Archiv der Kategorie: Gedichte

Erbarmen!

Fotos Brigitte Fuchs

 

Zu Gott, hoch über dem wandernden Wind
Flehen die Äste mit frierenden Armen:
Erbarmen! Erbarmen!
O sieh, wir waren schon frühlingsbereit,
Nun sind
Wir wieder in weisser Wehmut verschneit,
Und ist doch schon Blühen in unserm Blut.
O schenk uns den warmen
Lenzatem deiner urewigen Glut
Und scheuche den scharfen, schneidenden Schnee
Von unseren Blüten. Er tut
Ihnen weh …

 

Stefan Zweig (1881-1942) österreichischer Schriftsteller
Gedicht „Winter“ aus „Vom Reichtum der deutschen Seele – Ein Hausbuch deutscher Lyrik“; Hrsg. Georg Virnsberg, verlegt bei Dollheimer, Leipzig, 1928

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Im März

Foto Brigitte Fuchs

 

Graublaue Nebel schleichen
Durch winterlich Gefild,
Graublaue Berge dämmern
Gleich blassem Traumgebild.

Der Regen rieselt leise
Im blätterlosen Wald,
Vom kühlen Wind das Flüstern
Aus dürren Zweigen hallt.

Dort droben zwitschert ein Vogel
Schüchtern sein kleines Lied –
Weiss nicht, ob Herbst, ob Frühling
Die stille Welt durchzieht.

 

Ferdinand Ernst Albert Avenarius (1856-1923) deutscher Dichter und Kritiker
Gedicht aus dem Internet

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Die Sperlinge

Foto Brigitte Fuchs

 

Altes Haus mit deinen Löchern,
Geiz’ger Bauer, nun ade!
Sonne scheint, von allen Dächern
Tröpfelt lustig schon der Schnee,
Draußen auf dem Zaune munter
Wetzen unsre Schnäbel wir,
Durch die Hecken rauf und runter,
In dem Baume vor der Tür
Tummeln wir in hellen Haufen
Uns mit großem Kriegsgeschrei,
Um die Liebste uns zu raufen,
Denn der Winter ist vorbei!

 

Joseph von Eichendorff (1788-1857) deutscher Lyriker und Schriftsteller

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Ich träume so leise von dir – – –

Foto Brigitte Fuchs

 

Immer kommen am Morgen schmerzliche Farben,
Die sind wie deine Seele.

O, ich muss an dich denken,
Und überall blühen so traurige Augen.

Und ich habe dir doch von den grossen Sternen erzählt,
Aber du hast zur Erde gesehn.

Nächte wachsen aus meinem Kopf,
Ich weiss nicht wo ich hin soll.

Ich träume so leise von dir,
Weiss hängt die Seide schon über meinen Augen

Warum hast du nicht um mich
Die Erde gelassen – sage? ……

 

Else Lasker-Schüler (1869-1945) deutsche Schriftstellerin und Dichterin jüdischer Herkunft
Aus „Dein Herz ist wie die Nacht so hell“ Liebesgedichte, ausgewählt von Eva Demski, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1996 

 

Foto Brigitte Fuchs

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Frost

Brigitte Fuchs: Frostbilder von 2012

 

Vom Meer heran braust schwirrend
ein schneidender Nordnordost,
durch öde Strassen klirrend
schreitet der scharfe Frost.

Im Schnee verloren die Pfade
und Tür und Tor verweht –
nur dass der Stern der Gnade
noch leuchtend am Himmel steht!

 

Clara Müller-Jahnke (1860-1905) deutsche Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin
Gelesen bei Medienwerkstatt-online

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Die Schlittschuhe

Foto Brigitte Fuchs

 

 

„Hör, Ohm! In deiner Trödelkammer hangt
Ein Schlittschuhpaar, danach mein Herz verlangt!
Von London hast du einst es heimgebracht,
Zwar ist es nicht nach neuster Art gemacht,
Doch damasziert, verteufelt elegant!
Dir rostet ungebraucht es an der Wand,
Du gibst es mir!“ Hier, Junge, hast du Geld,
Kauf dir ein schmuckes Paar, wie dir’s gefällt!
„Ach was! Die damaszierten will ich, deine:
Du läufst ja nimmer auf dem Eis, ich meine?“

