Archiv der Kategorie: Gedichte
Was der Frühling alles tun muss
Foto Brigitte Fuchs
Erst die Sonne höher heben,
dann die Gräser grün anstreichen,
allen, die auf Erden leben,
brüderlich die Hände reichen,
Schlangen häuten, Schatten schwärzen,
Felder kämmen, auch die Wiesen,
sorgen, dass Kastanienkerzen
brennen, Weidenruten schiessen,
für die Vögel Noten schreiben
und die Rosenblätter zählen,
mit den Kindern Unfug treiben,
Wäldern neue Farben wählen,
Käfern ihre Panzer putzen,
Zäunen guten Morgen sagen,
Tau als Schmuck für Gras benutzen,
Licht in Mauselöcher tragen,
weil die Bienen gern was hätten,
Honig in die Blüten stecken,
alle Katzenfelle glätten –
und die Kinder morgens wecken!
Ja der Frühling hat zu tun,
und was machen wir denn nun?
František Halas (1901-1949) tschechischer Dichter und Schriftsteller
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Zukunftssorgen
Foto Brigitte Fuchs
Korf, den Ahnung leicht erschreckt,
sieht den Himmel schon bedeckt
von Ballonen jeder Grösse
und verfertigt ganze Stösse
von Entwürfen zu Statuten
eines Klubs zur resoluten
Wahrung der gedachten Zone
vor der Willkür der Ballone.
(…)
Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller
Erste von fünf Strophen des gleichnamigen Gedichtes in „Palmström“
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Ihr reglosen Augen, ihr sinnlosen Augen
Fotos Brigitte Fuchs
Ihr reglosen Augen, ihr sinnlosen Augen,
Was starrt ihr ins Weite, als wolltet ihr saugen
Die Ferne bei Tag und bei Nacht?
Seid ihr in dem schönen Vergangnen versunken,
Das jählings erlosch wie des Wetterscheins Funken
Voll sterbend belebender Macht?
Vergebliches Sehnen! Nie werdet ihr sehen
Das Einst aus dem Grabe des Herzens erstehen
Beseligt erstrahlenden Blicks!
Nie werdet ihr es von dem Zufall erfragen,
Wohin er für immer von dannen getragen
Den sonnigsten Segen des Glücks!
Afanassi Afanassjewitsch Fet (1820-1892) russischer Dichter
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Vorfrühling
Fotos Brigitte Fuchs
Stürme brausten über Nacht,
und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
Horch, ein trautgeschwätz′ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?
Dort am Weg der weisse Streif –
Zweifelnd frag′ ich mein Gemüte:
Ist′s ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?
Paul Heyse (1830-1914) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer
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Ein Künstler auf dem Seil

Fotos Brigitte Fuchs
Ein Künstler auf dem hohen Seil,
Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Zeichner, Maler, Dichter und Schriftsteller
Gedicht mit dem Titel „Der alte Narr“
Aus „Zu guter Letzt“
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Früher Frühling
Fotos Brigitte Fuchs
Zwischen Februar und März
Liegt die grosse Zeitenwende,
und, man spürt es allerwärts,
mit dem Winter geht`s zu Ende.
Schon beim ersten Sonnenschimmer
Steigt der Lenz ins Wartezimmer.
Keiner weiss, wie es geschah,
und auf einmal ist er da.
Manche Knospe wird verschneit
Zwar im frühen Lenz auf Erden.
Alles dauert seine Zeit,
nur Geduld, es wird schon werden.
Folgt auch noch ein rauher Schauer,
lacht der Himmel um so blauer.
Leichter schlägt das Menschenherz
zwischen Februar und März.
Fred Endrikat (1890-1942) deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist.

Fotos Brigitte Fuchs: Alle Bilder in diesem Beitrag, auch die mit den eisigen Motiven, sind am gestrigen Februartag entstanden!
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Viel Wasser treibt die Mühle
Fotos Brigitte Fuchs
Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem grossen Ziele,
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Mühle.
Friedrich von Schiller (1759-1805) deutscher Arzt, Dichter, Dramatiker, Historiker und Philosoph
Aus „Die Weltweisen“ 1795
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Wintergrün
Fotos Brigitte Fuchs
(…)
Wintergrün hängt an den Klippen,
Senkt in das Gestein,
In die harten Felsenrippen
Seine Wurzeln ein;
Hoch auf Warten, tief in Grüfte
Spinnt sein Netz es dicht,
Nährt sich von dem Hauch der Lüfte,
Braucht die Erde nicht.
So grünt in dem Sturm des Lebens
Uns die Poesie;
Sprich, wer lebte wohl vergebens,
Und erwarb doch sie! –
Joseph Christian von Zedlitz (1790-1862) österreichischer Offizier und Schriftsteller
Die drei letzten von 14 Strophen des gleichnamigen Gedichter, untertitelt mit: „An Grillparzer“
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Zeit
Fotos Brigitte Fuchs
So wandelt sie, im ewig gleichen Kreise,
Die Zeit nach ihrer alten Weise,
Auf ihrem Wege taub und blind,
Das unbefangne Menschenkind
Erwartet stets vom nächsten Augenblick
Ein unverhofftes seltsam neues Glück.
Die Sonne geht und kehret wieder,
Kommt Mond und sinkt die Nacht hernieder,
Die Stunden die Wochen abwärts leiten,
Die Wochen bringen die Jahreszeiten.
Von aussen nichts sich je erneut,
In dir trägst du die wechselnde Zeit,
In dir nur Glück und Begebenheit.
Johann Ludwig Tieck (1773-1853) deutscher Dichter und Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer
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Steigerungen
Foto Brigitte Fuchs: Staffelegg
Probealarm der Sirenen. Der Winter wird
nicht mehr lange dauern. Vorsorglich schlägt
der Tod noch einmal zu. Ohne Wucht, doch
er trifft. Von den Sträuchern fällt alter Schnee.
Im steifen Grün des Lorbeerbaums schaukelt
das Vogelhaus. Nur kurz sieht die Kohlmeise
ihrem künstlichen Artgenossen ins Auge. Ihr
einziges Sehen, denke ich, lernt sie hoch
über dem Garten.
Brigitte Fuchs
Aus „Handbuch des Fliegens“, Gedichte, edition 8, Zürich 2008

Fotos Brigitte Fuchs
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