Archiv der Kategorie: Gedichte

Herbstlich sonnige Tage

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Jedem leisen Verfärben
lausch ich mit stillem Bemüh’n,
jedem Wachsen und Sterben,
jedem Welken und Blüh’n.

Was da webet im Ringe,
was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
ist’s dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
die mit Düften sich füllt,
trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

 

 

Emanuel Geibel (1815-1884) deutscher Lyriker, Dramatiker und Übersetzer
Zweite Hälfte des sechsstrophigen Gedichts „Herbstlich sonnige Tage“

 

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O wieviel mehr…

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

O wieviel mehr die Schönheit schön erscheint

durch jenen süssen Schmuck, den Wert ihr webt!

Hold sieht die Rose aus, doch holder meint

man jenen süssen Duft, der in ihr lebt.

 

 

William Shakespeare (1564-1616) englischer Dramatiker, Dichter und Schauspieler

 

 

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Begegnung

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

So viele schöne Pfirsiche sind,
In die niemand beisst.

Die Gier kann auch ein verschämtes Kind
Sein. Was du nicht weisst.
Ohne Lüge kann ich mancherlei
Dir sagen, klänge dir wie Gold.
Doch zeigte ich mein Wahrstes ganz frei,
Wärest du mir nicht mehr hold.

Mädchen versäume dich nicht
Und hüte dich vor List
Ich aber träume dich,
Wie du gar nicht bist.

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer
Aus „Gedichte dreier Jahre“, Rowohlt Verlag 1932

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Durch Bauernland

Fotos Brigitte Fuchs

 

(…)

ein Kirchturm ein paar Höfe weit,
und wieder nichts als Einsamkeit,
ein Streifen Mais, ein Streifen Klee,
Kartoffelfurchen je und je,
und Acker hier und Acker dort,
und an und um und immer fort …

 

 

Josef Weinheber (1892-1945) österreichischer Schriftsteller
Die letzten Zeilen aus seinem Gedicht „Durch Bauernland“

 

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Die Libelle

Foto Brigitte Fuchs: „Blauflügel-Prachtlibelle“ (Calopteryx virgo), Männchen (die Weibchen sind bräunlicher gefärbt), auch „Gemeine Seejungfer“ genannt

 

Schimmernd schwebst du aus dem Rohr,
Aus dem Schaum der Welle
Wie ein Nixentraum empor,
Flüchtige Libelle!

Zeigst du mir das Märchenland,
Jenes sonnenhelle,
Das ich nimmer wiederfand,
Flüchtige Libelle?

Führst du das entschwund‘ne Glück
Zu des Hauses Schwelle
Mir mit gold‘nem Glanz zurück,
Flüchtige Libelle?

Oder mahnst du mich daran,
Dass nur Traum die Quelle,
Draus ich fügend trinken kann,
Flüchtige Libelle?

 

Theobald Nöthing (1841-1900) deutscher Dichter

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Sommer

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Sieh, wie sie leuchtet,
Wie sie üppig steht,
Die Rose –
Welch satter Duft zu dir hinüberweht!
Doch lose
Nur haftet ihre Pracht –
Streift deine Lust sie,
Hältst du über Nacht
Die welken Blätter in der heissen Hand …
Sie hatte einst den jungen Mai gekannt
Und muss dem stillen Sommer nun gewähren –
Hörst du das Rauschen goldener Ähren?
Es geht der Sommer über’s Land …

 

 

Thekla Lingen (1866-1931) deutsch-russische Schauspielerin und Dichterin

 

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Wer lust’gen Mut zur Arbeit trägt

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Wer lust’gen Mut zur Arbeit trägt
und rasch die Arme stets bewegt,
sich durch die Welt
noch immer schlägt.

Der Träge sitzt, weiss nicht wo aus,
und über ihn stürzt ein das Haus.
Mit frohen Segeln munter
fährt der Frohe das Leben hinunter.

 

Ludwig Tieck (1773-1853), deutscher Dichter, Dramatiker, Kritiker und Theoretiker
Text aus dem Internet

 

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Der Sommer

Foto Brigitte Fuchs

 

Entreiss dich dem Schlummer, entschlag dich der Sorgen
Ach, was du gelitten, es war nur erträumt,
Erklimme den Hügel und schau, wie der Morgen
Den nächtigen Himmel mit Purpur umsäumt.
Die Sterne verblassen; – voll Andachtswonne
Spricht singend die Lerche das Morgengebet,
Die Schatten entfliehen vor dem Antlitz der Sonne,
Die rastlos ihren Triumphzug begeht.

(…)

 

Theodor Fontane (1819-1898) deutscher Dichter und Schriftsteller
Erste von vier Strophen aus seinem Gedicht „Der Sommer“

 

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Regen-Sommer

 

Nasser Staub auf allen Wegen!
Jede Distel hängt voll Regen,
Und der Bach schreit wie ein Kind!
Nirgends blüht ein Regenbogen!
Ach, die Sonn ist weggezogen
Und der Himmel taub und blind!

 

 

Traurig ruhn des Waldes Lieder,
Alle Saat liegt siech darnieder,
Fröstelnd schläft der Wachtel Brut.
Jahreshoffnung – fahler Schimmer!
Mit den Menschen steht’s noch schlimmer:
Kalt und fühllos schleicht ihr Blut!

(…)

 

Fleh‘ zu Gott, der grüne Saaten
Und das Menschenherz beraten,
Bete heiss und immerdar,
Dass er, unsre Not zu wenden,
Licht und Wärme wolle senden
Und ein gutes Menschenjahr!

 

Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Schriftsteller, Dichter und Politiker
Drei Strophen aus seinem Gedicht „Regen-Sommer“

 

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Wassermusik

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Verregneter Sommer alles wird

gewässert das Heu die Steine das

Herz die schweren Augen erweicht

so reichlich bis seine seit je ersehnte

Stimme auftaucht eine Hornisse im

Wasserschloss im Himmel auf Erden

noch lange danach blättert sie die

feuchten leicht verschwommenen

Augusttage um wie Partituren

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Solange ihr Knie wippt“, Gedichte, edition 8, Zürich 2002

 

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