Archiv der Kategorie: Gedichte
Welttag der Poesie
Die Sätze die Gärten das Salz
Ihre Sätze sind Eimer bis zum Rand gefüllt
sie spricht Brücken über den Fluss
redet in weiten Landstrichen ihre Winterworte
nehmen den Frühling voraus
Grün ist nicht grün erklärt sie
wenn sie Meer in den Morgen kippt
In ihren Nesselgärten spielt das Licht
während sie fortfährt zu sprechen trifft
mich die Helle auf der Zunge brennt Salz
zu früh sagt sie plötzlich schreib nicht zu früh
Brigitte Fuchs
Aus „Suchbild mit Garten“ Gedichte, Kukuruz Verlag Lüchingen 1998


Gleichnis vom Schreiben
Nicht immer fällt Zauber
von der Stirne aufs Blatt und
immer ist nur eines da die
Blösse zu bedecken: grün
oder weiss
Aber man kann Schiffe
falten und sie durch die Luft
segeln lassen beladen mit Efeu
und Rosenbäumen und
bei auffrischendem Wind
fahren die Schiffe ein
im Garten des blinden Gärtners
und er legt hellblühende
Reihen an und seine Hand
geht von Blatt zu Blatt
Brigitte Fuchs
Aus „Suchbild mit Garten“ Gedichte, Kukuruz Verlag Lüchingen 1998

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Gefunden
Foto Brigitte Fuchs: Buschwindröschen
Ich ging im Walde
so für mich hin,
und nichts zu suchen,
das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
ein Blümchen steh’n,
wie Sterne leuchtend,
wie Äuglein schön.
Ich wollt‘ es brechen,
da sagt‘ es fein:
Soll ich zum Welken
gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen
den Würzlein aus,
zum Garten trug ich’s,
am hübschen Haus,
Und pflanzt es wieder
am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
und blüht so fort.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

Foto Brigitte Fuchs
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Frühlingsgelb
Fotos Brigitte Fuchs: Winter-Jasmin
Wie sind wir fein umgeben
vom Gelb der Frühlingsblüten.
Die Freude lässt uns schweben
und diese Bilder hüten
wie wundersame Träume.
Es spriessen rings im Orte
die Sträucher und die Bäume
so schön – und ohne Worte.
Brigitte Fuchs
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Magnolienblüte

Fotos Brigitte Fuchs
Wenn die weisse Mondlichtseide
über die Magnolien fliesst,
beugt sich tief mein Herz im Leide,
weil so kurz das Leben ist.
Alle Sorgen, alle Mühen
segnet solcher Schönheit Schein.
Und von dieser Erde Blühen
muss so bald geschieden sein?
Ewig, ewig möchte ich schauen
dieser Schöpfung Lieblichkeit.
Lass, Herr, einen Trost mir tauen
vor der nahen Dunkelheit.
Dass ein Blütenkelch voll Freude
In das Trennungsleid sich giesst,
wenn die weisse Mondlichtseide
über die Magnolien fliesst.
Auguste Haarländer (1882-1919) Journalistin und Schriftstellerin, verstarb früh an Herzversagen.
Das Gedicht wurde von ihr verfasst im Frühling 1917
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Frühling
Fotos Brigitte Fuchs
Die Rebe blüht, ihr linder Hauch
Durchzieht das thauige Revier,
Und nah‘ und ferne wiegt die Luft
Vielfarb’ger Blumen bunte Zier.
Wie’s um mich gaukelt, wie es summt
Von Vogel, Bien‘ und Schmetterling,
Wie seine seidnen Wimpel regt
Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing.
Noch sucht man gern den Sonnenschein
Und nimmt die trocknen Plätzchen ein;
Denn Nachts schleicht an die Gränze doch
Der landesflücht’ge Winter noch.
O du mein ernst gewalt’ger Greis,
Mein Säntis mit der Locke weiss!
In Felsenblöcke eingemauert,
Von Schneegestöber überschauert,
In Eisespanzer eingeschnürt:
Hu! wie dich schaudert, wie dich friert!
Annette von Droste Hülshoff (1797-1848) deutsche Dichterin und Komponistin
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Der Storch
Foto Brigitte Fuchs
Der Storch kommt aus Egypterland,
Weil Frühlingslüfte riefen.
Er steht auf seinem alten Stand
Und klappert Hieroglyphen.
Da nun Poeten überall
Der Vogelsprache kundig,
So auch den ganzen Klapperschwall
Des braven Storchs verstund ich.
Da er zurück von Pyramid‘,
Von Nil und Krokodil kam,
So war’s ein gar vergnüglich Lied
Vom wunderschönen Nilschlamm.
(…)
Heinrich Seidel (1842-1906) deutscher Ingenieur und Schriftsteller
Die ersten drei von acht Strophen seines Gedichtes „Der Storch“
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Frohe Kunde
Fotos Brigitte Fuchs
Erwacht! Erhebt euch! Also sangen
die Lerchen schwebend über dem Feld;
da fing es unten an zu prangen,
und festlich schmückte sich die Welt.
O süsse Kunde, die erklungen
von oben ist in Haus und Herz!
Des Todes Fesseln sind zersprungen,
und Leben regt sich allerwärts.
Gekommen ist aus Südens Ferne
der Lenz und weckt ein neues Blühn;
herunter fallen goldne Sterne,
zahllose, auf das Wiesengrün.
Bald hat aufs neu Besitz genommen
das Schwalbenpaar vom alten Nest.
O frohes Fest, sei uns willkommen,
willkommen Auferstehungsfest!
Johannes Trojan (1837-1915) deutscher Schriftsteller, Redakteur und Kinderbuchautor
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Vogelsang
-

Foto Brigitte Fuchs
Es klang ein Lied vom Himmelszelt
Hell über allen Landen,
Doch hat es in der weiten Welt
Wohl niemand recht verstanden.Nur durch der Vöglein lauschend Ohr
Ist tiefer es gedrungen
Und wird seitdem als Frühlingschor
In Feld und Wald gesungen.Doch wo man einen Menschen sieht
Durch Busch und Auen gehen,
So kann er leider dieses Lied
Noch immer nicht verstehen.
-
Karl May (1842-1912) deutscher Schriftsteller
Aus dem Gedichtband „Himmelsgedanken“ Karl-May-Verlag, Radebeul bei Dresden, ohne Jahrgang


Fotos Brigitte Fuchs
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Das schlimmste Tier
Fotos Brigitte Fuchs
Wie heisst das schlimmste Tier mit Namen?
So fragt‘ ein König einen weisen Mann.
Der Weise sprach: von wilden heissts Tyrann,
Und Schmeichler von den zahmen.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) deutscher Dichter, Dramatiker und Kritiker
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An meinen Kaktus
Foto Brigitte Fuchs
Du alter Stachelkaks,
Du bist kein Bohnerwachs,
Kein Gewächs, das die Liebe sich pflückt,
Sondern du bist nur ein bisschen verrückt.
Ich weiss, dass du wenig trinkst.
Du hast auch keinerlei Duft.
Aber, ohne dass du selber stinkst,
Saugst du Stubenmief ein wie Tropenluft.
Du springst niemals Menschen an oder Vieh.
Wer aber mit Absicht oder versehentlich
Sich einmal auf dich
Setzte, vergisst dich nie.
Ein betrunkener, lachender Mann
Schenkte dich mir, du lustiges Kleines,
Dass ich den Vater ersetze dir kantigem Ableger
Eines verrückten, stets starren Stachelschweines.
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Erzähler, Maler und Seefahrer

Foto Brigitte Fuchs
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