Archiv der Kategorie: Gedichte

Adventskalenderfenster XX

Foto Brigitte Fuchs

 

20

Das macht das Fenster, dass wir «draussen» sagen –
und weil wir selber drinnen sind.
Nach draussen muss man schauernd fragen,
denn draussen ist der Wind.

Laternen stehn
schon hundert schwarze Nächte –
und abends, bald nach zehn,
wenn mancher schlafen möchte,
graut wohl die Strasse blass
und schweigend aus der Flut
von Seufzern, Stein und Glas.

Nun ist es unser Blut,
das so gewaltig rauscht –
da hält der Wind im Tanz den Schritt,
bleibt manchmal stehn,
als ob er lauscht.
Und die Laternen gehen
noch lange durch die Träume mit.

 

Wolfgang Borchert (1921-1947) deutscher Schriftsteller
Gedicht mit dem Titel „Draussen“

 

 

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Adventskalenderfenster XVII

Foto Brigitte Fuchs

 

17

 

Sie sitzt und schaut am Spiegel
Nur nach dem Mondenlicht,
Das rieselnd durch die Riegel
Des Faservorhangs bricht.

Als wie von Jadesplittern
Fliesst durch der Kammer Raum
Ein Glitzern und ein Zittern,
Und sie zieht, wie im Traum,

Anstatt ihr Haar zu kämmen,
Den Vorhang hoch empor,
Und Strahlen überschwemmen
Der Kammer offnes Tor.

Wie jetzt die Silberscheibe
Weiss leuchtend strahlt und blinkt;
Gleich einem Frauenleibe,
Von dem die Seide sinkt.

 

 

Tschan-Jo-Su (lebte im 19. Jahrhundert) Chinesischer Dichter

 

 

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Adventskalenderfenster XVI

Foto Brigitte Fuchs

 

16

 

Ich lehn‘ am Fenster, trüb‘ und still,
Hab‘ Vieles überdacht,
Die Dämm’rung schwand mir unbemerkt,
Es naht sich schon die Nacht.
Die Häusermassen liegen da,
Von Nebel grau umwebt,
Als wären sie verlassen all‘
Und gänzlich unbelebt.

Doch sieh! da blitzet fern ein Licht
Und wieder eins empor,
Bald glänzt aus allen Fenstern fast
Der helle Schein hervor.
Da weilen rings die Menschen nun
In Freude oder Schmerz,
Da regt sich manche fleiss’ge Hand,
Manch ungestümes Herz.

(…)

 

Auguste Kurs (1815-1892) deutsche Lyrikerin und Schriftstellerin
Zwei von vier Strophen ihres Gedichtes „Am Fenster“

 

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Adventskalenderfenster XV

Foto Brigitte Fuchs

 

15

 

Am Fenster steh ich. — Eine Ecke des Himmels,
Mattblau wie Seide,
Mit zarten, weissen, glänzenden Flocken
Hebt sich wie ein Baldachin
Über das Dunkel waldiger Berge.

Und wie von verborgenem Lichte
Breitet sich strahlende Helle,
Glänzig werden die Flocken,
Wie frischer Eierschaum,
Wie schillernde Opale.

Und ich ahne, die Sonne kommt,
Und schaue,
Bis mich ein Strahl trifft,
Ein siegender, leuchtender, warmer Strahl
Ich schaue und schaue …

Fern, weit fern
Fliegt unter dem Himmel ein Rabe,
Und mir ist,
Als hör ich sein höhnendes Krächzen.
Aber ich schaue und schaue
Und wart auf die Sonne. – –

Die schaumigen Flocken fliegen zusammen,
Es ballt sich ein grauer Haufen,
Und der graue Haufen
Verschüttet die blaue Seide …
Und —
Ich schaue und schaue
Und wart auf die Sonne …

 

 

Wilhelm Holzamer (1871-1907) deutscher Schriftsteller und Literaturrezensent
Gedicht mit dem Titel „Dezembermorgen“

 

 

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Adventskalenderfenster XIV

Foto Brigitte Fuchs

 

14

 

Rotes Auge glutet durch die Nacht:
Einsam Fenster, wo ein Mensch noch wacht.
Durch die dunkeln Eichen seh ichs glühen,
Welche Seele mag sich da noch mühen?

