Archiv der Kategorie: Gedichte
An die Muse

Foto Brigitte Fuchs
O Muse, die du weisst, was Tier und Bäume sagen,
Wovon der Vogel singt, was Fisch und Wurm beklagen,
Ich bitte, sage mir, wie reden Löw‘ und Maus?
Wovon schwatzt Schneck‘ und Frosch? wie sprechen muntre Pferde?
Was denkt der volle Mond? worüber seufzt die Erde?
Wie redet die Natur? Es lässt ja ungereimt,
Wenn roher Sänger Witz von Wut der Lämmer träumt,
Die Löwen weinen lässt, die Hasen drohen lehret,
Gewächsen Flügel dreht, und die Natur verkehret.
Aesopus dichtete natürlich, ohne Zwang,
Aesop, der von der Maus bis an den Löwen sang,
Und, ohne der Natur was Falsches aufzubürden,
Die Tiere reden ließ, wie Tiere reden würden.
Die Wölfe dürsteten nach feiger Lämmer Blut,
Der Hisch pries sein Geweih, der Uhu seine Brut,
Der Panther drohete, der Stier sprach von dem Stalle,
Der Sperling plauderte, der Fuchs betrog sie alle.
So sang der Phrygier. Nicht, was sich widersprach,
Floss jemand in sein Lied. Ihm sang ein Phädrus nach,
Und alle, die nach ihm das Fabelreich durchstrichen,
Erhoben ihren Ruhm, so weit sie jenen glichen.
Mein Mund versucht ihr Lied. Wie, wenn es nicht gelingt?
Wer zweifelt, hat gewählt. Es sei gewagt, er singt.
Magnus Gottfried Lichtwer (1719-1783) deutscher Dichter
Text aus dem Internet
Zum Tag

Foto Brigitte Fuchs
(…)
Die Liebe ist in vollem Zug.
An jeder Stelle möchte ich liegen,
Mit jedem Vogel möchte ich fliegen,
Ich möchte fort und möchte bleiben,
Es fesselt mich und will mich treiben.
O Lenz, du holder Widerspruch…
(…)
Nikolaus Lenau (1802-1850) ungarisch-österreichischer Dichter
Einige Zeilen aus seinem Gedicht „Frühling“

Foto Brigitte Fuchs
Wie schön, was uns im Frühling blüht…

Foto Brigitte Fuchs: Küchenschelle
Frühling, ja, du bists!
Dich hab’ ich vernommen!
Eduard Mörike (1804-1875) deutscher Dichter
Letzte Zeilen seines Gedichts „Er ists“
Wie schön, was uns im Frühling blüht
und ungeniert den Duft versprüht:
Ranunkeln, Tulpen und Narzissen,
zartblaue Veilchen, Moos in Kissen.
Gras, Birke, Hasel, Esche, Flieder
blüh’n Jahr um Jahr entschlossen wieder.
Huflattich, Geissfuss, Akelei
(Stiefmütterchen sind auch dabei)
Windröschen, Wegerich und Miere
betören uns und auch die Tiere.
Die Nessel, das Vergissmeinnicht,
sie suchen mit dem Klee das Licht.
Und selbst das Erdbeerfingerkraut
wird gern vom Frühling angebaut.
Ach, das ist längst nicht alles hier!
Bestimmt gibt es noch hundertvier…
Brigitte Fuchs
Es grünt, es knospt…
Fotos Brigitte Fuchs: Knospen des Kastanienbaums
Nun ist er endlich kommen doch
Im grünen Knospenschuh;
„Er kam, er kam ja immer noch“,
Die Bäume nicken sich’s zu.
Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuss auf Schuss;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muss.
(…)
Theodor Fontane (1819-1898) deutscher Schriftsteller
Erste zwei von vier Strophen seines Gedichtes „Frühling“
In meinem glühendsten Tulpenbaum
Fotos Brigitte Fuchs
In meinem glühendsten Tulpenbaum / tausend Blüten! // Eine süsse Stimme singt: // »Blaue Flügel aus Perlmutter, / als Hochzeitsbett ein Lilienblatt, / eine ganz kleine Prinzessin! // Keiner kennt mich. // Niemand weiss, / wo mein Haus steht. // Sieben Regenbogenbrücken / funkeln zu ihm durch meinen Garten. // Wenn in deine Seele die Sonne scheint, / besuch mich mal. // Hörst du?« // Starr, / aus Schlangen gewunden, / steht der Baum. // Ein Windstoss rüttelt, / wie tanzende Flammen wehn seine Blüten.
Arno Holz (1863-1929) deutscher Schriftsteller, Dichter und Dramatiker
Meisenglück

Foto Brigitte Fuchs: Blaumeise
Aus dem goldnen Morgenqualm
Sich herniederschwingend,
Hüpft die Meise auf den Halm,
Aber noch nicht singend.

Foto Brigitte Fuchs: Kohlmeise
Doch der Halm ist viel zu schwach,
Um nicht bald zu knicken,
Und nur, wenn sie flattert, mag
Sie sich hier erquicken.
Ihre Flügel braucht sie nun
Flink und unverdrossen,
Und indes die Füßchen ruhn,
Wird ein Korn genossen.

Foto Brigitte Fuchs: Schwanzmeise
Einen kühlen Tropfen Tau
Schlürft sie noch daneben,
Um mit Jubel dann ins Blau
Wieder aufzuschweben.
Friedrich Hebbel (1813-1863)
Die Welle

Fotos Brigitte Fuchs
Humor spült nimmer des Lebens Ernst
Hinweg wie leichten Sand,
Es ist die Welle, die schmeichelnd küsst
Des Felsens graue Wand.
Von Unbekannt
Aus den „Fliegenden Blättern“, erschienen 1845-1928 bei Braun & Schneider, München
Quelle: Aphorismen.de
Zum Fastnachtsende

Fotos Brigitte Fuchs
Lust’ge, lust’ge Fastnachtszeit!
Heute jubeln alle Leut‘,
Heute sind wir alle toll,
Alle bunter Scherze voll.
Zieht die Schellenkappen um,
Hänget bunte Kleider drum!
Keiner kennt uns mehr heraus:
Welt ist wie ein Narrenhaus.
(…)
Wolfgang Müller von Königswinter (1816-1873) deutscher Arzt, Politiker und Dichter
Erste zwei von sechs Strophen seines Gedichtes „Fastnacht“
Gelesen bei Aphorismen.de
Will dir den Frühling zeigen

Foto Brigitte Fuchs
Will dir den Frühling zeigen,
der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
und kommt nicht in die Stadt.
Nur die weit aus den kalten
Gassen zu zweien gehn
und sich bei den Händen halten –
dürfen ihn einmal sehn.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) Lyriker deutscher Sprache

Foto Brigitte Fuchs: Bergkette über dem Sempachersee
Dem Auge schweben Farben vor
Foto Brigitte Fuchs: Farb-Experimente, gesehen beim KKLB – Kunst und Kultur im Landessender Beromünster
Dem Auge schweben Farben vor,
Doch sind es keine schöne,
Und Töne klingen mir im Ohr,
Doch keine hellen Töne.
Gott hebe mir den kranken Flor
Von Ohren und von Augen,
Und lass die Welt mich wie zuvor
In klare Sinne saugen!
Wo Bild und Schall aus Aug‘ und Ohr
Will selbstgeboren steigen,
Das ist kein heitrer Farbenchor,
Das ist kein Freudenreigen.
Friedrich Rückert (1788-1866) deutscher Dichter
Gedicht aus dem Internet

Foto Brigitte Fuchs


