Archiv der Kategorie: Gedichte
Kastanien-Blüten

(…)
In all den kleinen
Kelchen der Blüten,
Die enggereiht
Wie flackernde Lichtlein
Die Dolden umstehn –
Und Bienen kommen
Und saugen die Süsse.
Und über dem Wäldchen
Und ringsumher
Unsichtbar lagert
Von Duft eine Wolke.
Aber dem Innern
Der säulengetragenen
Dämmrigen Halle
Entsteigen die Lieder
Lusttrunkener Vögel,
Mischen sich werbend
Den kosenden Düften
Und wirbeln hinauf
Ins leuchtende Blau.
(…)
Ludwig Scharf (1864-1938) deutscher Lyriker
Der mittlere Teil seines Langgedichtes „Kastanien-Blüten“


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Rat
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(…)
Jedem ist ein Haus bestellt.
Eine Freundesseele
findet jeder auf der Welt.
Suche nur und wähle.
Gib dich hin dem hohen Tag
im geliebten Lichte.
Und was Glück und Leid vermag,
wird dir zum Gedichte.
Alfred Grünewald (1884-1942) österreichischer Schriftsteller
Die zwei letzten Strophen des vierstrophigen Gedichtes „Rat“
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Trinkt die Sonne…

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Trinkt die Sonne und seid nicht bang,
Leben wandert wie Luft und Klang,
Sturmwind muss stürmen,
Wolke sich türmen,
Krater muss sprühen,
Blume verblühen,
Leben und Tod sind Duft und Klang,
Seid nicht bang.
Paula Dehmel (1862-1918) deutsche Schriftstellerin und Kinderbuchautorin
Das Gedicht ist integriert in ihre Erzählung „Von der hundertjährigen Agave“
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Schwebende Zukunft
(…)
Da schickt der Löwenzahn
Seinen Samen fort in die Luft
(…)

Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
Dort die fetten, goldigen Rosetten,
Kuhblumen, die wir als Kind übersehn.
Zartheit und Freimut lenken
Wieder später deren Samen Fahrt.
Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
So frei aus und so zart.
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Kabarettist, Schriftsteller und Seefahrer
Auszug aus seinem fünfstrophigen Gedicht „Schwebende Zukunft“

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Mailied

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Dudeldum dei,
nun haben wir Mai.
Und blühen die Weiden,
so muss man sie schneiden,
so muss man sie ritzen
sie klopfen und schlitzen
zu einer Schalmei.
Dudeldum dei,
jetzt bin ich so frei,
und lad‘ euch als Gäste
zum Tanze, zum Feste.
Was braucht ihr? Zwei Beine,
und Kosten gibt’s keine,
ein Tänzchen ist frei.
(…)
Viktor Blüthgen (1844-1920) deutscher Schriftsteller und Dichter
Zwei von vier Strophen des gleichnamigen Gedichtes

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Dichter und Gedichte
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Dichter und Gedichte
Prosaisch ist das Leben,
Die Poesie verschwunden;
Es werden keine Kränze
Dem Dichter mehr gewunden.
Es blühen jetzt die Blumen
Nur noch für Küh und Kälber,
Und wer noch liest Gedichte –
Der macht sie meistens selber!
Franz Josef Stritt (1831-1911) deutscher Hauspoet und Humorist, der für die durch Wilhelm Busch bekannten „Fliegenden Blätter“ schrieb

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Löwenzahn (Rondeau)
Lauter Gold schmückt meine Bahn!
Löwenzahn seh‘ rings ich winken,
Häuft‘ man ihn auf einen Plan,
Müsst‘ das Dorf darin versinken –
Feld und Wald nur Löwenzahn!

Und die Blüten all! Es nahn
Ihnen Bienen rasch, die flinken,
Tragen fort, was sie ersahn,
Lauter Gold!

Falter, prächtig angethan,
Wespen, welche golden blinken,
Kommen, aus dem Kelch zu trinken –
Ist’s ein Wunder, dass umfahn
Hat mein Herz in holdem Wahn
Lauter Gold?
Jaroslav Vrchlický (1853-1912) eigentlich Emilius Jakob Frida, tschechischer Dichter und Übersetzer

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Sonnett
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Bei gutem Wetter bin ich liberal,
Bei schlechtem ist die Landschaft meistens kahl,
Der Berg ist höher als das tiefste Tal.
Was wär’ die Menschheit ohne Ideal?!
Die Ideale sind des Lebens Brot,
Denn ohne Ideale ist man tot.
Der Reim befreit den Dichter aus der Not,
Wenn er ein Reimemacher ist aus echtem Schrot.
Dann legt er morgens schon im frühen Bette
die klangvoll lyrisch herrlichen Sonnette,
Die reimen von der Menschheit hohen Taten
Und stehen schon beim ersten Frühstück Paten.
Was wär die Menschheit ohne Ideale,
Ihr bliebe statt des Reims die hohle Schale.
Kurt Schwitters (1887-1948) deutscher Künstler, Maler und Dichter (Dadaist)
Sein „Sonnett“ stammt aus den 1930er Jahren.
P.S. Weshalb er Sonett mit zwei n schrieb, ist mir nicht bekannt.
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Das wahre Gesicht
Fotos Brigitte Fuchs: Wandmalereien an einer Bahnhof-Unterführung in Reinach/AG
Das wahre Gesicht
In jedes Menschen Gesichte
Steht eine Geschichte,
Sein Hassen und Lieben
Deutlich geschrieben;
Sein innerstes Wesen,
Es tritt hier ans Licht…
Doch nicht jeder kanns lesen,
Verstehn jeder nicht.
Friedrich Martin von Bodenstedt (1819-1892) deutscher Schriftsteller

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Der verspätete Wanderer
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Wo werd‘ ich sein im künft’gen Lenze?
So frug ich sonst wohl, wenn beim Hüteschwingen
Ins Tal wir ließen unser Lied erklingen,
Denn jeder Wipfel bot mir frische Kränze.
Ich wußte nur, daß rings der Frühling glänze,
Daß nach dem Meer die Ströme funkelnd gingen,
Von fernem Wunderland die Vögel singen,
Da hatt‘ das Morgenrot noch keine Grenze.
Jetzt aber wird’s schon Abend, alle Lieben
Sind wandermüde längst zurückgeblieben,
Die Nachtluft rauscht durch meine welken Kränze,
Und heimwärts rufen mich die Abendglocken,
Und in der Einsamkeit frag‘ ich erschrocken:
Wo werd‘ ich sein im künft’gen Lenze?
Joseph von Eichendorff (1788-1857) deutscher Dichter und Schriftsteller

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