Archiv der Kategorie: Texte
Bauerngarten
Fotos Brigitte Fuchs
In Kölliken/Aargau steht ein altes Strohdachhaus, das „Sauzmehus“. Es wurde 1802 erbaut. Die Besitzerfamilie Suter besass eine kantonale Lizenz zum Salzverkauf, deswegen nannte man sie „s’Sauzmes“.
Das Haus ist ein Ständerbau mit vier Hochstüden und bestand ursprünglich ganz aus Holz. 1941 wurde der Stall in Stein erneuert. Das Walmdach war ursprünglich mit Stroh gedeckt. 1983 und wieder 2020 erneuerte man die Eindeckung durch 40 Tonnen Schilf.
Das Haus ist seit 1987 ein Museum. Es zeigt die Lebensweise einer wohlhabenden Bauernfamilie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, gibt Einblick in alte Handwerkstechniken und vermittelt Themen der Dorfgeschichte.

Fotos Brigitte Fuchs
Museumsgärtner Urs Imhof pflegt hier einen historischen Bauerngarten, wie er in den Anfängen des Strohdachhauses wohl ausgesehen hat. So blühen und gedeihen hier zum einen Kartoffeln, Zwiebeln, Sonnenblumen, manches von ProSpecieRara, vieles selbst gezogen. Zum anderen findet man aber auch manches, was schon damals die Gartenbesitzer erfreute: Strauchpäonien aus China, Nachtkerzen aus Nordamerika (früher als Gemüse gezüchtet), Eibisch aus Russland, Meerrettich aus Osteuropa oder Mondviolen aus Südeuropa.

Fotos Brigitte Fuchs
P.S. Das Dorfmuseum bleibt wegen Instandstellungsarbeiten vorübergehend geschlossen.

Foto Brigitte Fuchs
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April
Fotos Brigitte Fuchs
Der April, der einst mensis novarum hiess, ist der wahre Monat des Humors. Regen und Sonnenschein, Lachen und Weinen trägt er in seinem Sack; und Regenschauer und Sonnenblicke, Gelächter und Tränen brachte er auch diesmal mit, und manch einer bekam seinen Teil. Ich liebe diesen janusköpfigen Monat, welcher mit dem einen Gesichte grau und mürrisch in den endenden Winter zurückschaut, und mit dem anderen jugendlich fröhlich dem nahen Frühling entgegenlächelt.
(…)
Wilhelm Raabe (1831-1910) deutscher Schriftsteller
Aus „Ein Frühling“
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Gewächshäuser
Fotos Brigitte Fuchs: Gewächshäuser auf dem Eichberg oberhalb von Seengen
Ein Gewächshaus neu zu bauen,
um die südlichen Gewächse,
die zu uns jetzt häufiger wallfahrten,
zu überwintern und dergleichen mehr,
erregt meine sinnliche Aufmerksamkeit.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

Fotos Brigitte Fuchs
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Brieftauben
Foto Brigitte Fuchs
Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat; ruhelos durchmisst sie das Land nach allen Seiten. Oft fällt sie zu Boden in ihrer grossen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie auf, pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen.
Foto Brigitte Fuchs
Aber sobald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres Ursprungs.
Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller
Tagebucheintrag von 1906

Foto Brigitte Fuchs: Hausfassade in Sursee
Wandmalerei von Hans Von Matt aus dem Jahre 1933
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Die Schäferin

Foto Brigitte Fuchs: Landschaft im oberen Wynental bei Zetzwil
Es war an einem Frühlingstag,
Es grünte schon, wie neu war die Welt.
Der Winter hat ein Abschiedslied beim Wind bestellt,
Die Schäferin von Val Gardena
Zog allein hinauf in das Land.
Dort, wo sie einen Sommer lang
Die Ruhe fand.
(…)
Anfangszeilen aus dem Songtext „La Pastorella“, den einst Vico Torriani sang.

Foto Brigitte Fuchs
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Teezückerli oder…
Foto Brigitte Fuchs
Überraschungen
Ich habe gelernt, vom Leben nicht viel zu erwarten.
Das ist das Geheimnis aller echten Heiterkeit und der Grund,
weshalb ich immer angenehme Überraschungen statt
trostloser Enttäuschungen erlebe.
George Bernard Shaw (1856-1950) irischer Dramatiker, Satiriker, Politiker und Musikkritiker

Foto Brigitte Fuchs
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Der Axtdieb
Foto Brigitte Fuchs
Ein Mann fand eines Tages seine Axt nicht mehr. Er suchte und suchte, aber
sie war verschwunden. Der Mann wurde ärgerlich und verdächtigte den Sohn seines Nachbarn, die Axt genommen zu haben.
An diesem Tag beobachtete er den Sohn seines Nachbarn ganz genau. Und tatsächlich:
Der Gang des Jungen war der Gang eines Axtdiebs. Die Worte, die er sprach, waren die Worte eines Axtdiebs. Sein ganzes Wesen und sein Verhalten waren die eines Axtdiebs.
Am Abend fand der Mann die Axt durch Zufall hinter einem grossen Korb in seinem eigenen Schuppen. Als er am nächsten Morgen den Sohn seines Nachbars erneut betrachtete, fand er weder in dessen Gang noch in seinen Worten oder seinem Verhalten irgendetwas von einem Axtdieb.
Nach Laotse, 6. Jahrhundert v. Chr. chinesischer Philosoph

