Archiv der Kategorie: Gedichte
Guter Name
Foto Brigitte Fuchs
Hüte Deinen guten Namen,
Hüt‘ ihn wohl bei Tag und Nacht,
Weil schon oft die Diebe kamen,
Wenn der Wächter nicht gewacht;
Auch die Ehre kann man stehlen,
Wenn die eig’ne That dich schmäht;
Nimmer wird’s an Krähen fehlen,
Wo man Reis im Acker sät.
Eduard Eyth (1809-1884) deutscher Altphilologe, Dichter und Übersetzer
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Im Park

Fotos Brigitte Fuchs: Ballypark in Schönenwerd
Im Park
Wieder wandelnd im alten Park,
O! Stille gelb und roter Blumen.
Ihr auch trauert, ihr sanften Götter,
Und das herbstliche Gold der Ulme.
Reglos ragt am bläulichen Weiher
Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel.
O! dann neige auch du die Stirn
Vor der Ahnen verfallenem Marmor.
Georg Trakl (1887-1914) österreichischer Dichter

Fotos Brigitte Fuchs: Pfahlbauten im Pallypark Schönenwerd
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Jetzt ist es Herbst
Fotos Brigitte Fuchs: Ballypark Schönenwerd
Jetzt ist es Herbst,
Die Welt ward weit,
Die Berge öffnen ihre Arme
Und reichen dir Unendlichkeit.
Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub,
Die Bäume sehen in den Staub,
Sie lauschen auf den Schritt der Zeit.
Jetzt ist es Herbst,
das Herz ward weit.
Das Herz, das viel gewandert ist,
Das sich verjüngt mit Lust und List,
Das Herz muss gleich den Bäumen lauschen
Und Blicke mit dem Staube tauschen.
Es hat geküsst, ahnt seine Frist,
Das Laub fällt hin, das Herz vergisst.
Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler
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Museumsschweigen
Fotos Brigitte Fuchs: Naturmuseum Olten
Wie’s Gedanken gibt,
Die durch Stein und Welten gehn,
Kann’s geschehn,
Dass die Fliege den Ichthyosaurus liebt.
Still ist’s im Museumssaal.
„Lieber Freund, ich liege
Fest in Bernstein“, sagt die Fliege,
„Bernstein ist ein Mineral.
Und ich liebe dich, du Riesenexemplar,
Und ich möchte deinetwegen
Nur noch einmal Eier legen.“
„Bernstein?
Kann gern sein“,
Sagt das Ichthyosau,
„Aber ich bin auch eine Frau,
Eine sehr entschlossene sogar.
Weil ich noch in dem Momente,
Als gewisse Elemente
Mich erstickten, noch ein Kind halb gebar.“
„Eier oder lebendig — —“,
Sagt die Fliege, „Wir wohnen
Beide auf der Welt seit Millionen
Jahren. — Wissen Sie die Zahl noch auswendig?“
„Nicht so ganz genau“,
Sagt Frau Ichthyosau,
„Aber wollen wir doch nicht sentimental
Flöten oder winseln.
Nein, versuchen wir jetzt wieder einmal,
Ganz verliebt einander anzublinzeln.“
Da betrat den Museumssaal
Der pensionsberechtigte Museumswärter.
Und da blinzelten die beiden nicht.
Denn solch Wärter
Tut eben seine Pflicht
Und schürft nicht tiefer.
Denn Beamtenpflicht ist härter
Als Bernstein und Schiefer.
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer
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Schlafen, Schlafen
Fotos Brigitte Fuchs
Schlafen, schlafen, nichts als Schlafen!
Kein Erwachen, keinen Traum!
Jener Wehen, die mich trafen,
Leisestes Erinnern kaum,
Dass ich, wenn des Lebens Fülle
Nieder klingt in meine Ruh‘,
Nur noch tiefer mich verhülle,
Fester zu die Augen tu‘!
Friedrich Hebbel (1813-1863) deutscher Dramatiker und Lyriker

Fotos Brigitte Fuchs: im Zürcher Zoo
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Heut ist der holde Tag
Foto Brigitte Fuchs
Heut ist der holde Tag
Nicht warm und kalt auch nicht,
die Wolke wäscht
der Welt ihr Blumenangesicht; ich hör die Nachtigall
wie sie zur Rose spricht:
„Blüh auf und lieb und trink,
eh´ dich der Herbstwind bricht.“
Omar Khayyam, deutsch Omar Chajjam, (1048-1131) persischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Kalenderreformer, Philosoph und Dichter
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Schrebergärten

Foto Brigitte Fuchs
(…)
So schön, ich sehn mich kaum nach jenem andern,
Dem andern Garten, wo ich früher war.
Ich weiss nicht wo … Ich rieche nur den Tau,
Den Tau, der früh an meinen Haaren hing,
Den Duft der Erde weiss ich, feucht und lau,
Wenn ich die weichen Beeren suchen ging …
In jenem Garten, wo ich früher war …
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker
Die zweite Strophe seines zweistrophigen Gedichts „Mein Garten“

Foto Brigitte Fuchs
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Soeben
Foto Brigitte Fuchs: Installation in Burgdorf
Soeben strich ein Wind durchs Haar,
soeben dieser Blick noch war.
Ein Atemzug, ein leises Schreiten,
die beide ins Vorüber gleiten.
Und während ein Moment zerrinnt,
soeben einer neu beginnt.
Brigitte Fuchs

Foto Brigitte Fuchs
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Vorgefühl
Fotos Brigitte Fuchs
Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muss sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schliessen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.
Da weiss ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem grossen Sturm.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) österreichischer Lyriker deutscher und französischer Sprache
Gedicht aus „Das Buch der Bilder“
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Am Wasser
Fotos Brigitte Fuchs
Die Wasser tragen alles
Die Wasser tragen alles:
Leg‘ nur dein Glück darauf!
Sie heben’s wie auf Händen
Zum Sternenlicht hinauf.
Die Wasser tragen alles:
Leg‘ auch dein Leid darauf!
Sie tragen’s nach dem Meere
In nimmermüdem Lauf.
Karl Ernst Knodt (1856-1917) deutscher Dichter und Waldpfarrer
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