege.
Könnt dann Sanna, deine, Sanna,
hingestreute Puppenseele
Lerchen in Verwahrung geben.
Sanna Sanna.
  

  
Günter Grass,*1927, deutscher Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Grafiker – Nobelpreisträger
Letzte Strophe des Gedichts “Lamento bei Glatteis”, aus “Expeditionen” Deutsche Lyrik seit 1945, Hrsg. Wolfgang Weyrauch, Paul List Verlag, München 1959

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Blumen für alle

Anna Blume bekam sie von Schwitters im
Sinne eines dadaistischen Blumengewitters.

Bei Schiller weiss man nicht, will er, doch
für Stefan gibt’s einen Zweig und für
Wilhelm einen Busch davon auf den Tisch.
So auch für Meyer, Keller, Walser und Frisch.
Dürrenmatt schenkt man Blüte und Blatt.

Viel Grün soll es sein für die Droste, koste es,
was es wolle, und dann müssen Ranken her
für die Bachmann, für Celan und die Sachs,
für Kaschnitz, Burkart, die Ebner-Eschenbach,
ach, und damit ich es nicht vergesse, für
von Arnim, Trakl, Novalis und Hesse.

Im Blumenhandel findet man kaum was
Konkretes für Jandl und seine Friederike,
wenn, dann kühle Astern für Benn oder
(heisser und kühler) für die Lasker-Schüler.
Immerhin gibt es Samen für die Damen:
Ausländer, Aichinger, Kirsch oder Domin.

Eichendorff, Hölderlin, Rilke und Heine
bekommen feine Gestecke aus Wiesen und
Hecke; mit losen Sträussen beehrt man
Ringelnatz, Artmann und Morgenstern gern. -
Und gewiss sind auch allen anderen, etwa
Mörike, Eich oder Brecht, Blumen recht…

Besonders schön fänd ich es ausserdem,
wenn man Goethe Rosen anböte.
  

Brigitte Fuchs

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Zwei Anagramme

MEIN BESTER RAT:

STREBT REIME AN!

   

REIME SIND TOLL:

DER MILLIONSTE

IST DEINER, MOLL!

 

Brigitte Fuchs

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Foto Brigitte Fuchs: Schloss Neu-Bechburg

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