Der Storch

Foto Brigitte Fuchs

 

Der Storch kommt aus Egypterland,
Weil Frühlingslüfte riefen.
Er steht auf seinem alten Stand
Und klappert Hieroglyphen.

Da nun Poeten überall
Der Vogelsprache kundig,
So auch den ganzen Klapperschwall
Des braven Storchs verstund ich.

Da er zurück von Pyramid‘,
Von Nil und Krokodil kam,
So war’s ein gar vergnüglich Lied
Vom wunderschönen Nilschlamm.

 

(…)

 

Heinrich Seidel (1842-1906) deutscher Ingenieur und Schriftsteller
Die ersten drei von acht Strophen seines Gedichtes „Der Storch“

 

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Wunder

Fotos Brigitte Fuchs: Wandgestaltung von Kindern in Sursee

 

 

Kinder und Greise haben einen Blick für das Wunder.

 

Paul Steinmüller (1870-1940) deutscher Schriftsteller
Aus „Rhapsodien vom wahren Frieden“

 

 

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Anagramm-Zweizeiler 631

Foto Brigitte Fuchs vom 1. März 2020 (bereits in anderem Zusammenhang gezeigt)

 

 

DIE FAHRT IN DEN LENZ

FAND LINE ERHITZEND

 

 

Brigitte Fuchs

 

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Frohe Kunde

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Erwacht! Erhebt euch! Also sangen
die Lerchen schwebend über dem Feld;
da fing es unten an zu prangen,
und festlich schmückte sich die Welt.

O süsse Kunde, die erklungen
von oben ist in Haus und Herz!
Des Todes Fesseln sind zersprungen,
und Leben regt sich allerwärts.

Gekommen ist aus Südens Ferne
der Lenz und weckt ein neues Blühn;
herunter fallen goldne Sterne,
zahllose, auf das Wiesengrün.

Bald hat aufs neu Besitz genommen
das Schwalbenpaar vom alten Nest.
O frohes Fest, sei uns willkommen,
willkommen Auferstehungsfest!

 

Johannes Trojan (1837-1915) deutscher Schriftsteller, Redakteur und Kinderbuchautor

 

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Den Februar beschliessen

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Den Februar beschliessen,
den Sonnenschein geniessen,
in Wonne fast zerfliessen,
die Gräser sehn beim Spriessen
und wie ins Kraut sie schiessen,

die frühen Blüten giessen –

die Gräser sehn beim Spriessen
und wie ins Kraut sie schiessen,
in Wonne fast zerfliessen,
den Sonnenschein geniessen,
den Februar beschliessen.

 

Brigitte Fuchs

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Vogelsang

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Es klang ein Lied vom Himmelszelt
Hell über allen Landen,
Doch hat es in der weiten Welt
Wohl niemand recht verstanden.

Nur durch der Vöglein lauschend Ohr
Ist tiefer es gedrungen
Und wird seitdem als Frühlingschor
In Feld und Wald gesungen.

Doch wo man einen Menschen sieht
Durch Busch und Auen gehen,
So kann er leider dieses Lied
Noch immer nicht verstehen.

 

Karl May (1842-1912) deutscher Schriftsteller
Aus dem Gedichtband „Himmelsgedanken“ Karl-May-Verlag, Radebeul bei Dresden, ohne Jahrgang

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

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Februarmorgen

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Februarmorgen

Hellwach beginnt diesen Tag

der Eichelhäher

 

Brigitte Fuchs

 

 

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Das schlimmste Tier

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Wie heisst das schlimmste Tier mit Namen?

So fragt‘ ein König einen weisen Mann.

Der Weise sprach: von wilden heissts Tyrann,

Und Schmeichler von den zahmen.

 

 

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) deutscher Dichter, Dramatiker und Kritiker

 

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Atlantis

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Stets beginnen die Täuschungen neu
begierig auf die vertäute Welt

Wir heben Wortsteine auf werfen Blicke
von hier nach da

Unsere Wünsche füllen wir in Flaschen
und überlassen sie dem ortlosen Blau

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“, Gedichte, edition 8, Zürich 2014

 

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An meinen Kaktus

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Du alter Stachelkaks,
Du bist kein Bohnerwachs,
Kein Gewächs, das die Liebe sich pflückt,
Sondern du bist nur ein bisschen verrückt.

Ich weiss, dass du wenig trinkst.
Du hast auch keinerlei Duft.
Aber, ohne dass du selber stinkst,
Saugst du Stubenmief ein wie Tropenluft.

Du springst niemals Menschen an oder Vieh.
Wer aber mit Absicht oder versehentlich
Sich einmal auf dich
Setzte, vergisst dich nie.

Ein betrunkener, lachender Mann
Schenkte dich mir, du lustiges Kleines,
Dass ich den Vater ersetze dir kantigem Ableger
Eines verrückten, stets starren Stachelschweines.

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Erzähler, Maler und Seefahrer

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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