Archiv der Kategorie: Gedichte

Zukunftssorgen

Foto Brigitte Fuchs

 

Korf, den Ahnung leicht erschreckt,
sieht den Himmel schon bedeckt
von Ballonen jeder Grösse
und verfertigt ganze Stösse
von Entwürfen zu Statuten
eines Klubs zur resoluten
Wahrung der gedachten Zone
vor der Willkür der Ballone.

(…)

 

Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller
Erste von fünf Strophen des gleichnamigen Gedichtes in „Palmström“

 

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Ihr reglosen Augen, ihr sinnlosen Augen

Fotos Brigitte Fuchs

 

Ihr reglosen Augen, ihr sinnlosen Augen,
Was starrt ihr ins Weite, als wolltet ihr saugen
Die Ferne bei Tag und bei Nacht?
Seid ihr in dem schönen Vergangnen versunken,
Das jählings erlosch wie des Wetterscheins Funken
Voll sterbend belebender Macht?

Vergebliches Sehnen! Nie werdet ihr sehen
Das Einst aus dem Grabe des Herzens erstehen
Beseligt erstrahlenden Blicks!
Nie werdet ihr es von dem Zufall erfragen,
Wohin er für immer von dannen getragen
Den sonnigsten Segen des Glücks!

 

 

Afanassi Afanassjewitsch Fet (1820-1892) russischer Dichter

 

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Vorfrühling

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Stürme brausten über Nacht,
und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein trautgeschwätz′ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weisse Streif –
Zweifelnd frag′ ich mein Gemüte:
Ist′s ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?

 

Paul Heyse (1830-1914) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer

 

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Ein Künstler auf dem Seil

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Ein Künstler auf dem hohen Seil,
der alt geworden mittlerweil,
stieg eines Tages vom Gerüst
und sprach: Nun will ich unten bleiben
und nur noch Hausgymnastik treiben,
was zur Verdauung nötig ist.
Da riefen alle: Oh, wie schad!
Der Meister scheint doch allnachgrad
zu schwach und steif zum Seilbesteigen!
Ha! denkt er, dies wird sich zeigen!
Und richtig, eh der Markt geschlossen,
treibt er aufs neu die alten Possen,
hoch in der Luft, und zwar mit Glück,
bis auf ein kleines Missgeschick.
Er fiel herab in grosser Eile
und knickte sich die Wirbelsäule.
Der alte Narr! Jetzt bleibt er krumm!
So äussert sich das Publikum.

 

Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Zeichner, Maler, Dichter und Schriftsteller
Gedicht mit dem Titel „Der alte Narr“
Aus „Zu guter Letzt“

 

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Früher Frühling

Fotos Brigitte Fuchs

 

Zwischen Februar und März
Liegt die grosse Zeitenwende,
und, man spürt es allerwärts,
mit dem Winter geht`s zu Ende.

Schon beim ersten Sonnenschimmer
Steigt der Lenz ins Wartezimmer.
Keiner weiss, wie es geschah,
und auf einmal ist er da.

Manche Knospe wird verschneit
Zwar im frühen Lenz auf Erden.
Alles dauert seine Zeit,
nur Geduld, es wird schon werden.

Folgt auch noch ein rauher Schauer,
lacht der Himmel um so blauer.
Leichter schlägt das Menschenherz
zwischen Februar und März.

 

Fred Endrikat (1890-1942) deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist.

 

Fotos Brigitte Fuchs: Alle Bilder in diesem Beitrag, auch die mit den eisigen Motiven, sind am gestrigen Februartag entstanden!

 

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Viel Wasser treibt die Mühle

Fotos Brigitte Fuchs

 

Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem grossen Ziele,
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Mühle.

 

 

Friedrich von Schiller (1759-1805) deutscher Arzt, Dichter, Dramatiker, Historiker und Philosoph
Aus „Die Weltweisen“ 1795

 

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Wintergrün

Fotos Brigitte Fuchs

 

(…)

Wintergrün hängt an den Klippen,
Senkt in das Gestein,
In die harten Felsenrippen
Seine Wurzeln ein;

Hoch auf Warten, tief in Grüfte
Spinnt sein Netz es dicht,
Nährt sich von dem Hauch der Lüfte,
Braucht die Erde nicht.

So grünt in dem Sturm des Lebens
Uns die Poesie;
Sprich, wer lebte wohl vergebens,
Und erwarb doch sie! –

 

Joseph Christian von Zedlitz (1790-1862) österreichischer Offizier und Schriftsteller
Die drei letzten von 14 Strophen des gleichnamigen Gedichter, untertitelt mit: „An Grillparzer“

 

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Zeit

Fotos Brigitte Fuchs

 

So wandelt sie, im ewig gleichen Kreise,
Die Zeit nach ihrer alten Weise,
Auf ihrem Wege taub und blind,
Das unbefangne Menschenkind
Erwartet stets vom nächsten Augenblick
Ein unverhofftes seltsam neues Glück.
Die Sonne geht und kehret wieder,
Kommt Mond und sinkt die Nacht hernieder,
Die Stunden die Wochen abwärts leiten,
Die Wochen bringen die Jahreszeiten.
Von aussen nichts sich je erneut,
In dir trägst du die wechselnde Zeit,
In dir nur Glück und Begebenheit.

 

Johann Ludwig Tieck (1773-1853) deutscher Dichter und Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer

 

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Steigerungen

Foto Brigitte Fuchs: Staffelegg

 

 

Probealarm der Sirenen. Der Winter wird

nicht mehr lange dauern. Vorsorglich schlägt

der Tod noch einmal zu. Ohne Wucht, doch

er trifft. Von den Sträuchern fällt alter Schnee.

Im steifen Grün des Lorbeerbaums schaukelt

das Vogelhaus. Nur kurz sieht die Kohlmeise

ihrem künstlichen Artgenossen ins Auge. Ihr

einziges Sehen, denke ich, lernt sie hoch

über dem Garten.

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Handbuch des Fliegens“, Gedichte, edition 8, Zürich 2008

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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Das kleine Mädchen

Foto Brigitte Fuchs

 

Es war ein armes kleines Mädchen,
Das strickte nur mit kurzen Fädchen;
Ich glaube, Lina war ihr Name.
Sie wurde eine schöne Dame,
War fleissig, brav und lernte gerne,
Da kam ein Prinz aus weiter Ferne.
Der sagte: „Liebe gute Lina,
Komm mit mir auf mein Schloss nach China.“
Dort sitzen sie nun alle beide
Auf einem Thron von gelber Seide.

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Schriftsteller, Kabarettist und Seefahrer
Aus: „Kleine Wesen“, 1910

 

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