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Was mich zu diesem Foto bewog

Foto Brigitte Fuchs
Und, was denkt ihr wohl? Was reizte mich an diesem Blick? Das Licht? Die Höhe? Der Spiegelbildeffekt? Die Komposition?
Vielleicht hilft ja das Poem von Karl Kraus weiter …
Rätsel
Bald ist’s von dieser, bald von jener Sorte:
dort gilt’s der Silbe, hier gilt es dem Worte.
Leicht lässt es dich in alle Ferne schweifen,
wiewohl grad nur das Nächste zu ergreifen.
Bescheiden steht’s und wartet in der Ecke,
bis du den Sinn holst aus dem Wortverstecke.
Wenn endlich dir die Lösung glücken soll,
sei zu bedenken dieses dir gegeben:
gelöst wär‘ nur die eine eben,
jedoch fast jedes Ding im Leben,
es bleibt dir leider dessen voll.
Ja mehr als das – ich wag es auszusprechen
und will dich warnen, ehe es zu spät – ,
dies eine selbst, es lohnt kein Kopfzerbrechen:
denn Rätsel bleibt es, wenn man’s auch errät.
Karl Kraus (1874-1936)österreichischer Schriftsteller, Publizist und Satiriker
Ist es gelöst das Rätsel? Nanu – Noch eine Information dazu?

Foto Brigitte Fuchs
Das Foto entstand in der Ankunftshalle des Flughafens Zürich-Kloten. Wir warteten auf unseren Gast aus England.
Aber länger will ich euch die Lösung nicht vorenthalten. Da oben, ganz zuoberst eingeklemmt, war das Ding, das ich entdeckte und fotografisch „einfing“: Voilà!
Brigitte Fuchs

Foto Brigitte Fuchs
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Herbstzeitlose
Fotos Brigitte Fuchs: Herbstzeitlose und Feldenzian
Blühst du wieder, Herbstzeitlose,
Blaßgefärbte, düftelose,
Großgewiegt vom rauen Wind,
Du des Sommers letztes Kind?
Blühst aus herbstlich feuchten Matten
In des Waldthals stillen Schatten,
Wo die grauen Weiden stehn,
Wo die leisen Bächlein gehn.
Blühst aus blumenleeren Auen,
Nicht zum Pflücken, nur zum Schauen…
(…)
Karl Gerok (1815-1890) deutschr Theologe und Lyriker
Anfangszeilen aus seinem Gedicht „Herbstzeitlose*
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Lob der Weine
Fotos Brigitte Fuchs: Rebhang beim Schloss Heidegg
Man sagt wohl: in dem Maien,
Da sind die Brünnlein g’sund –
Ich glaub’s nit, bei mein Treuen,
Es schwenkt ei’m nur den Mund
Und tut im Magen schweben,
Drum will mir’s auch nicht ein:
Ich lob die edlen Reben,
Die bring’n uns guten Wein.
Nun sei mir gottwillkommen,
Du edler Rebensaft!
Ich hab gar wohl vernommen,
Du bringst mir süsse Kraft,
Lässt mir mein G’müt nicht sinken
Und stärkst das Herze mein –
Drum wollen wir dich trinken
Und alle fröhlich sein.
Johann Fischart (1546-1591), genannt Mentzer, was wohl Mainzer bedeutet
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Verzeihlich
Foto Brigitte Fuchs: Fensterfolie beim Schloss Heidegg/LU
Er ist ein Dichter; also eitel.
Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm,
Zieht er aus seinem Lügenbeutel
So allerlei Brimborium.
Juwelen, Gold und stolze Namen,
Ein hohes Schloss im Mondenschein
Und schöne, höchstverliebte Damen,
Dies alles nennt der Dichter sein.
Indessen ist ein enges Stübchen
Sein ungeheizter Aufenthalt.
Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen,
Und seine Füsse werden kalt.
Wilhelm Busch (1832-1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller
Quelle: Busch, W., Gedichte. Schein und Sein, 1909
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Morgendlicher Besucher
Vogel-Urtheil.
Als ich jüngst, mich zu erquicken,
Unter dunklen Bäumen sass,
Hört‘ ich ticken, leise ticken,
Zierlich, wie nach Takt und Maass.
Böse wurd‘ ich, zog Gesichter,
Endlich aber gab ich nach,
Bis ich gar, gleich einem Dichter,
Selber mit im Tiktak sprach.

