Archiv des Autors: Quer
Es lacht in dem steigenden Jahr dir

Fotos Brigitte Fuchs
Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.
Die wehende saat ist wie gold noch,
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich,
Rosen begrüssen dich hold noch,
Ward auch ihr glanz etwas bleich.
Verschweigen wir was uns verwehrt ist,
Geloben wir glücklich zu sein,
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.
Stefan George (1868-1933) deutscher Lyriker
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Seifenblasen
Fotos Brigitte Fuchs
Kinder, ihre Lust zu zeigen,
lassen Seifenblasen steigen,
Wie das schimmert im Sonnenschein,
ein’ge gross und ein’ge klein.
Die geblasen mit Durchschnittsmunde,
Hielten sich eine volle Sekunde;
Mehrere aber waren dabei,
Ja, das hielt sich bis zu zwei.
Eine stieg so hoch wie das Haus,
Da stiess sie an, da war es aus.
Theodor Fontane (1819-1898) deutscher Dichter und Schriftsteller
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Es gibt …
Fotos Brigitte Fuchs
Es gibt Gymnastiker der Gemütsbewegungen.
Gerhard Hauptmann (1862-1946) deutscher Schriftsteller und Dramatiker, Nobelpreisträger für Literatur 1912
Aus „Einsichten und Ausblicke“ Aphorismen (17. Band des Gesamtwerks)
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Ballonfahrt
Es steigt im frühen Morgenlicht
ein Ballon auf bei guter Sicht.

Nimmt Fahrt auf über Dorf und Wald,
fährt höher mal und tiefer bald.

Und wird er müde (nur zum Schein),
heizt ihm der Fahrer tüchtig ein.

So schwebt er lange, sanft und leicht,
bis es den Passagieren reicht.

Alle Fotos Brigitte Fuchs: Heissluftballon über Rothrist
Bald ist ein Landeplatz gefunden –
und der Ballon dem Aug’ entschwunden.
Brigitte Fuchs
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Die Musse
Fotos Brigitte Fuchs
Sorglos schlummert die Brust und es ruhn die strengen Gedanken.
Auf die Wiese geh ich hinaus, wo das Gras aus der Wurzel
Frisch, wie die Quelle, mir keimt, wo die liebliche Lippe der Blume
Mir sich öffnet und stumm mit süssem Othem mich anhaucht,
Und an tausend Zweigen des Hains, wie an brennenden Kerzen
Mir das Flämmchen des Lebens glänzt, die rötliche Blüte,
Wo im sonnigen Quell die zufriednen Fische sich regen,
Wo die Schwalbe das Nest mit den törigen Jungen umflattert,
Und die Schmetterlinge sich freun und die Bienen, da wandl ich
Mitten in ihrer Lust; ich steh im friedlichen Felde
Wie ein liebender Ulmbaum da, und wie Reben und Trauben
Schlingen sich rund um mich die süssen Spiele des Lebens.
(…)
Friedrich Hölderlin (1770-1843) deutscher Dichter
Erste Strophe aus seinem Langgedicht „Die Musse“

Fotos Brigitte Fuchs
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Heranreifendes
Fotos Brigitte Fuchs: Sonnenblumenfeld – inzwischen ist es gelb!
Ein jedes Ding muss Zeit zum Reifen haben.
William Shakespeare (1564-1616) englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter
Früchte reifen an der Sonne, Menschen reifen durch die Liebe.
Julius Langbehn (1851-1907) deutscher Schriftsteller und Kulturkritiker

Fotos Brigitte Fuchs: heranreifende Früchte und Nüsse
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Der Libellentanz
Foto Brigitte Fuchs: Gebänderte Prachtlibelle
Der Libellentanz
und der Sonnenuntergang
bilden eine Welt.
Kigiku, Lebensdaten unbekannt, japanischer Haiku-Dichter
Aus „Japanische Jahreszeiten“ Tanka und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten, Manesse Verlag, Zürich

Fotos Brigitte Fuchs
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Der Hitze trotzen
Fotos Brigitte Fuchs: Impressionen vom Umzug im Rahmen des Kinderfestes Rothrist am 28. 6. 2025
Nicht genug!
Lebenswogen,
Kaum verzogen,
Was ich ringend je ertrug:
Neue wollen
Mich umrollen,
’s ist noch lange nicht genug.
Schicksalsschmiede,
Drin zum Liede
Stark der Hammer auf mich schlug:
Frische Hitze,
Funkenblitze!
’s ist noch lange nicht genug.
Karl Henckell (1864-1929) deutscher Lyriker und Schriftsteller
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Sommerhitze
Foto Brigitte Fuchs: Aare bei Olten
Wie angenehm ist es, die Waden
im kühlenden Bache zu baden.
Da wird bald auch kühler das Denken.
(Man sollte das öfter sich schenken.)
Wenn Wasser die Beine umspülen,
da kann man es überall fühlen:
Lebendig, in wohliger Frische,
betrachtet man Füsse und Fische.
Brigitte Fuchs
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Flugzeuggedanken
Foto Brigitte Fuchs: Schaufenster
Dort unten ist die Erde mein
Mit Bauten und Feldern des Fleisses.
Wenn ich einmal nicht mehr werde sein,
Dann graben sie mich dort unten hinein,
Ich weiss es.
Dort unten ist viel Mühe und Not
Und wenig wahre Liebe. –
Nun stelle ich mir sekundenlang
Vor, dass ich oben hier bliebe,
Ewig, und lebte und wäre doch tot – –
O, macht mich der Gedanke bang.
Mein Herz und mein Gewissen schlägt
Lauter als der Propeller.
Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,
Flieg schneller!
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer
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