Archiv der Kategorie: Gedichte

Nur eine Stunde von Menschen fern

Fotos Brigitte Fuchs: im Wald in Rothrist

 

 

(…)

Nur eine Stunde
im grünen Wald,
nur eine einzige Stunde!
Wo die Halme und Blumen
sich flüsternd neigen,
wo die Vögel sich wiegen
auf schwankenden Zweigen,
wo die Quelle rauscht
aus dem Felsenspalt,

nur eine Stunde
im grünen Wald!

 

Gedicht von Auguste Kurs (1815-1892) deutsche Dichterin
Letzte Strophe des gleichnamigen Gedichtes

 

 

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Heissluftballonstart

Fotos Brigitte Fuchs, gestern morgens um sechs Uhr vor Ort gesehen

 

(…)

Wenn du so leicht in den Lüften kreist,
ein wenig wippst und ein wenig dich wiegst,
fehlt nur noch, dass du trillerst und singst
wie ein Vogel im erdfernen Glück.
Ach dann scheint uns: Am liebsten gingst
du gar nicht wieder zu Boden zurück.

Um Gottes willen, du Loser, entrinn nicht
der Erde, die doch menschlich dich schuf.
Überstürz dich auch nicht und besinn dich
auf unser Vertraun und auf deinen Beruf.

 

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934) eigentlich Hans Gustav Bötticher, war ein deutscher Seefahrer, Schriftsteller, Kabarettist und Maler.
Zwei von drei Strophen seines Gedichtes: „An ein startendes Flugzeug“

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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Nach dem Regen

Fotos Brigitte Fuchs

 

Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein,
Tiefgrüne feuchte Reben
Gucken ins Fenster herein.

Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
Im Garten jagen spielend
Die Buben den Mädeln nach.

Es knistert in den Büschen,
Es zieht durch die helle Luft
Das Klingen fallender Tropfen,
Der Sommerregenduft.

 

 

Ada Christen (1839-1901) österreichische Dichterin

 

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Fotografie

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Einen guten Meter über dem Boden im

Freudensprung verharrend dein Übermut

für eine papierene Ewigkeit festgehalten

die Spannung eingefroren nichts liegt dir

ganz fern das Oben das Unten beides

noch zu haben so also hält man die Welt

an denke ich so lang schon so jung und

über dieses Alter wächst du niemals hinaus

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020

 

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Weiher im Wald

Fotos Brigitte Fuchs: Waldweiher in Rothrist

 

 

Wer Schutz und Kühlung sucht an

überhitzten Julitagen flieht in den Wald

im marmorierten Blätterschatten führt

dort ein Pfad durch Busch und Binsen

zum Weiher der inzwischen kaum noch

Wasser führt und doch regt sich das Leben

Frösche springen singen fröhlich falsch

zwei Enten halten Mittagsruhe es schwirren

die Libellen zu den Lieblingslandestellen

in all den hohen Blätterkronen zwitschert

es und zirpt verstohlen blitzt die Sonne

durch die grünen Jalousien was bleibt

an Bildern und Bewunderung ist wohl im

Merk- und Freudentagebuch nur dürftig

und wie immer unzureichend abzuheften

 

Brigitte Fuchs

 

Fotos Brigitte Fuchs: am Waldweiher in Rothrist

 

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Im August

Ein Tier. Steht da. Mit keinem Satz
beschrieben in seinen Eigenschaften.

Ich stelle es mir vor: seinen Kreisflug
unter dem Flachdach der Wolken,
seine Sprünge, sein Äsen am Hang,
die auf alles gerichteten Augen. Da: –

Ich stelle eine Schale mit Wasser ins
Gedicht. Für das Tier. Für den
stillbaren Durst des Tiers.

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Handbuch des Fliegens“ Gedichte, edition 8, Zürich 2008

 

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Der Spaziergang

Fotos Brigitte Fuchs

1

 

Musik summt im Gehölz am Nachmittag.
Im Korn sich ernste Vogelscheuchen drehn.
Holunderbüsche sacht am Weg verwehn;
Ein Haus zerflimmert wunderlich und vag.

In Goldnem schwebt ein Duft von Thymian,
Auf einem Stein steht eine heitere Zahl.
Auf einer Wiese spielen Kinder Ball,
Dann hebt ein Baum vor dir zu kreisen an.

Du träumst: Die Schwester kämmt ihr blondes Haar,
Auch schreibt ein ferner Freund dir einen Brief.
Ein Schober fliegt durchs Grau vergilbt und schief
Und manchmal schwebst du leicht und wunderbar.

 

 

Georg Trakl (1887-1914) österreichischer Dichter und Schriftsteller
1. von drei Zyklen im Langgedicht „Der Spaziergang“

 

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Jetzt oder

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Nie werde ich das Lachen wiederfinden, das ich

kurz vor Mittag ablegte. DIE STUNDE IST NEU.

Während ich schreibe: „Die Stunde ist neu,

fähig zum einzigen Leben, fähig zu jedem Tod…“,

 

wächst mir der Holunder über den Kopf.

(Niemand beschwert sich über die Zudringlichkeit

der Gewächse. Niemand kommt und bedauert

das Wegbleiben des Meeres.)

 

Kaum, dass ich vermerke: „Die Stunde ist neu, ich

muss mir den Anfang erfinden – ein Land, ein

Lachen, eine Kunst…“, taucht das Meer auf. Deutlich

und mit allen Wassern wie nie.

 

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Handbuch des Fliegens“ Gedichte, edition 8, Zürich 2008

 

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Die Haustüre klemmt

Fotos Brigitte Fuchs: Luzerner Hinterland

 

 

Manche Tage sind schnell erzählt
Ungewohnte Hitze draussen die
Haustüre klemmt doch das Moos
zwischen den Steinplatten lässt sich
erstaunlich leicht wegkratzen

Eine der drei Alphornbläserinnen hat
ihr Kleinkind auf dem Arm es trifft wie
sie den Ton da fallen erste Tropfen nun
rasch unters Dach die Gewitterfront
zieht mal wieder vorbei am Geschehen

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“, Gedichte, edition 8, Zürich 2014

 

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Die sonnige Kinderstrasse

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Meine frühe Kindheit hat

Auf sonniger Strasse getollt;

Hat nur ein Steinchen, ein Blatt

Zum Glücklichsein gewollt.

 

Jahre verschwelgten. Ich suche matt

Jene sonnige Strasse heut,

Wieder zu lernen, wie man am Blatt,

Wie man am Steinchen sich freut.

 

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Autor,Dichter, Kabarettist und Seefahrer

 

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