Archiv der Kategorie: Gedichte

Junge Pferde


Wer die blühenden Wiesen kennt
Und die hingetragene Herde,
Die, das Maul am Winde, rennt:
Junge Pferde! Junge Pferde!

Über Gräben, Gräserstoppel
Und entlang den Rotdornhecken
Weht der Trab der scheuen Koppel,
Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!

 

 

Junge Sommermorgen zogen
Weiss davon, sie wieherten.
Wolke warf den Blitz, sie flogen
Voll von Angst hin, galoppierten.

Selten graue Nüstern wittern,
Und dann nähern sie und nicken,
Ihre Augensterne zittern
In den engen „Menschenblicken“.

 

Paul Boldt (1885-1921) deutscher Lyriker des Expressionismus
Das Gedicht entstammt dem Lyrikband „Junge Pferde! Junge Pferde!“ von 1914

 

Alle Fotos Brigitte Fuchs

 

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Intermezzo

Fotos Brigitte Fuchs

 

(…)

Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer,
Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer.
Hysteria clemens hab ich besungen
In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen.
Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat
Streu ich der Worte verfängliche Saat.

 

Hugo Ball (1886-1927) deutscher Autor, Mitbegründer der Dada-Bewegung
Letzte von drei Strophen seines Gedichtes „Intermezzo“

 

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Ein Kuss

Fotos Brigitte Fuchs: Brunnen in Mellingen/AG

 

(Preis-Aufgabe)

Ihr fragt: „Was ist ein Kuß!“
Es ist ein Seelengruß,
Den sich die Lippen zollen:
Ein Tröster, wenn Verdruß
Und Schmerz im Innern grollen.
Es ist die stumme Sprache,
Dem Herzen nur bekannt:
Das „Ja“ auf eine Frage,
Bevor man sie genannt.
Es ist ein Lohn der Tugend,
Der Freundschaft erstes Pfand,
Die Poesie der Jugend,
Der Liebe enges Band.
Der Eintritt in das Leben
Empfängt durch ihn die Weih‘;
Des Alters schwaches Streben
Bricht unter ihm entzwei.
Und vor der ewigen Reise,
Die man beginnen muß,
Wünscht sich der Mensch noch leise:
Den „letzten Abschiedskuß!“

 

 

Franz Arnold Cöllen (1830-1860), deutscher (Reise-)Schriftsteller
Aus der Sammlung. „Reisen und Dichtungen“ von 1864

 

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Erinnere dich…

 

Erinnere dich des sanften Mooses
Der Samtpfote
Die die Zeit diese unergründliche Katze
Auf dich legte bevor sie dich biss

 

 

Und unter dem Schaum des Samtes
Erinnere dich an den passiven Stein
Den Stein von guter Qualität
Der echten Felsen der Vorzeit

 

 

Erinnere dich des Wassers
Des grünen Wassers der Quellen
In die du deine Augen warfst
Und tausend Blicke der Erde dir antworteten

 

 

Erinnere dich des blauen Wassers
In das du deine Seele warfst
Um sie zu waschen und auszuwringen
Wie es die Wäscherinnen tun

 

Alle Fotos Brigitte Fuchs

 

Es war ein Brunnen
Wo der Wald der Wasserkresse
Das Geheimnis barg
Des ersten Blattes seit den Engeln der Schöpfung

 

 

Yvan Goll (1891-1950) deutsch-französischer Dichter

 

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Lied eines Vogels

Foto Brigitte Fuchs: evtl. ein Halsbandschnäpper

 

 

Vor meinem Fenster singt ein Vogel.
Still höre ich zu.
Mein Herz vergeht,
Erinnerung klingt,
Abendrot winkt, Dämmerung schwingt.

Er singt, was ich als Kind
So rein errang, so voll bezwang,
So traut durchmass, so ganz besass
Und dann vergessen!

 

 

Arno Holz (1863-1929) deutscher Schriftsteller, Dichter und Dramatiker

 

Foto Brigitte Fuchs: Buchfink

 

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Die wahre Glückseligkeit

 

Foto Brigitte Fuchs: Engelberg, ein etwas älteres Foto

 

 

Das ist wohl nicht das größte Gut,

Ein neues Kleid, ein neuer Hut,

Der hohe Rang, die goldne Dose!

Der Hirt ist glücklicher auf Moose,

Als du bei vollbesetztem Tisch,

Bei Torten und dergleichen Wisch.

Er kann bei seinem leichten Essen

Den Kummer und den Gram vergessen,

Und wie der Städter nicht sein Kind,

Liebt er in Einfalt dort sein Rind.

Dies Glück macht froh die, die es haben,

Ihm rauben’s Motten nicht, nicht Schaben.

 

 

Franz Grillparzer (1791-1872) österreichischer Schriftsteller und Dramatiker

 

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Der Zauberer und der Frosch

Fotos Brigitte Fuchs

 

Nachdenklich schritt ein Zaubrer auf und ab:
„Was nützt denn sonst ein Zauberstab?
Es gilt ja bloss zu wünschen, nur zu handeln;
In einen Engel will ich diesen Frosch verwandeln.“

Er schwang den Stock, rief „Abrada“,
Und fertig stand der Engel da.
Himmlisch und hehr, beschwingt mit Flügeln,
Und länger konnt er seine Leidenschaft nicht zügeln.

Er baut ihr einen Tempel und Altar
Und bot ihr knieend Weihrauch dar.
Den Weihrauch liess sie liegen –
Und schnappte Fliegen.

Der Zaubrer lachte: „So wars nicht gemeint.
Ein Lurch gibt keine Lerche, wie es scheint.
Wir wollen uns beeilen,
Den Frosch zu heilen.“

Zum Zauberstocke griff er unverwandt.
O weh, den hatte sie verbrannt!
Was blieb ihm nun von seinen Zauberschnaken
Als mitzuquaken?

 

Carl Spitteler (1845-1924) Schweizer Dichter, Schriftsteller und Nobelpreisträger

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Stilles Reifen

Foto Brigitte Fuchs: Landschaft im aargauischen Fricktal

 

 

 

Alles fügt sich und erfüllt sich,
musst es nur erwarten können
und dem Werden deines Glückes
Jahr‘ und Felder reichlich gönnen.

Bis du eines Tages jenen
reifen Duft der Körner spürest
und dich aufmachst und die Ernte
in die tiefen Speicher führest.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Abwärts

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Wieder ein Tag und die Schwalben
pfeilen in dunkles Gebüsch –
Locker glühn längsseits die halben
Dächer und Wolkengewisch
zögert zur Neige -; der Prunk
löst sich an einfachen Dingen:
Flachland, betäubender Trunk –
Sinken – und später vollbringen!

(…)

 

Alexander Xaver Gwerder (1923-1952) Schweizer Schriftsteller und Lyriker
Erste von zwei Strophen des Gedichtes „Abwärts“, das er „für Gertrud“ schrieb.

 

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Begegnung

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Heiss durch den Roggen strich der Wind

und bebend neigte sich der Mohn.

Ich hab eine rote Blüte verwehn,

zwischen den Halmen zerflattem sehn,

und habe den Blättern nachgeträumt;

und immer ist mir noch, ich schaue

in ihren Kelch, der glutumsäumt

sich jäh vertieft ins Dunkle, Blaue…

 

 

 

Richard Dehmel (1863-1920) deutscher Schriftsteller und Lyriker
Letzte Zeilen aus seinem Gedicht „Begegnung“

 

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