Archiv des Autors: Quer
Die Zeit geht nicht
Foto Brigitte Fuchs
Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karavanserei,
Wir sind die Pilger drin.
Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.
Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.
Es ist ein weisses Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.
An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End‘,
Auch ich schreib‘ meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.
Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb‘ ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.
Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Schriftsteller, Dichter und Politiker

Foto Brigitte Fuchs
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Winterwanderung
Fotos Brigitte Fuchs: Känerkinden, Basel-Landschaft
Da liegt sie, die grosse Pastete,
Die weite Landschaft vor mir,
Herr Winter, der wack’re Konditor,
Versah sie mit Schmuck und Zier.
Dass er so viel Zucker streute,
Geschah den Kindern zulieb,
Doch was er mit glitzernder Reimschrift
Darauf und darüber schrieb –
Das ist für den Wanderer,
Das ist für mich, für mich,
Und ich deut‘ und entziff’re
Die Schrift auch Strich für Strich.
Das nichtigste Ding erglänzet
Im Strahl des Sonnenlichts,
Was macht nach diesem Exempel
Manch Einer aus seinem Nichts!
Drauf krächzt die heisere Dohle,
Ich nick‘ und lache dazu,
Im Thale wirds trüb und neblig,
Es ballt sich der Schnee am Schuh –
(…)
Franz Stelzhamer (1802-1874) österreichischer Dichter und Novellist
Erste fünf von 14 Strophen seines Gedichtes „Winterwanderung“
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Drei Könige, drei Kronen
Foto Brigitte Fuchs
Meine Krone heisst Zufriedenheit.
Eine Krone, die selten Könige erfreut.
William Shakespeare (1564-1616) englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter
Es ist nicht die Krone und das Reich, was einen König macht.
Novalis (1772-1801) deutscher Lyriker
Der Krone würdig sein, ist mehr, als Kronen tragen.
Johann Friedrich von Cronegk (1731-1758) deutscher Dichter und Schriftsteller, ansbachischer Hof-, Regierungs- und Justizrat
Alle drei Sätze gelesen bei Aphorismen.de
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Winterspiele

Fotos Brigitte Fuchs
An den Winter
Willkommen, lieber Winter,
Willkommen hier zu Land!
Wie reich du bist, mit Perlen
Spielst du, als wär‘ es Sand!
Den Hof, des Gartens Wege
Hast du damit bestreut;
Sie an der Bäume Zweige
Zu Tausenden gereiht.
Dein Odem, lieber Winter,
Ist kälter, doch gesund;
Den Sturm nur halt‘ im Zaume,
Sonst macht er es zu bunt!
Elisabeth Kulmann (1808-1825) hochbegabte, doch sehr früh verstorbene deutsch-russische Dichterin

Fotos Brigitte Fuchs
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Wärme
Foto Brigitte Fuchs
Das Wort „erwärmen“ ist ein gar prächtig, herrliches Wort.
Wärme ist Leben, Kälte ist Tod.
Jeremias Gotthelf (1797-1854) Schweizer Pfarrer und Schriftsteller
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Gedicht für einen Wintertag
Foto Brigitte Fuchs: Beromünster
Es sieht ringsum nach Winter aus
mit etwas Schnee und Windgebraus.
Die Krähe, sie sitzt hoch im Baum,
sitzt ruhig da, bewegt sich kaum.
Vielleicht steht ja die Erde still,
wenn man es wünscht und wirklich will.
Und sei es nur für diese Zeit,
die endlos scheint, so hell, so weit.
Brigitte Fuchs

Foto Brigitte Fuchs
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Die Zukunft

Fotos Brigitte Fuchs
Die Zukunft, sie sei rosenrot zumeist,
damit du froh und glücklich seist!
Brigitte Fuchs
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Neues Jahr
Foto Brigitte Fuchs: Heitern, Zofingen
Wieder ein Ring am Baum,
der seine Wurzeln in Traum
taucht und Tiefe der Nacht.
Wieder ein Zeichen der Zeit,
die durch die Ewigkeit
tastende Menschen erdacht.
Wieder um Weh und Wahn
kreisend gemessene Bahn,
bis wir am Ziel erwacht.
Richard von Schaukal (1874-1942) österreichischer Jurist, Essayist und Lyriker
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Jahreswende

Foto Brigitte Fuchs
Ich lob’ es nicht, das alte Jahr,
Ich schimpf’ es nicht. So wie es war,
So wie es jetzt noch vor uns steht,
Ehdenn es ganz von hinnen geht,
Verbraucht und alt, die Taschen voll
Von unerfüllten Wünschen, soll
Es meinethalb vergessen sein!
Das neue tänzelt nun herein,
Mit falschem Lächeln im Gesicht,
Die Augen leuchtend, und verspricht
Dem einen dies, dem andern das,
Und allen viel, und jedem was
Und spitzt das Maul, ist zuckersüss,
Das richtige Spinatgemüs!
Dem sag’ ich – gebt mir erst noch Punsch! –,
Dem sag’ ich: Ich hab’ keinen Wunsch.
Bring, was du musst, nicht, was ich mag,
Und fahre ab am letzten Tag!
Ludwig Thoma (1867-1921) deutscher Rechtsanwalt und Schriftsteller

Foto Brigitte Fuchs
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Gedicht von Wandkalendern
Foto Brigitte Fuchs: Kalender von Harenberg
In meiner Kindheit (und vielleicht nur in dem Land, in dem ich sie verlebt habe) gab es eine besondere Art von Wandkalendern, an die ich mich jedes Jahr in den Wintermonaten erinnere, wie man sich an Weihnachtsbäume und Grossmütter erinnert, an Bilderbücher und Bonbons, an alle Personen und Dinge, die einen Glanz, eine Süsse und eine Wärme hatten und die in ein gläsernes Grab gesunken scheinen, immer noch sichtbar, aber tot, Reliquien der heiligen Kindheit. Die Wandkalender bestanden, wie die heutigen auch, aus einem dicken Bündel neuer, glänzender, schwarzer und roter Tage, über die wie ein Bühnenvorhang ein buntes Blättchen gelegt war, darstellend einen Ast voll roter Kirschen oder ein Büschel Veilchen, jedenfalls immer ein blühendes Versprechen des neuen noch zugeklappten Jahres. Das Bündel der 365 Tage steckte an einem ziemlich grossen und breiten Pappendeckel, der die Wand, das senkrechte Fundament war, auf dem sich das neue Jahr zu erheben gedachte. Dieses harte Papier war von einem noch härteren Glanz überzogen, von einer lackierten Schicht, einer spiegelnden, gewölbten Oberfläche, in der sich die Sonne konzentrierte, wenn der Wandkalender gegenüber dem Fenster hing, und in der, wie eine ferne Erzählung vom Wetter, die Färbungen des Himmels und der Luft zu lesen waren. Doch war diese Eigenschaft des Glanzes nur eine angenehme sekundäre. Während das Wichtigste die gepresste, erhabene Illustration auf dem Pappendeckel war, die, obwohl sie das ganze Jahr naturgemäss nicht wechselte, dennoch nicht die gleiche zu bleiben schien und ihre Aktualität bis zum 1. Dezember bewahrte, zu welcher Zeit schon die Erwartung des neuen Kalenders das Bild auf dem alten gewohnt und gewöhnlich machte.
(…)
Joseph Roth (1894-1939) österreichischer Schriftsteller und Journalist
Auszug aus „Gedicht von Wandkalendern“ in „Panoptikum“
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