Archiv der Kategorie: Gedichte
Am Wasser
Fotos Brigitte Fuchs
Die Wasser tragen alles
Die Wasser tragen alles:
Leg‘ nur dein Glück darauf!
Sie heben’s wie auf Händen
Zum Sternenlicht hinauf.
Die Wasser tragen alles:
Leg‘ auch dein Leid darauf!
Sie tragen’s nach dem Meere
In nimmermüdem Lauf.
Karl Ernst Knodt (1856-1917) deutscher Dichter und Waldpfarrer
Abendrot
Foto Brigitte Fuchs
Und um den Abend wird es lichte sein.
Schau hin, im Westen wird es helle,
Und um den Abend wird es licht,
Wo noch des Spätrots Feuerwelle
Den düstern Wolkendamm durchbricht;
Die Sonne grüsset mild im Reigen,
Als wäre sie des Zornes müd,
Ein Vögelein aus nassen Zweigen
Singt noch sein selig Abendlied.
(…)
Karl Friedrich Gerok (1815-1890) deutscher Theologe und Lyriker
Erste von acht Strophen seines Gedichtes „Abendrot“

Foto Brigitte Fuchs
Im Herbst
Foto Brigitte Fuchs
Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.
Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.
Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewusst bestimmte Ziel.
Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.
Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Dichter und Zeichner

Foto Brigitte Fuchs
Arosa VI
Fotos Brigitte Fuchs: Arosa Alpengarten
Impressionen aus dem Alpengarten in Arosa
(Der Alpengarten Maran in Arosa zeigt auf kleinem Raum die beeindruckende Pflanzen- und Lebensraumvielfalt der Alpen – er verbindet naturnahe Bildung mit dem Schutz alpiner Flora.)
Flora
Wie impulsiv wie dreist sie doch mit Ranken
Wurz mit Kraut und Ruten in meinem Garten
Einzug hält mit Doldenrispen Rachenblüten
mit zurückgerollten Blättern Kelchen glockig
haarig fiederspaltig mit Köpfchen Schnäbeln
Trauben Lippen niederliegend scheidig rund
mit Nebenkronen Zwitterblütchen mit Beeren
Hülsen Früchten Schoten mit frischen Namen
kletternd giftig nach Wollust duftend länglich
weich und brechend voll mit schierem Leben
Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“, Gedichte, edition 8, Zürich 2014

Fotos Brigitte Fuchs: Arosa Alpengarten
Arosa III
Fotos Brigitte Fuchs: Eichhörnchenweg in Arosa
Eichhörnchen
(…)
Von Zweig zu Zweig, von Ast zu Ast
hüpft es
und schlüpft es
in fröhlicher Hast. —
Nun sitzt es wieder
zusammengeduckt,
wiegt auf und nieder
sein Köpfchen und guckt.
Schaukelt sich hin und schaukelt sich her,
schaukelt und gaukelt die Kreuz und die Quer.
Doch jetzt auf einmal wird es still,
wie Ein’s, das sich besinnen will.
Und wieder klettert’s flink und munter
den Baum hinauf, den Baum hinunter,
einen Augenblick, weg ist’s, husch husch!
(…)
Friedrich Güll (1812-1879) deutscher Dichter und Kinderliederautor
Zwei Strophen aus seinem Gedicht „Eichhörnchen“

Fotos Brigitte Fuchs
Arosa II
Fotos Brigitte Fuchs
Wippe
Manche Dinge
halten sich spielend in der Schwebe
jene milchkuhgesprenkelten Alpweiden und
diese schiefergraublauen Felsplanken und so
setzen sich Sonne und Mond einvernehmlich
mal auf diese
mal auf jene Seite
Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020
Wie wenn das Leben wär nichts andres
Fotos Brigitte Fuchs: Friedhof Rosengarten in der Stadt Aarau / Der Satz auf dem Bild oben stammt übrigens aus „Hermann und Dorothea“ von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahre 1797.
Wie wenn das Leben wär nichts andres
Als das Verbrennen eines Lichts!
Verloren geht kein einzig Teilchen,
Jedoch wir selber gehn ins Nichts!
Denn was wir Leib und Seele nennen,
So fest in eins gestaltet kaum,
Es löst sich auf in Tausendteilchen
Und wimmelt durch den öden Raum.

Fotos Brigitte Fuchs: Frauenskulpturen im Friedhof Aarau
Es waltet stets dasselbe Leben,
Natur geht ihren ew’gen Lauf;
In tausend neuerschaffnen Wesen
Stehn diese tausend Teilchen auf.
Das Wesen aber ist verloren,
Das nur durch ihren Bund bestand,
Wenn nicht der Zufall die verstäubten
Aufs neu zu einem Sein verband.
Theodor Storm (1817-1888) deutscher Schriftsteller, Dichter und Novellist

Fotos Brigitte Fuchs: Friedhof Rosengarten in Aarau
Sommergarten
Fotos Brigitte Fuchs: gestern gesehen auf dem Ruttigerhof in Olten
Wenig Nässe, kaum noch Kühle
spendet uns des Sommers Schwüle.
Dennoch schenkt uns mancher Garten
eine grosse Pracht an Arten:
Blütenstauden, Blumen – viele –

Fotos Brigitte Fuchs: Ruttigerhof in Olten
Töne, Düfte, Farbenspiele.
Schmetterlinge, Käfer, Hummeln
summen, schwirren, eilen, bummeln.
Kann man dieses bunte Treiben
anders als mit Glück beschreiben?
Brigitte Fuchs

Foto Brigitte Fuchs: Ruttigerhof in Olten am 11. August 2026
Aussicht
Fotos Brigitte Fuchs: Aussichtsturm in Reisiswil/BE
Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Glanz des Tages mildern.
Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.
Friedrich Hölderlin (1770-1843) deutscher Dichter

Fotos Brigitte Fuchs: Sicht vom Fusse des Aussichtsturms auf der Hochwacht
Die Schale
Foto Brigitte Fuchs
Ein Tier. Steht da. Mit keinem Satz
beschrieben in seinen Eigenschaften.
Ich stelle es mir vor: seinen Kreisflug
unter dem Flachdach der Wolken,
seine Sprünge, sein Äsen am Hang,
die auf alles gerichteten Augen. Da: –
Ich stelle eine Schale mit Wasser ins
Gedicht. Für das Tier. Für den
stillbaren Durst des Tiers.
Brigitte Fuchs
Aus „Handbuch des Fliegens“ Gedichte, edition 8, Zürich 2008









