Archiv der Kategorie: Gedichte

Heilige Bläue

Foto Brigitte Fuchs

 

 

O du heil’ge Bläue,
Immer freut aufs Neue
Mich der stille Glanz.
Abgrund ohne Ende!
Himmlisches Gelände,
Seele, tauche unter ganz!

 

(1896)

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) Schweizer Dichter

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Gang durch das Tal

Foto Brigitte Fuchs: Bachlauf bei Beromünster

 

 

Hand in Hand mit dem Wind
der in den Abend weht,
Aug in Aug mit der Sonn
die fern zur Ruhe geht,
lauschend mit halbem Ohr
auf dich, du heller Bach,
schreit ich mein Tal hinab
einer Entfernten nach.

 

 

Rudolf G. Binding (1867-1938) deutscher Schriftsteller
Aus „Die Geliebten“ Gedichte, Insel-Bücherei Nr. 475, Leipzig 1940

 

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…und ist doch Spiel

Foto Brigitte Fuchs: Hauenstein

 

 

Der Sturm setzt gewaltige Schenkel
ins Tal der Welle
und in den Nacken der Eiche.
Es sieht nach Kampf aus
zwischen Ast und Gischt
und ist doch Spiel.
Es wohnt die Gottheit bei
und wahrt die Grenzen.

1901

 

Paul Klee (1879-1940) deutscher Maler und Grafiker

 

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Kohle, schwarze Kohle, graben wir

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Kohle, schwarze Kohle, graben wir.
Höllendunkel decken das Revier.

Hinten hallt der Fäustel hart Gepoch.
Nur das schwache Lämpchen schimmert noch.

Und wir ringen stumm mit Stein und Erz,
brechen wir der Erde an das Herz.

Unten schliesst uns Qual und Grauen ein.
Droben glänzt die Stadt in hohem Schein.

Karrt der Korb uns wieder an den Tag,
sinken andre ab zu Plag und Schlag.

Doch wir wissen auch: Was oben flammt,
ist ein Glanz, der aus der Tiefe stammt.

 

Karl Bröger (1886-1944) deutscher Arbeiterdichter

 

 

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Gänsezug

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Die erste Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich führe!«
Die letzte Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: Seht, ich leite!«

Und jede Gans im Gänsezug,
Sie denkt: »- Dass ich mich breite
So selbstbewusst, das kommt daher,
Weil ich, ein unumschränkter Herr,
Den Weg mir wähl nach eignem Sinn,
All meiner Schritte Schreiter bin
Und meine Freiheit spüre!«

 

Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) österreichische Schriftstellerin

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Magisches Netz

Foto Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Doch indem ich so behaglich,

Aufgeschmückt stolzierend wandle,

Sieh! da knüpfen jene Losen,

Ohne Streit, geheim geschäftig,

Andre Netze, fein und feiner,

Dämmrungsfäden, Mondenblicke,

Nachtviolenduft verwebend.

(…)

 

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter
5. Strophe seines 6-strophigen Gedichts „Magisches Netz“, aus dem Jahre 1803

 

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Die Kopfweide

Foto Brigitte Fuchs

 

Es steht die junge Weide nah am Bach
und lässt mich froh an früher denken,
ans Spiel im Ried, frei von Bedenken,
ein wunderbarer Kinderdschungel, ach!

Die alten Leute flochten Körbe, Zainen,
robuste, süsse Bettchen für die Kleinen.
Man nahm die eingeweichten Ruten
und flocht sie bis zum Fingerbluten.

Oft schnitt zum Kopf man jene Weiden.
Die Zweige waren lang und dünn, fast kahl sogar,
und sahen aus wir wirres, ungekämmtes Haar.
Ich mag die Wuschelköpfe gerne leiden.

 

Brigitte Fuchs

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Morgentöne

Collage Brigitte Fuchs

 

 

Guten Morgen! schreit das Menschentier;
Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;
Früh fängt er zu regieren an.

An den Weltrand will ich heute gahn;
Dort will ich einmal Fliegen fahn.

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;
Ach, der ist immerzu im Tran.

Guten Morgen! schreit man dort und hier;
Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;
Guten Morgen! schreit das Menschentier.

 

Paul Scheerbart (1863-1915) deutscher Schriftsteller, Kunstkritiker und Zeichner
Aus der Sammlung Kater-Poesie

 

 

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Allerseelen

Fotos Brigitte Fuchs

 

Der schnellste Reiter ist der Tod,
Er überreitet das Morgenrot,
Des Wetters rasches Blitzen;
Sein Ross ist fahl und ungeschirrt,
Die Senne schwirrt, der Pfeil erklirrt,
Und muss im Herze sitzen.

Durch Stadt und Dorf, über Berg und Tal,
Im Morgenrot, im Abendstrahl
Geht’s fort in wildem Jagen;
Und wo er floh mit Ungestüm,
Da schallen die Glocken hinter ihm,
Und Grabeslieder klagen.

(…)

 

Emanuel Geibel (1815-1884) deutscher Lyriker und Dramatiker
Erste beiden Strophen aus seinem fünfstrophigen Gedicht „Der schnellste Reiter ist der Tod“

 

 

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Feldbeichte

Foto Brigitte Fuchs

 

Im Herbst, wenn sich der Baum entlaubt,
Nachdenklich wird und schweigend,
Mit Reif bestreut sein welkes Haupt,
Fromm sich dem Sturme neigend:

Da geht das Dichterjahr zu End‘,
Da wird mir ernst zu Mute;
Im Herbst nehm‘ ich das Sakrament
In jungem Traubenblute.

Da bin ich stets beim Abendrot
Allein im Feld zu finden,
Da brech‘ ich zag mein Stücklein Brot
Und denk‘ an meine Sünden.

Ich richte mir den Beichtstuhl ein
Auf ödem Haideplatze;
Der Mond, der muss mein Pfaffe sein
Mit seiner Silberglatze.

Und wenn er grämlich zögern will,
Der Last mich zu entheben,
Dann ruf‘ ich: «Alter, schweig‘ nur still,
Es ist mir schon vergeben!

Ich habe längst mit Not und Tod
Ein Wörtlein schon gesprochen!»
Dann wird mein Pfaff vor Ärger rot
Und hat sich bald verkrochen.

 

Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Dichter und Romancier

 

 

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