Jetzt oder

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Nie werde ich das Lachen wiederfinden, das ich

kurz vor Mittag ablegte. DIE STUNDE IST NEU.

Während ich schreibe: „Die Stunde ist neu,

fähig zum einzigen Leben, fähig zu jedem Tod…“,

 

wächst mir der Holunder über den Kopf.

(Niemand beschwert sich über die Zudringlichkeit

der Gewächse. Niemand kommt und bedauert

das Wegbleiben des Meeres.)

 

Kaum, dass ich vermerke: „Die Stunde ist neu, ich

muss mir den Anfang erfinden – ein Land, ein

Lachen, eine Kunst…“, taucht das Meer auf. Deutlich

und mit allen Wassern wie nie.

 

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Handbuch des Fliegens“ Gedichte, edition 8, Zürich 2008

 

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14 Antworten auf Jetzt oder

  1. Petros sagt:

    …der NULLPUNKT. Er steckt voller Chancen und Risiken.
    Guten Morgen, Brigitte

    Petros

  2. quersatzein sagt:

    Das denke ich auch, Petros.
    Einen guten Morgen auch dir!

  3. merlin sagt:

    schön ist alles gut gegangen und du bist den weisskitteln wieder entkommen 🙂
    auch von daher passen deine zeilen wunderbar.
    eine solche operation ist wie eine neugeburt.
    zum bild mit dem holunder kommen mir zeilen von brambach in den sinn:
    …zeitlos im holunderschatten liegen
    und eins, drei oder fünf als gerade zahlen stehen lassen…
    ein frohen tag dir/euch und herzliche morgengrüsse.

  4. quersatzein sagt:

    Oh ja, das ist eine grosse Erleichterung.
    Von Rainer Brambach habe ich schon länger nichts gelesen. Gut, dass du mich an ihn erinnerst. Es wäre so schön, wenn man Gedichte von ihm im Blog einstellen dürfte … (Aber ich werde mal wieder in seinen Werken lesen und schwelgen.)
    Einen fröhlichen Tag auch dir und euch, Merlin.
    An Sonne und Sommerwärme wird es nicht fehlen. :–)
    Herzlichen Gruss.

  5. andrea sagt:

    das ist ein wunderbares, angesichts der vielen enden, die es im leben so gibt, und im wissen, dass es ein allerletztes geben wird, tatsächlich trost spendendes gedicht.
    (auch ganz wunderbar „komponiert“, eine so schlüssige und doch nicht geschlossene bildsprache, mir so naheliegend: die sprache der / mit der natur … )

    liebe grüße aus meiner gartenwildnis, andrea

  6. quersatzein sagt:

    Deine schöne Würdigung des schon „betagten“ Gedichtes freut mich sehr, Andrea.
    Offenbar habe ich damals schon ähnliche Gedanken „gewälzt“. 🙂
    Und das Denken bleibt ja weitgehend aktuell.

    Lieben Dank und frohe Retourgrüsse zu dir.

  7. Helmut sagt:

    Na, großartig!

  8. Sonja sagt:

    Man muss Menschen gehen lassen. In unserer Nachbarschaft geschieht es derzeit öfter.
    Dein Gedicht: ich dachte beim ersten Lesen, dass da sicher der Name Bachmann drunter steht, die Worte klangen nach ihr.
    Doch es sind deine, umso besser!
    Sommerliche Grüße von Sonja

  9. quersatzein sagt:

    Oh, welche Ehre! :–)
    Sommerliche Grüsse zurück zu dir, Sonja.

  10. Rosie sagt:

    Liebe Brigitte, für mich hat dein Text eine besondere Intensität – dieses „Jetzt“, das sich nicht festhalten lässt, sondern sich beim Schreiben selbst verändert. Es wirkt, als würde die Sprache nicht etwas beschreiben, sondern im Moment des Entstehens bereits wieder weitergehen.
    Der Holunder ist darin für mich kein Bild des Überwältigtwerdens, sondern eher eines stillen, unaufhaltsamen Weiterlebens der Welt neben unserer Wahrnehmung. Während wir noch versuchen zu benennen, wächst und verändert sich das Draußen einfach weiter – ohne Dramatik, aber mit großer Konsequenz.
    Deine Fotos in Grün und Blau greifen das auf eine stille, schöne Weise auf. Dieses Grün, das nicht dekorativ ist, sondern wächst, und das Blau, das immer wieder durchbricht, als wäre es nie ganz weg gewesen – beides zusammen gibt deinen Zeilen einen leisen Resonanzraum.
    Vielleicht ist dein „Jetzt“ genau das: kein einzelner Moment, sondern ein Übergang, in dem sich Wahrnehmung und Welt ständig neu berühren – ohne dass einer von beiden stehen bleibt.

  11. quersatzein sagt:

    Es ist ein Genuss, deinen erläuternden Text zu meinem Gedicht zu lesen, liebe Rosie.
    Du gehst dabei den Worten und Dingen auf den Grund, zeigst die Zusammenhänge auf und bringst das, was zwischen den Zeilen zu lesen ist, präzise auf den Punkt.
    Hab herzlichen Dank für diese engagierte und feine Rückmeldung. Sie freut mich sehr! (Besonders dein wunderbarer letzter Satz prägt sich mir ein.)
    Einen lieben Gruss in diesen Sommerabend.

  12. bruni8wortbehagen sagt:

    Ein wundervolles Gedicht von Dir, liebe Brigitte!
    Ich glaube, das Lachen wächst neu mit dem Holunder…
    Ganz herzlich, Bruni

  13. quersatzein sagt:

    Ich danke dir, liebe Bruni.
    Ja, das Lachen kann wachsen in solchen Momenten.
    Herzlichen Gruss zu dir zurück.

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