Archiv der Kategorie: Gedichte

Juli

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Waldbäume singen gern einen Sang,
Nie werden dem Wald die Tage lang.
Die Bäume halten die Blätter hin,
Lassen kein Lied vorüberziehn.
Es singt des Baumes kühle Gestalt
Von Liebe, die wie die Erdboden alt.
Und kommt ein Mensch ganz lebensmatt
Zum Wald, wird seine Zung ein Blatt;
Will mit den Bäumen die Seele tauschen,
Sein Atem will alle Wipfel berauschen;
Sein Blut will in den Stämmen summen,
Denn singend macht der Wald die Stummen.
Der Wald ist uralt ein Liederhaus,
Geh hin und singe Dein Herz bei ihm aus.

 

 

Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Lyriker und Schriftsteller
Letzte Strophe aus dem Langgedicht „Juli“

 

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Im See

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Heute ist das Wasser warm,
Heute kann’s nicht schaden.
Schnell hinunter an den See!
Heute geh’n wir baden.

1, 2, 3, die Hosen aus,
Schuhe, Rock und Wäsche,
und dann, plumps ins Wasser rein,
gerade wie die Frösche.

Und der schönste Sonnenschein
brennt uns nach dem Bade
Brust und Buckel knusperbraun,
braun wie Schokolade.

 

Adolf Holst (1867-1945) deutscher Pädagoge, Kinderbuchautor und -herausgeber
Zum Gedicht Im See komponierte Reinhold Krug (1926–1991) eine seiner Melodien. Als Sommerlied eignet es sich für Kinder ab dem 5. Lebensjahr.

 

 

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Ich möchte hundert Arme breiten

Foto Brigitte Fuchs

 

Ich möchte in dir hochwellen,
Grüner Baum!
Ich möchte treibfroh in deinen Markzellen
Aufschwellen
Bis in den Wipfeltraum
Lichtoben –
Ich möchte in die Lichtweiten
Hundert Arme breiten
Wie Zweige –
Armzweige mit Blätterfingern
Und dann fühlen, wie Mittagsgluten,
Wie Lichtfluten
Durch sie schlingern –
Ich möchte aus deinem Wirbelkopf,
Lebensbaum,
Aus dem Laubtraum
Wie Lichtgetropf,
Wie Windsingen
Mich aufschwingen
In den Weltraum!

 

Gerrit Engelke (1890-1918) deutscher Schriftsteller und Arbeiterdichter (im 1. Weltkrieg gefallen)

 

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Überall

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband
Wie irgendwo daneben.

Überall ist Dunkelheit.
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
Stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.

Wenn du einen Schneck behauchst,
Schrumpft er ins Gehäuse.
Wenn du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weisse Mäuse.

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Erzähler, Maler, Kabarettist und Seefahrer

Quelle: „Reisebriefe eines Artisten“ 1927

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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Und ich bin eine Rose!

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

 

Ein Kelch-, ein Blatt, ein Dorn
An irgendeinem Sommermorgen –
Ein Schälchen Tau – Bienen, ein oder zwei –
Ein Windhauch – ein Rascheln in den Zweigen –
Und ich bin eine Rose!

 

Emily Dickinson (1830-1886) US-amerikanische Dichterin

 

Fotos Brigitte Fuchs: Blaue Holzbiene an „Löwenmäulchen“.

 

Fotos Brigitte Fuchs: Blaue Holzbiene an Muskateller-Salbei

Die Blaue Holzbiene ist unter weiteren Namen bekannt: Violette Holzbiene, Grosse Holzbiene oder Gemeine Holzbiene.  Sie gehört zur Insektenordnung der Hautflügler, die durch vier durchsichtige Flügel gekennzeichnet sind. Mit einer Länge von fast 3 cm gilt die Blaue Holzbiene als die grösste heimische Bienenart.

 

 

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Die Möwe

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Wogen-geboren, wogen-begraben,
weit auf den Meeren der Leidenschaft, eine Möwe.
Brecher der Liebe türmen dröhnend sich auf:
Träume zu knüpfen, ach kein Verweilen.

Und im Erschrecken der dunklen Flut,
im strömenden Hingehn und Wiederkehrn,
ist unserm Blick entschwunden des Vogels Kielspur.
Wogen-getragen, noch schwebend im Schlaf, eine Möwe.

 

 

Shimazaki Tōson (1872-1943) japanischer Schriftsteller und Dichter

 

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Wasser.

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Wasser trägt im Ozeane
Tröstend fernhin den Betrübten,
Spült im Fluss auf leichtem Kahne
Den Geliebten zur Geliebten.

Wasser rauscht aus Felsenklüften
Als Gesang herab zum Tale,
Perlt als Tau aus Morgenlüften
In der Blumen Duftpokale.

Wasser träuft, als milder Regen,
Kühlend in die trockne Erde,
Wasser labt als Quell an Wegen
Wand’rer, Hirten, Wild und Herde.

Ohne dass es Wasser sauge,
Stürb‘ auf Erden alles Schöne,
Ach! und nur im Menschenauge
Ist das Wasser – eine  T r ä n e !

 

Karl Egon Ebert (1801-1882) deutsch-böhmischer Dichter

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Sommerschale

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

 

Die eine Hand am Himmelsrand die

andere mit den paar Kirschen unterm

Wasserstrahl eigentlich ist es sehr einfach

das Glück zu ertasten solange man nicht

mit Handlungssträngen hantiert ich hab

dir Eiskaffee gemacht mein schöner

halbgefrorener Gärtner bring mir eine

Lerche mit und deinen vollen Gesang

 

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020

 

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Aus einem Kornfeld

Fotos Brigitte Fuchs

 

Aus einem Kornfeld,
schräg zum See,
hob sich die Linde.

Auf schmalem Fussweg an ihr vorbei,
jeden Nachmittag durch die Juliglut zum Baden,
wir Jungens.

Der blaue Himmel, die tausend gelben Blüten, das Bienengesumm!

Und noch immer,
wenn die Andern längst unten waren,
— aus dem Wasser klang ihr Lachen und Geschrei —
stand ich.

Und sah den Himmel
und hörte die Bienen
und sog den Duft.

 

Arno Holz (1863.1929) deutscher Dichter
Aus dem Lyrikzyklus Phantasus

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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Der Adler.

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Der Adler ist im Grund ein Lump,
Er könnt‘ herunten bleiben,
Er braucht sich über Wolken nicht
Dort stolz herum zu treiben.

Wir thäten ihn auf unsrem Hof
Mit Weizenkörnern mästen
Und setzten ihn am Sonntag dann
Gebraten vor den Gästen.

 

 

Adolf Pichler (1819-1900) österreichischer Schriftsteller und Naturwissenschaftler

 

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