Archiv der Kategorie: Gedichte
Abend II

Foto Brigitte Fuchs: Vierwaldstättersee bei Horw/LU
Wie eine Linie dunkelblauen Schweigens
liegt fern der Horizont, von weichem Rot umsäumt.
Die Wipfel schaukeln wie im Banne eines Reigens,
das Licht ist wie im Märchen, sanft und blau verträumt.
Der Himmel ist noch hell, noch sieht man kaum die Sterne,
die Luft ist kühl und weich wie eine Frauenhand
und süsse Melodie dringt aus der fernsten Ferne:
Musik einer Schalmei, zauberhaft, unbekannt.
Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942) deutschsprachige, jüdische Dichterin, starb in einem Arbeitslager an Typhus
Dieses Gedicht schrieb sie im Jahr 1941

Foto Brigitte Fuchs: Horw am Vierwaldstättersee
Nach dem Regen
Fotos Brigitte Fuchs
Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein,
Tiefgrüne, feuchte Reben
Gucken ins Fenster herein.
Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
Im Garten jagen spielend
Die Buben den Mädeln nach.
Es knistert in den Büschen,
Es zieht durch die helle Luft
Das Klingen fallender Tropfen,
Der Sommerregenduft.
Ada Christen (1839-1901) österreichische Dichterin

Fotos Brigitte Fuchs
Sommer für Sommer

Foto Brigitte Fuchs: Blick vom Schloss Heidegg auf den Baldeggersee
Die ganze Zeit liegt noch gefaltet in
der Truhe diese morgenfrische Aussteuer
für eine wie mich jedem Tag müssen wir
Rede und Antwort stehen trunken von
Begehrlichkeiten und eingeschüchtert
vom Weltgewirr woran sind wir denn
Schuld Liebster sieh nur am Steilhang
reift der Wein und dein Hemd duftet
nach Rasenschnitt und Oleander
Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“ Gedichte, edition 8, Zürich 2020

Foto Brigitte Fuchs: Blick vom Schloss Heidegg in Gelfingen/LU
Abseits

Fotos Brigitte Fuchs: Heidekraut im Seleger Moor
Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.
Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut –
Die Luft ist voller Lerchenlaut.
(…)
Theodor Storm (1817-1888) deutscher Schriftsteller, Novellist und Dichter
Erste zwei der vier Strophen seines Gedichtes „Abseits“
Blühender Garten

Mein Garten kam ins Blühen,
Die Rosenzeit ist da,
Weiss falb und gelb, ein Glühen
Wie nie ich eines sah.

Es stahl ein junger Morgen
Sich in den Garten ein,
Er muss fürwahr verborgen
Ein heimlich Denkmal sein.

Noch nächtens, tief im Dunkel,
Scheint seine helle Pracht,
Als wie ein Lichtgefunkel
Blühn Rosen in der Nacht.
William Wolfensberger (1889-1918) Schweizer Pfarrer (in Rheineck/SG), Schriftsteller und Lyriker
In „Lieder aus einer kleinen Stadt“, Schulthess & Cie, Zürich 1918

Alle Fotos Brigitte Fuchs: öffentlich zugänglicher Rosengarten „Kollerhuus“ in Tann/LU
Wo kleine Felsen…
Fotos Brigitte Fuchs: Melchsee-Frutt
Wo kleine Felsen, kleine Fichten
Gegen freien Himmel stehen,
Könnt ihr kommen, könnt ihr sehen,
Wie wir, trunken von Gedichten,
Kindlich schmale Pfade wandern.
Sind nicht wir vor allen andern
Doch die unberührten Kinder?
Sind es nicht die Knaben minder
Und die Mädchen, jene andern?
Sind sie wahr in ihren Spielen,
Jene andern, jene vielen?
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) österreichischer Lyriker, Dramatiker und Erzähler
Melchsee-Frutt
Hier ist Freude hier ist Lust
Wie ich nie empfunden!
Hier muss eine Menschenbrust
Ganz und gar gesunden!
Lass denn, o Herz, der Qual
Froh dich entbinden!
Wirf sie ins tiefste Tal
Gib sie den Winden!

Mag da drunten jedermann
Seine Grillen haben:
Wer sich hier nicht freuen kann
Lasse sich begraben.
Lass denn, o Herz, der Qual
Froh dich entbinden!
Wirf sie ins tiefste Tal!
Gib sie den Winden!
Eduard Mörike (1804-1875) deutscher Dichter
Gedicht mit dem Titel „Auf der Teck“

Alle Fotos Brigitte Fuchs
Heuernte

Fotos Brigitte Fuchs
Heuernte, schönste Zeit im Jahr,
Der Wald längst grün und doch noch klar,
Die Blumen ganz im Blühn,
Die Saat noch hoffnungsgrün.
Grün hängt die Frucht im dichten Baum,
Halb ausgebildet, halb noch Traum;
Still steht des Lebens Flucht
Noch zwischen Blüt‘ und Frucht.
Nur erntereif das flücht’ge Gras,
Und frisch und duftig selber das.
Wohl, wenn’s an’s Welken geht,
Dem, der so süss verweht!
(…)
Gustav Schwab (1792-1850) deutscher Pfarrer und Schriftsteller
Erste Strophen seines Gedichtes „Heuernte“

Foto Brigitte Fuchs
Sommerlandschaft

Foto Brigitte Fuchs: Sommerlandschaft bei Bettwil/AG
Der Sommerfaden
Da fliegt, als wir im Felde gehen,
Ein Sommerfaden über Land,
Ein leicht und licht Gespinst der Feen,
Und knüpft von mir zu ihr ein Band.
Ich nehm‘ ihn für ein günstig Zeichen,
Ein Zeichen, wie die Lieb‘ es braucht.
O Hoffnungen der Hoffnungsreichen,
Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!
Ludwig Uhland (1787-1862) deutscher Dichter, Jurist und Politiker

Foto Brigitte Fuchs
Wie liegt die Welt
Foto Brigitte Fuchs: Blick vom Esterliturm in Richtung Hallwilersee und Innerschweizer Bergwelt mit Rigi und Pilatus
Wie liegt die Welt so frisch und tauig
vor mir im Morgensonnenschein.
Entzückt vom hohen Hügel schau ich
ins grüne Tal hinein.
Mit allen Kreaturen bin ich
in schönster Seelenharmonie.
Wir sind verwandt, ich fühl es innig,
und eben darum lieb ich sie.
Und wird auch mal der Himmel grauer;
wer voll Vertrau’n die Welt besieht,
den freut es, wenn ein Regenschauer
mit Sturm und Blitz vorüberzieht.
Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Zeichner, Maler und Dichter

Foto Brigitte Fuchs







