Archiv der Kategorie: Gedichte
Ausflug
Foto Brigitte Fuchs
Fliegen fliegen mal haushoch mal
knapp über den Köpfen der Männer
die erschrocken ihre Gedanken
festhalten und fortschreiten in Sorge
ja dann eben weiter fliegen sich
aufschwingen in die Weite die Tiefe
eine Runde noch wirbeln schwirren
im Blau sich drehen und wenden
Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020

Foto Brigitte Fuchs: Goldfliege
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Immer wieder schön
Fotos Brigitte Fuchs: Uffikoner Moorlandschaft
Septembermorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fliessen.
Eduard Mörike (1804-1875) deutscher Dichter
Sein wohl berühmtestes Herbstgedicht, entstanden 1827

Fotos Brigitte Fuchs
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Spätnachmittag
Foto Brigitte Fuchs
Lange Schatten fallen auf den hellen Weg
und die Sonne schickt noch letzte Abschiedswärme
und das dünne Zwitschern eines Vogels ist, als ob es lärme
und als stehl‘ es etwas von der Stille weg.
Menschen auf zehn Schritt Entfernung
sind wie aus ganz andern Welten
und fast möchte man die welken Blätter schelten,
dass sie rascheln und die letzten Sonnenstrahlen stören.
Und man möchte nur die Veilchen wachsen hören.
Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942) deutschsprachige jüdische Dichterin, gestorben im Arbeitslager Michailowska
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Herbstbeginn
Fotos Brigitte Fuchs: Weiherlandschaft und Flachmoor Ostergauermoos bei Willisau/LU
Ein Tag wie blaues Seidenpapier
das sich um die Moorteiche legt die
Bergkette sorgsam in Watte verpackt
noch gaukeln uns ein paar Falter den
Sommer vor letzte Seerosen laden
ihre Gäste ein zum Apéro passend
dazu steigen Bläschen auf aus dem
Algenteppich am Uferrand die
Reiterinnen vom nahen Pferdehof
bringen ihre Tiere auf Trab über das
herbstlich gestimmte Land gehen
Luft und sanftes Licht Hand in Hand
Brigitte Fuchs

Fotos Brigitte Fuchs
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Alte Bäume
Fotos Brigitte Fuchs: Alte und vom Sturm entwurzelte Bäume auf der Froburg bei Olten
Lebet wohl, geliebte Bäume!
Wachset in die Himmelsluft.
Tausend liebevolle Träume
schlingen sich durch euren Duft.
Doch was steh ich und verweile?
Wie so schwer, so bang ist’s mir?
Ja, ich gehe! ja, ich eile!
Aber, ach! mein Herz bleibt hier.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

Fotos Brigitte Fuchs
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Verklärung
Fotos Brigitte Fuchs
Wenn es Abend wird,
Verlässt dich leise ein blaues Antlitz.
Ein kleiner Vogel singt im Tamarindenbaum.
Ein sanfter Mönch
Faltet die erstorbenen Hände.
Ein weisser Engel sucht Marien heim.
Ein nächtiger Kranz
Von Veilchen, Korn und purpurnen Trauben
Ist das Jahr des Schauenden.
Zu deinen Füssen
Öffnen sich die Gräber der Toten,
Wenn du die Stirne in die silbernen Hände legst.
Stille wohnt
An deinem Mund der herbstliche Mond,
Trunken von Mohnsaft dunkler Gesang;
Blaue Blume,
Die leise tönt in vergilbtem Gestein.
Georg Trakl (1887-1914) österreichischer Dichter
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Der Mittelpunkt der Welt
Foto Brigitte Fuchs
In Poppau steht ein alter Stein:
Er soll der Erde Mitte sein.
In Poppau hält man das für wahr,
Und mir scheint es nicht sonderbar:
Ein jedes Nest, das kleinste, hält
Sich für den Mittelpunkt der Welt.
Georg Bötticher (1849-1918) deutscher Schriftsteller, Vater von Joachim Ringelnatz
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Die Bergmannskuh
Foto Brigitte Fuchs:
Ziegenherde auf auf den Jurahöhen bei der Froburg in Wisen bei Olten
Wenn ich eine Ziege seh‘,
muss ich an zu Hause denken.
Höre ich das traute Mäh,
kann ich mich zurückversenken
in die Zeit der blossen Füsse.
Vor mir seh‘ ich Hof und Feld.
Tiere bringen ihre Grüsse
aus der bunten Kinderwelt.

Foto Brigitte Fuchs
Wenn ich eine Ziege seh‘,
denk‘ ich an zerrissne Hosen,
und zum Dank für jedes Mäh
möcht‘ ich ihren Bart liebkosen.
Friedlich grast die Bergmannskuh
unter Silberbirkenstämmchen.
Gab uns Milch und noch dazu
um die Osterzeit ein Lämmchen.

Foto Brigitte Fuchs
Die Kaninchen, Täubchen, Entchen.
Stare, Spatzen, gross und klein,
bringen mir ein lustig Ständchen,
selbst der Kater stimmt mit ein.
Lieblich klingt das weiche Mäh,
Heimatklänge mich umschmeicheln.
Wenn ich eine Ziege seh‘,
muss ich hingehn – und sie streicheln.
Fred Endrikat (1890-1942), deutscher Dichter, Schriftsteller und Kabarettist

Foto Brigitte Fuchs
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Der Wind und die Rose

Foto Brigitte Fuchs
Kleine blasse Rose!
Der Wind, von Luv, der lose,
der dich zerwühlte,
als wär dein Blatt
das Kleid von einer Hafenfrau –
er kam so wild und kam so grau!
Vielleicht auch fühlte
er sich für Sekunden matt
und wollt in deinen dunklen Falten
den Atem sanft verhalten.
Da hat dein Duft ihn so betört,
berauscht,
dass er sich bäumt und bauscht
und dich vor Lust zerstört,
dass er sich noch mit deinem Kusse bläht,
wenn er am bangen Gras vorüberweht.
Wolfgang Borchert (1921-1947) deutscher Schriftsteller
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Das vierblättrige Kleeblatt
Fotos Brigitte Fuchs
Dort auf der grünen Wiesenflur
Hocken Fritz und Linchen:
Und hat der Klee drei Blätter nur,
So kriegt ihn das Kaninchen;
Doch trägt der Klee den Sonntagshut
Mit den vier Blätter-Ecken,
Bin ich ihm noch einmal so gut,
Will sorgsam ihn verstecken!
Ach, fänd ich nur ein einzig Stück,
Na, das ist doch wohl wenig!
Dann hätten wir das grösste Glück
Und würden morgen König!
(…)
Richard Schmidt-Cabanis (1838-1903) deutscher Buchhändler, Schauspieler, Redakteur und Autor
Die ersten drei von insgesamt sieben Strophen seines gleichnamigen Gedichtes
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