(…)

Schlummert alle, böse oder gut,
Wiege einmal, sanfte Friedensflut,
Alle armen, müden Menschenseelen,
Die sich wund im Kampf des Lebens quälen.

Jäh erlischt das rote Auge dort,
In den Eichen rauscht der Nachtwind fort,
Zwischen ihren schwanken, schwarzen Zweigen
Seh ich freundlich stille Sterne steigen.

 

 

Gustav Falke (1853-1916) deutscher Schriftsteller
1., 4. und 5. Strophe des fünfstrophigen Gedichtes „Das Fenster“ aus der Sammlung „Frohe Fracht“

 

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Adventskalenderfenster VI

Foto Brigitte Fuchs

 

6

 

Der späte Gast

Nie kam bisher der Nikolaus
in Lotte Tanners Fachwerkhaus.
Doch wartete sie just wie immer
in ihrem kleinen, feinen Zimmer
und übte schon mal unentwegt
die hundertvierundzwanzig Worte,
die sie sich klug zurechtgelegt
beim Backen einer Baumnusstorte.

Da klopfte jemand an die Türe
und Lotte dachte, Gott, ich spüre,
jetzt ist er da, der Weihnachtsmann,
es ist wie jüngst im Traum besprochen:
Er kommt mit Sack und Elchgespann.
Ich werde Suppe für ihn kochen
und ihm die kalten Hände reiben.
Er wird bestimmt sehr lange bleiben.

 

 

Brigitte Fuchs
Originalbeitrag in „Mach dein erstes Türchen auf“ Neue Gedichte zur Weihnacht, Hrsg. Anton G. Leitner, Reclam Verlag 2016

 

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Adventskalenderfenster II

Foto Brigitte Fuchs

 

2

 

Schon dämmerts im Zimmer und dunkelts,
das Tageslicht schwindet dahin,
doch drüben beim Nachbar da funkelts,
als wäre sein Fenster Rubin.

 

Karl Friedrich Gerok (1815-1890) deutscher Theologe und Lyriker
Eine von acht Strophen seines Gedichtes „Des Nachbars Fenster“

 

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Der Advent öffnet seine Fenster…

Foto Brigitte Fuchs

 

Auch dieses Mal soll hier so eine Art von Adventskalender eingerichtet werden. Wie jedes Jahr war ich auf der Suche nach einem diesbezüglichen Thema und wurde fündig beim Sujet „Fenster/Fensterblicke“.

Im Advent werden an vielen Häusern die Fenster feierlich geschmückt, beleuchtet oder gar als „Türchen“ für einen Quasi-Weihnachtskalender genutzt.

Fenster (oder offene Türen) ermöglichen es uns, nach drinnen oder nach draussen zu schauen. Nicht selten mischen sich dabei Interesse, Erwartung und Neugier.

Schauen Sie/schaut doch ab morgen (wenn Sie mögen/wenn ihr mögt) bei mir in die adventlichen Blogfenster hinein! Ich freue mich darauf…

 

Brigitte Fuchs

 

 

Bei dir ist es traut:
Zage Uhren schlagen
wie aus weiten Tagen.
Komm mir ein Liebes sagen –
aber nur nicht laut.

Ein Tor geht irgendwo
draussen im Blütentreiben.
Der Abend horcht an den Scheiben.
Lass uns leise bleiben:
Keiner weiss uns so.

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

 

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Zu Golde ward die Welt

 

 

Zu Golde ward die Welt;
Zu lange traf der Sonne süsser Strahl
Das Blatt, den Zweig.
Nun neig
Dich, Welt hinab
In Winterschlaf.

 

 

Bald sinkt’s von droben dir
In flockigen Geweben
Verschleiernd zu –
Und bringt dir Ruh,
O Welt, O dir, zu Gold geliebtes Leben,
Ruh.

 

Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller

 

Alle Fotos Brigitte Fuchs

 

 

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Es war ein faules Krokodil

Foto Brigitte Fuchs: gesehen im Zoo Zürich

 

 

Es war ein faules Krokodil,
das lag zwei Monate ganz still.
Dann schlief es sieben Jahre ein
Und schliesslich schien es tot zu sein.

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer

 

Foto Brigitte Fuchs: Zoo Zürich

 

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