(…)

 

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) Schweizer Dichter
Anfangszeilen des Langgedichtes „Die Schlittschuhe“ (geschrieben 1880)
Aus „Die Dichter auf dem Eise“ Ein Bilderbogen poetischer Winterfreuden von damals bis heute, Hrsg. Hans Jürgen Balmes, Carl Hanser Verlag, München Wien 1986

 

P.S. „damaszieren“ bedeutet, Stahl oder Eisen mit feinen Mustern versehen

 

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Vielleicht dauert der Winter ja noch ein Weilchen an…

Foto Brigitte Fuchs

 

Am Kamin

(…)

Fernher hallenden Waldhornklang
Glaub‘ ich zu hören, Drosselgesang,
Sprudelnder Quellen Schäumen,
Tropfenden Regen durchs Laubgeäst,
Der die brütenden Vögel im Nest
Weckt aus den Mittagsträumen.

Stürme denn, Winter, eisig und kalt!
An den Kamin herzaubert den Wald
Mir der Flammen Geknister,
Bis ich bei Frühlingssonnenschein
Wieder im goldgrün schimmernden Hain
Lausche dem Elfengeflüster.

 

Adolf Friedrich von Schack (1815-1894) deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker
Letzte zwei von vier Strophen des Gedichtes „Am Kamin“, gefunden bei Lyrik-Lesezeichen.de

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Erschütternde Schüttel-Knüttel-Reimballade

 

Auf den Rabenklippen
bleichen Knabenrippen,
und der Mond verkriecht sich düster ins Gewölk
Rings im Kringel schnattern
schwarze Ringelnattern,
und der Uhu naht sich mit Gebölk.

Mit den Tatzen kratzen
bleiche Katzenfratzen
an dem Leichenstein, der Modergruft.
Furchtbar, schrecklich, gräßlich,
greulich, eklig, häßlich
tönt ihr Wehgewinsel durch die Luft.

Tief im Moore brodelt′s
und im Chore jodelt′s
in die kohlpechrabenschwarze Nacht hinaus.
Keine Brandungslücke,
keine Landungsbrücke
gibt′s in diesem Moor aus Schreck und Graus.

Selbst ein dummer Stänker
wird ein stummer Denker,
wenn er so viel Grauses hört und schaut.
Trinkt noch schnell ′nen Bittern,
sinkt zur Stell mit Zittern
mit ′ner Kreidehaut ins Heidekraut.

Drum, ihr tollen Zecher,
hebt die vollen Becher,
besser sitzt es sich doch hier beim Wein
als auf Rabenklippen,
wo die Knabenrippen
bleichen bei des Neumonds finsterm Schein.

 

Heinrich Seidel (1842 -1906) Deutscher Ingenieur und Schriftsteller
Text aus den Internet

Fotos Brigitte Fuchs

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Silberblatt

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Gold und Silber lieb‘ ich sehr,
Kann’s auch gut gebrauchen,
Hätt‘ ich doch ein ganzes Meer,
Mich hinein zu tauchen;
Braucht nicht grad geprägt zu sein,
Hab’s auch so ganz gerne,
Sei’s des Mondes Silberschein,
Sei’s das Gold der Sterne.

 

August Schnezler (1809-1853) deutscher Dichter, Redakteur und Sagensammler

Erste von fünf Strophen des Gedichtes und Volksliedes  „Gold und Silber lieb‘ ich sehr“
Text aus dem Internet; es gibt verschiedene Vertonungen und Textvariationen. Das Lied war offenbar unter Studenten sehr beliebt.

 

 

Foto Brigitte Fuchs, beide Fotos: Silberblatt oder Silberfarbiges Greiskraut

 

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Der Frühling grüsst beizeiten

 

Fotos Brigitte Fuchs: fotografiert am 4. Februar

 

Vorfrühling

 

Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz,
Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub,
In einem Lichte, das wie Frühling ist.
Der blaue Himmel zeigt türkisenblau
Ganz schmale Streifen, und ich weiss, das ist
Des jungen Jahres erster Farbenklang…

(…)

 

Otto Julius Bierbaum (1865-1910) deutscher Journalist, Dichter und Schriftsteller
Anfangszeilen seines Gedichtes „Vorfrühling“
Text gefunden im Internet

 

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