Winter

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Verschlossen und dunkel ist um und um
Mein winterlich Herze zu schauen,
Doch innen, da ist es erleuchtet und hell,
Da dehnen sich grünende Auen.

Da stell ich den Frühling im kleinen auf
Mit Rosengärten und Bronnen,
Da spann ich ein liebliches Himmelblau aus
Mit Regenbogen und Sonnen!

(…)

Dann ändr‘ ich die Szene und lasse mit Macht
Den blitzenden Sommer erglühen,
Ich lasse die Schnitter auf Garben ruhn
Und blutrote Mohnfelder blühen.

Und dann durchschneid ich mit Wetterschein
Mein Herz und füll es mit Stürmen,
Lass Schiffe und Mannschaft zu Grunde gehn,
Dann »Feuer« von Bergen und Türmen!

(…)

Ich schüttle die Tannen wie Besenreis
Und fege das Laub von den Wäldern,
Ich lösche am Himmel die Sterne aus
Und senge das Gras auf den Feldern.

(…)

So spiel ich den langen Winter hindurch;
Doch wenn die Maiblumen sprossen,
Zerbrech ich das gläserne Puppenspiel
Und mache den Dichter im grossen!

 

Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Dichter, Schriftsteller und Politiker
Ein paar Strophen aus dem Langgedicht „Winter“

 

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6 Antworten auf Winter

  1. merlin sagt:

    ein wechselbad der gefühle schildert da keller. irgendwie scheint er ein angespanntes verhältnis zu dieser jahreszeit zu haben.
    winter kann auch anders sein 🙂
    einen herzlichen sonntagsgruss aus den verschneiten bergen, wo die sonne lacht 🙂

  2. quersatzein sagt:

    Das kann gut sein. Vielleicht war seine Schreibstube im Winter nicht wirklich wohlig und warm. :–)
    Hier träumen wir vorerst nur von der Sonne …
    Umso schöner, wenn ihr sie da oben bereits geniessen könnt.
    Gehabt euch wohl, wie man so schön sagt! 🙂
    Und seid herzlich gegrüsst!

  3. mona lisa sagt:

    Ähnlich ist es mir jahrelang gegangen.
    Mittlerweile kann ich dem dunklen Winter auch so einiges abgewinnen und entgegensetzen, so dass ich zwar immer noch auf die anderen Jahreszeiten warte, ihnen aber nicht mehr entgegenfiebere, weil mir der Winter so unerträglich erscheint.
    Das zu erkennen ist angenehm.
    Herzliche Sonntagsgrüße – ohne Sonne, mit viel Regen

    • quersatzein sagt:

      Auch mir ist der Winter im Grunde ganz recht, Mona Lisa.
      Es ist beschaulicher in dieser Zeit und man zieht sich gerne in die Innenräume zurück.
      Einen lieben Retourgruss bei verhangenem Himmel, aber ohne Regen.

  4. bruni8wortbehagen sagt:

    Was für ein wundervolles Gedicht von gottfried Keller, liebe Brigitte. Egal, was ich da lese, auch wenn er von Feuer spricht, er beschreibt so irre gut, daß ich geneigt bin, mein sogenanntes Dichten einzustellen, um ihm überall den Vortritt zu lassen… SO gut hatte ich ihn nicht in Erinnerung, aber wir lesen von so vielen Dichtern und Denkern, da fällt eines hinten runter und ein anderes offenbart sich neu…
    Dein neuer Header ist irre toll, liebe Brigitte. Ich bin ganz neidisch.
    Es sind ja oft die kleinen unscheinbaren Dinge, die in Vergrößerung und Ausschnitt dermaßen wirkungsvoll sind, daß wir staunend sitzen oder stehen und voller Bewunderung sind.
    Liebe sonntägliche Grüße von Bruni an Dich

  5. quersatzein sagt:

    Kellers Gedicht ist wirklich sehr schön, sehr rhythmisch und melodisch.
    Den Header wähle ich jeweils möglichst passend zum Eintrag aus einem Fundus an Headerbildern aus.
    Du sagst es, liebe Bruni, es sind oft Kleinigkeiten, die uns für sich einnehmen oder gar begeistern.
    Hab Dank und sei ebenfalls sonntäglich gegrüsst!

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