Archiv der Kategorie: Gedichte

Das Leuchten

Ich gehe viel spazieren, einmal einfach, weil strahlendes Wetter ist, dann auch,
weil ich die kommenden Herbststürme vorausahne. So nütze ich wie ein
Geizhals aus, was Gott mir schenkt.

 

Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné (1626-1696) französische Schriftstellerin
Aus „Briefe an Frau von Grignan“, Oktober 1684

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
dass, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

 

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Herbstliches Spiel

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Herbstliches Spiel

 

Der Herbst spielt eine Partie «Mensch

ärgere dich nicht» mit den Brunnen der Stadt

platziert da und dort seine Hütchen rückt

jeden Tag ein paar Felder vor immer sind seine

Figuren im Vormarsch manchmal würfelt

der Wind mit rückt die Partie zurecht schickt

die Konkurrenten zurück an den Start

 

 

Brigitte Fuchs

 

 

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Das wird nichts

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Das könnte dissonant werden heute
Stosszeiten in jeder Hinsicht Absagen

Parkschäden Missgriffe selbst die
Bäume legen ihren Sommerstaat ab

die Lust dreht sich weg was will man
da machen die Hände vors Gesicht

den Kopf in den Quarzsand der Uhr
ach ja die Zeit rinnt längst digital

und die Strohhalme nach denen wir
greifen schwanken unsanft im Wind

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020

 

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Oktobertag

Foto Brigitte Fuchs

 

Dies ist des Herbstes leidvoll süsse Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süsse Klarheit.

 

Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller
Gedicht mit dem Originaltitel „Septembertag“

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Vom Küssen

Foto Brigitte Fuchs

 

War ich gar so jung und dumm,
Wollte gerne wissen:
Warum ist mein Mund so rot?
Sprach der Mai:
„Zum Küssen.“

Als der Nebel schlich durchs Land,
Hab ich fragen müssen:
Warum ist mein Mund so blass?
Sprach der Herbst:
„Vom Küssen.“

 

Anna Ritter (1865-1921) deutsche Dichterin und Schriftstellerin

 

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Schnellsprechsatz und mehr

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Im klitzekleinen Fichtendickicht sind

klitzekleine Fichten wichtig.

 

 

Brigitte Fuchs

 

Und nun Herr von Hofmannsthal:

 

Wo kleine Felsen …

Wo kleine Felsen, kleine Fichten

Gegen freien Himmel stehen,

Könnt ihr kommen, könnt ihr sehen,

Wie wir, trunken von Gedichten,

Kindlich schmale Pfade wandern.

Sind nicht wir vor allen andern

Doch die unberührten Kinder?

Sind es nicht die Knaben minder

Und die Mädchen, jene andern?

Sind sie wahr in ihren Spielen,

Jene andern, jene vielen?

 

 

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) österreichischer Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker

 

 

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Und gleich nochmals: Über den Dächern…

Fotos Brigitte Fuchs: Altstadt Aarburg

 

Aus meinem Fenster im alten Haus
Blick‘ ich auf braune Dächer hinaus.
Und über den Dächern, grau und braun,
Ist mir vom weiten Firmament
Ein kleines Stückchen Blau gegönnt –
Dran darf ich mich satt und selig schau’n…

(…)

 

Anton Wildgans (1881-1932) österreichischer Lyriker und Dramatiker
Erste Strophe seines Gedichtes „Über den Dächern“

 

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Über den Dächern

 

Über den Dächern
schwebt Rauch
und ein sanftes Gebimmel
klingt von den Türmen der Stadt.
Meine Sehnsucht fliegt in den Himmel.
Wie es durch das Fenster zieht … !

Wozu arbeiten?
Wozu tätig sein?
Wozu in die Versammlungen gehn?
Ich habe nur meine beiden Hände.
Was steht am Ende –?
Das habe ich an Vater gesehen.
Wie es durch das Fenster zieht … !

 

 

Diese Dachkammer hat der alte Mann.
Dafür fünfundfünfzig Jahre
Arbeit, keinen Tag Urlaub,
Sorgen und graue Haare.
Meine Gedanken hängen am Horizont –

Wo ist unser Glück … ?
Und da kommen plötzlich alle meine Gedanken zurück.
Gleich springe ich auf die Beine
und werfe die Arme um den Leib,
weil mich friert …
Ich bin nicht mehr allein.

 

 

Wir sind stark, wenn wir zusammenhalten:
die Starken und Schwachen, die Jungen und Alten.
Wenn nur der Wille fest bleibt und unsere Partei.
Da bin ich dabei.
Noch einmal sehe ich über die Stadt
und die Dächer …
Schon mancher hat mit trocken Brot und armseligem Essen
in so einer zugigen Dachkammer gesessen.
Mancher, der nachher ein Reich erobert hat.

 

Kurt Tucholsky (1890-1935) deutscher Journalist, Schriftsteller und Publizist

 

Alle Fotos Brigitte Fuchs: Altstadt Aarau

 

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Da ist kein Widerstand

Foto Brigitte Fuchs

 

Das ist der Liebe heilger Götterstrahl,
Der in die Seele schlägt und trifft und zündet,
Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet,
Da ist kein Widerstand und keine Wahl,
Es löst der Mensch nicht, was der Himmel bindet.

 

 

Friedrich von Schiller (1759-1805), deutscher Arzt, Dichter, Philosoph und Historiker

 

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Bodenschätze (ein Kindergedicht)

Fotos Brigitte Fuchs

 

Wenn du die Augen offen hältst
und auch nicht strauchelst oder fällst,
begegnest du auf manchen Plätzen
höchst staunenswerten Bodenschätzen.

Zwar sind es meistens Kleinigkeiten,
die eigentlich rein gar nichts kosten,
vielleicht sogar schon etwas rosten
und dir doch richtig Spass bereiten.

Ein Herzchen, eine Vogelfeder,
ein Spielfeld, eine Maus aus Leder,
und diese alte schwere Kette,
die jeder Junge gerne hätte.

Man findet nämlich beim Spazieren
die wunderlichsten, schrägen Sachen
zum Staunen oder auch zum Lachen.
Man muss es einfach ausprobieren.

 

Brigitte Fuchs

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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