Archiv der Kategorie: Gedichte

Winter

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Verschlossen und dunkel ist um und um
Mein winterlich Herze zu schauen,
Doch innen, da ist es erleuchtet und hell,
Da dehnen sich grünende Auen.

Da stell ich den Frühling im kleinen auf
Mit Rosengärten und Bronnen,
Da spann ich ein liebliches Himmelblau aus
Mit Regenbogen und Sonnen!

(…)

Dann ändr‘ ich die Szene und lasse mit Macht
Den blitzenden Sommer erglühen,
Ich lasse die Schnitter auf Garben ruhn
Und blutrote Mohnfelder blühen.

Und dann durchschneid ich mit Wetterschein
Mein Herz und füll es mit Stürmen,
Lass Schiffe und Mannschaft zu Grunde gehn,
Dann »Feuer« von Bergen und Türmen!

(…)

Ich schüttle die Tannen wie Besenreis
Und fege das Laub von den Wäldern,
Ich lösche am Himmel die Sterne aus
Und senge das Gras auf den Feldern.

(…)

So spiel ich den langen Winter hindurch;
Doch wenn die Maiblumen sprossen,
Zerbrech ich das gläserne Puppenspiel
Und mache den Dichter im grossen!

 

Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Dichter, Schriftsteller und Politiker
Ein paar Strophen aus dem Langgedicht „Winter“

 

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Der Bäume Wintertraum

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Frieren und zittern die Bäume
Starrend im Winterrock,
Webt ihre Seele Träume
Unten im Wurzelstock.

Spinnt und webt in der langen
Dämmernden Winterzeit
sich aus Farben und Prangen
Bräutlich ein Frühlingskleid.

(…)

 

Jakob Bosshart (1862-1924) Schweizer Schriftsteller und Philologe
Die ersten beiden von vier Strophen des gleichnamigen Gedichtes

 

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Ich sehe

Foto Brigitte Fuchs

 

Ich höre wasser rinnen,
ich sehe fische darinnen,
ich schau
was in der welt,
in gras und schilf und feld
läuft, hüpft und
in die höhe fliegt,
und auch
das knie zur erde biegt.
ich sehe!
ich sehe und
ich flehe, dass
doch eines davon ist
ohne hass.

 

Walther von der Vogelweide (um 1170 – ca. 1230) Minnesänger
In einer freien Übertragung von K. Bernhard

 

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An die Redaktion der „Lustigen Blätter“

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Auch uns, in ehren sei’s gesagt,
Hat einst der Karneval behagt,
Besonders und zu allermeist
In einer Stadt, die München heißt.
Wie reizend fand man dazumal
Ein menschenwarmes Festlokal,
Wie fleißig wurde über nacht
Das Glas gefüllt und leer gemacht,
Und gingen wir im Schnee zuhaus,
War grad die frühe Meße aus,
Dann konnten gleich die frömmsten Fraun
Sich negativ an uns erbaun.
Die Zeit verging, das Alter kam,
Wir wurden sittsam, wurden zahm.
Nun sehn wir zwar noch ziemlich gern
Die Sach uns an, doch nur von fern
(Ein Auge zu, Mundwinkel schief)
Durch’s umgekehrte Perspektiv.

 

Abgeschickt 30ten Jan. 1905.

Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Zeichner, Maler und Dichter

 

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Bauernständchen

Foto Brigitte Fuchs: Hallwilersee

 

 

(…)

Ei zum Teufel! guck heraus!
Höre mein Gesuche!
Beten, Singen geht mir aus,
Willst du, dass ich fluche?
Muss ich doch ein Hans Dampf sein,
Frör ich nicht zu Stein und Bein,
Wenn ich länger bliebe?
Liebe, das verdank ich dir,
Winterbeulen machst du mir,
Du vertrackte Liebe!
Draussen, draussen Kalt und Graus!
Ei, zum Teufel, guck heraus.

(…)

 

Friedrich Schiller (1759-1805) deutscher Dichter, Dramatiker, Philosoph und Historiker
Auszug aus dem Langgedicht „Bauernständchen“

 

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Stundenspiel

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Hohes Wort,
Gebirgsverwandtschaft!
Klarer Ort,
durch alle Landschaft
tiefer fort —

Sprich ins Weite,
hol aus Fernen
fremd Geleite —
ach, mit Sternen
nie zur Seite!

Zauberkreis,
erstarrte Steppen,
früher Eis,
geheime Treppen:
— kein Beweis.

(…)

 

Alexander Xaver Gwerder (1923-1952) Schweizer Dichter und Schriftsteller
Drei von sieben Strophen seines Gedichtes „Stundenspiel (für Erwin Jaeckle)
aus „Blauer Eisenhut“, Gedichte

 

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Vorfrühling

Foto Brigitte Fuchs

 

Stürme brausten über Nacht,
und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weisse Streif –
Zweifelnd frag‘ ich mein Gemüte:
Ist’s ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?

 

Paul Heyse (1830-1914) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer

 

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Mein Fluss

Fotos Brigitte Fuchs: Aare bei Rothrist

 

 

(…)

Du murmelst so, mein Fluss, warum?
Du trägst seit alten Tagen
Ein seltsam Märchen mit dir um
Und mühst dich, es zu sagen;
Du eilst so sehr und läufst so sehr,
Als müsstest du im Land umher,
Man weiss nicht wen, drum fragen.

Der Himmel, blau und kinderrein,
Worin die Wellen singen,
Der Himmel ist die Seele dein;
O lass mich ihn durchdringen!
Ich tauche mich mit Geist und Sinn
Durch die vertiefte Bläue hin
Und kann sie nicht erschwingen!

(…)

 

 

Eduard Mörike (1804-1875) deutscher Dichter
Zwei von sechs Strophen seines gleichnamigen Gedichtes

 

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Februar

Foto Brigitte Fuchs

 

 

O seliger Anfang Februar!
Es steigt das Jahr.
Die Sonne kehrt zurück und länger bleibt das Licht.
Ich fühle mich von stiller Kraft durchfeuert,
Die rinnend weit mir das Geblüt durchflicht,
Ich treibe wachsend Ring und Schicht,
Ich werd‘ erneuert.

 

Ernst Lissauer (1882-1937) deutscher Dramatiker, Lyriker und Publizist

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Traum

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Im Traum kehren oft
Momente des Lebens wieder,
die uns überraschten
und auf Augenblicke
hilflos machten.
Meist sind es Kleinigkeiten.
Grosse Eindrücke,
bei denen man sich beherrscht hat,
bleiben fern.

.

 

Paul Klee (1879-1940) deutscher Maler und Grafiker
Gedichttext aus dem Jahre 1906

 

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