Foto Brigitte Fuchs
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Spiegel der Muse
Foto Brigitte Fuchs
Sich zu schmücken begierig, verfolgte den rinnenden Bach einst
Früh die Muse hinab, sie suchte die ruhigste Stelle.
Eilend und rauschend indes verzog die schwankende Fläche
Stets das bewegliche Bild; die Göttin wandte sich zürnend;
Doch der Bach rief hinter ihr drein und höhnte sie: Freilich
Magst du die Wahrheit nicht sehn, wie rein sie mein Spiegel dir zeiget!
Aber indessen stand sie schon fern, am Winkel des Seees,
Ihrer Gestalt sich erfreuend, und rückte den Kranz sich zurechte.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

Foto Brigitte Fuchs: Hallwilersee
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Im Stillen

Foto Brigitte Fuchs: Aarau
Am 24. hab ich im Stillen an Sie gedacht, wie‘s verabredet war. Ich las (ganz unerwartet kam‘s dazu) Bossuet‘s Totenrede auf Madame Henriette d‘Angleterre, darüber wurde es spät, das Haus war still, aber man kann’s nie wissen, was noch kommt. Fast schon im Einschlafen, bekam ich noch einmal Weihnachten ins Bewusstsein: in dem hohen Atelierfenster, das ich, von meinem Schlafzimmer aus, in einiger Entfernung gegenüber habe, – ging, nach und nach, das volle Sternbild eines Christbaums auf und, zusammen mit den Glocken der Mitternachtsmette, wirkte diese liebe Erscheinung unverdient herüber, bis ich sie leise in den Schlaf hineinlöste.
Rainer Maria Rilke an Sidonie Nádherný von Borutin.
26. Dezember 1913 aus Paris
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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs: „Bahnhofswolke“ in Aarau
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Wir saßen auf der Wolke und ließen die Beine baumeln.
»Was am schwersten war, dieses Mal?« sagte er und blies nachdenklich den Meteorstaub in die Luft, »am schwersten . . . Am schwersten war der Knacks.« – »Welcher Knacks?« sagte ich. »Der zwischen Jugend und dem andern, was dann kommt«, sagte er. »Manche nennen es: Mannesalter. Es hätte sollen ein Übergang sein, ein harmonisches Gleiten, ich weiß schon. Bei mir war es ein Knacks.« Der alte Herr probierte einen neuen Meteor aus, der sich emsig bemühte, die höhere Astronomie gänzlich durcheinanderzubringen – es war etwas ziemlich Hilfloses. Wir sahen erhaben zu, denn es ging uns so schön gar nichts an. »Ein Knacks, sagten Sie?« fing ich wieder an. »Ein Knacks«, sagte er. »Es war so:
Sie hopsen da herum, alles ist einfach klar – wenigstens scheint es Ihnen so. Was Sie nicht richtig durchschauen können, das umkleiden Sie mit einem herrlichen Nebel von Lyrik, Pubertät, Nichtachtung, Sorglosigkeit, tapsig hingehuschten Wolken; der tote Punkt in Ihrem Blickfeld ist eine Fläche, dahinein geht viel. Alles ist nur Spaß, wissen Sie, das macht die Sache, wenn auch nicht angenehm, so doch sehr erträglich. Alles ist nur Spaß.« – »Und dann –?« sagte ich. »Und dann –«, sagte er, »und dann ist das eines Tages – nein: nicht eines Tages, eines Tages ist es nicht aus. Viel schlimmer. Erst ist es nur ein leises Unbehagen, die Räder quietschten doch früher nicht? Dann wird Ihnen das Quietschen zur gewohnten Begleitmusik, dann schmeckt dies nicht mehr und dann jenes nicht, und dann fangen Sie auf einmal an, zu sehen.
(…)
»Waren Sie denn kein Mann?« sagte ich und mühte mich, das sehr neutral zu sagen. »Ein Mann?« sagte er. »Doch auch, ja. Ich kroch auch später den andern nach, und was früher Ideal gehießen hatte, hieß jetzt einfach: Zuspätkommen. Ein Mann erwachsen . . . Aber in einer Ecke meines Herzens, wissen Sie, da wo es am hellsten und dunkelsten zugleich ist – da bin ich doch immer ein Junge gewesen.«
Wir schwiegen. Und als ich mich nach ihm drehte, da war er nicht mehr da. Er hatte sich fallen lassen, vermutlich aus Scham, denn so etwas sagt man nicht.
(…)
Kurt Tucholsky
Aus „Die Weltbühne“ in Werke (1925-1928)

Foto Brigitte Fuchs
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