Archiv der Kategorie: Gedichte
Die sonnige Kinderstrasse
Fotos Brigitte Fuchs
Meine frühe Kindheit hat
Auf sonniger Strasse getollt;
Hat nur ein Steinchen, ein Blatt
Zum Glücklichsein gewollt.
Jahre verschwelgten. Ich suche matt
Jene sonnige Strasse heut,
Wieder zu lernen, wie man am Blatt,
Wie man am Steinchen sich freut.
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Autor,Dichter, Kabarettist und Seefahrer
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Bergheide
Fotos Brigitte Fuchs: Glaubenberg (Alpenpass zwischen den Kantonen Luzern und Obwalden)
Hier, zwischen reinem Bache,
Wacholder, Enzianen,
Ergreift mich frühes Ahnen.
Ich schlief, und ich erwache.
Die Föhren und die Steine,
Die Steine und die Föhren,
Sie lassen Sprache hören,
Dass ich versunken weine.
Wie rinnt die Zeit von hinnen
Mit allen ihren Bildern!
Sie glänzen und verwildern,
Und manches bleibt tief innen.
Nun ist mir doch, ich liege,
Von Mutterhand geschaukelt,
Von buntem Traum umgaukelt,
In meiner kleinen Wiege.
Emanuel von Bodman (1874-1946) deutscher Schriftsteller und Dichter

Fotos Brigitte Fuchs
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Der Buchfink
Foto Brigitte Fuchs
In den grünen Buchenhallen
Wandre ich vergnügt und froh,
Und von allen Wipfeln schallen
Hör ichs ebenso,
Überall nur ein Getön:
„Trallala, die Welt ist schön!“
Gibt es Kummer? Gibt es Sorgen?
Ach, ich weiss es gar nicht mehr,
Schreit ich so am Frühlingsmorgen
Frisch und froh daher,
Wenn es klingt vom grünen Zelt:
„Trallala; schön ist die Welt!“
Ja, die kleinen klugen Finken
Sind der höchsten Weisheit voll.
Wer in Trübsinn will versinken,
Der ist wirklich toll,
Wenn es schallt aus grünen Höhn:
„Trallala, die Welt ist schön!“
Heinrich Seidel (1842-1906) deutscher Ingenieur und Schriftsteller

Foto Brigitte Fuchs
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Dorfrand
Fotos Brigitte Fuchs
Zunächst war es ein einfaches Leben
ach und auf den Dächern die Spatzen
die Tauben flogen unbekümmert über
die alten Sprichwörter hinaus dann
fielen Türen ins Schloss breiteten sich
Holzwege aus knietiefe Furchen durch
nasse Weiden alle Warnrufe schlugen
fehl keine Erfahrung die nicht schon
hinkte bald reimlos ans Satzende kroch
Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“ Gedichte, edition 8, Zürich 2020
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Wandern
Fotos Brigitte Fuchs: Homberg im Kanton Aargau
Ich wandre sonder Zweck und Ziel,
Das ist das rechte Wandern.
Die Bächlein fragen nicht wohin,
Und kommt doch eins zum andern.
Ein wenig Grün für meinen Hut
Und Blumen gibt’s allwegen,
Und wenn der Sonnenschein nicht lacht,
Erfreu ich mich am Regen.
(…)
Jakob Loewenberg (1856-1929) deutscher Schriftsteller und Pädagoge
Die ersten zwei der vier Strophen seines Gedichtes „Wandern“
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Albumblatt

Fotos Brigitte Fuchs: Bremgarten bei Bern
Sommer durch die Lauben glüht,
Frühling zog vorbei –
Sing mir noch ein kleines Lied –
Kleines Lied vom Mai.
Wasser plätschern – trinken sacht
Meiner Armut Bild;
Einst ach hat die Frühlingsnacht
Mich in Samt gehüllt.
Sommer durch die Lauben glüht,
Frühling zog vorbei…
Sing mir noch ein kleines Lied –
Kleines Lied vom Mai
1921
Jakob Haringer (1898-1948) deutscher Schriftsteller, der später in die Schweiz emigrierte
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Am Grab eines Freundes
Foto Brigitte Fuchs: Schmetterling auf einem Grabstein
Nur kurz setzt sich der Schmetterling
auf diesen kühlen Marmorstein.
Als ob er wüsste – kann es sein –
dass hier ein Mensch für immer ging.
Wie samtig-leicht, wie unbelastet
er zwischen Tod und Leben rastet.
Brigitte Fuchs

Foto Brigitte Fuchs: Schmetterling „Kleiner Fuchs“
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Juni
Fotos Brigitte Fuchs
Juni streift mit warmer Hand
letzte Blüten von den Bäumen.
Wie enttaucht verwelkten Träumen,
schaut aus dunkler Blätterwand
junge Frucht in lichtes Land.
Fridolin Hofer (1861-1940) Schweizer Autor und Lyriker
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Schwertlilien
Foto Brigitte Fuchs
Das sind die Blumen, die wie Kirchen sind.
Ein Blick in sie hinein zwingt uns zu schweigen.
Wie Weihrauch fromm berauschend strömt ihr Duft,
Wenn wir uns zu der schönen Blüte neigen.
Sie sind wie Schmetterlinge dünn und zart.
Und wissen ihr Geheimnis doch zu hüten.
Es hellen goldne Kerzen sanft den Pfad
Ins Allerheiligste der Wunderblüten.
Franziska Stoecklin (1894-1931) Schweizer Schriftstellerin und Künstlerin

Foto Brigitte Fuchs
Hier noch das Haiku, das Petros (siehe: www.blogpoesie.de) vorhin als Extra schickte:
Thront über dem Grün
Blau leuchtet ihr Geheimnis –
Ein Hauch Sommerwind
Petros
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Wohin der Weg?

Foto Brigitte Fuchs: vorgestern bei der Fahrt auf den Homberg im oberen Wynental angetroffen
Du fragst: Wohin der Weg?
… Das kann ich dir nicht nennen.
Denn Weg und Ziel muss doch
Ein jeder für sich kennen!
Nie liegt der Weg frei da:
Ein jeder muss ihn schaffen!
Der breite Weg, so nah,
Er ist doch nur für Laffen.
Foto Brigitte Fuchs
Du musst dir deinen Pfad
Durch wildes Dickicht hauen
Und ohne Hilf‘ und Gnad‘
Ganz deiner Kraft vertrauen.
Denn unbetretnes Land,
Das wollen wir erkämpfen,
Und drum des Geistes Brand
Durch nichts uns lassen dämpfen.
Foto Brigitte Fuchs
Und willst du selbst mir nach,
So musst du dich bereiten
Auf Schmerzen und auf Schmach,
Auf Öd‘ und Einsamkeiten.
Karl Ernst Knodt (1856-1917) deutscher Dichter und Waldpfarrer
Quelle: „Von Sehnsucht, Schönheit, Wahrheit“, 1. Auflage 1910
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