Wie mir so im Versemachen
Silb‘ um Silb‘ ihr Hopsa sprang,
Musst ich plötzlich lachen, lachen
Eine Viertelstunde lang,
Du ein Dichter? Du ein Dichter?
Stehts mit deinem Kopf so schlecht? —
„Ja, mein Herr! Sie sind ein Dichter!“
— Also sprach der Vogel Specht.
Friedrich Nietzsche (1844-1900) deutscher Philosoph, Essayist, Schriftsteller und Lyriker

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Rose

Rose

is a rose

is a rose

is a rose
Gertrude Stein (1874-1946) US-amerikanische Schriftstellerin, Verlegerin und Kunstsammlerin
Der Satz „Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ wurde von Gertrude Stein als Teil des Gedichts „Heilige Emily“ von 1913 geschrieben, das 1922 in dem Buch „Geographie und Theaterstücke“ erschien. In diesem Gedicht ist das erste „Rose“ der Name einer Person.

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Danke der gütigen Nachfrage
Es ist durchaus denkbar ohne
Lyrik zu leben. Kräuterbäder
und Kranzniederlegungen sind
zumutbare Alternativen und
eine Rose ist eine Rose
ist eine Stütze auch so.
Brigitte Fuchs
Aus „Solange ihr Knie wippt“, Gedichte, edition 8, Zürich 2002
Das Gedicht bezieht sich sowohl auf Gertrude Stein „Rose is a rose is a rose is a rose“
als auch auf den Gedichtband von Hilde Domin mit dem Titel „Nur eine Rose als Stütze“

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Wenn es Abend wird über dem Tal
Foto Brigitte Fuchs
Gegen Abend
Nun hängt nur noch am Kirchturmknopf
Der letzte Sonnenschein;
Bald werden auch die Höhen
Ganz ohne Sonne sein.
Und Silberglanz dann überall;
Des Mondes blasses Licht
Umschüttet unsre Laube,
Umleuchtet dein Gesicht.
(…)
Otto Julius Bierbaum (1865-1910) deutscher Journalist und Schriftsteller
Erste beiden Strophen des dreistrophigen Gedichtes „Gegen Abend“
Aus der Sammlung „Abend und Nacht“

Foto Brigitte Fuchs
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Herbstbeginn
Fotos Brigitte Fuchs
Es leuchten die Winden am Wege schneeweiß,
Es strotzen die Kolben am gilbenden Mais,
Wie schwellede Kugeln aus Kupfer und Gold
Sind die Früchte des Kürbis dem Acker entrollt.
Schon webt im Gehölze ein gelbliches Licht,
Bleichflammend die Herbstzeitlose aufbricht.
Vom nächtigen Grün des Blattes umkränzt
In Ebenholzschwärze die Einbeere glänzt.
September, September – wildgellend hallt
Der Schrei des Falken über dem Wald,
Die Schlange, noch einmal abstreift sie ihr Kleid,
Zum letzten Empfange der Sonne bereit.
Die Hummel zieht tönend die trächtige Bahn
Im Honigklee und im Thymian.
Die Baldachinspinne ihr Silberwerk spinnt,
Der süße Seim aus den Birnen rinnt.
Mit panischem Warnruf die Drossel entflieht,
Verzaubert steht die Libelle im Ried,
Der Wein auf den Mittagshügeln kocht.
Es gilbt der Kranz, den der Sommer flocht.
Schon morgen klirren die Blätter wie Glas,
Schon morgen prallen die Früchte ins Gras,
Schon morgen richten aus kreisendem Flug
Die Schwalben zum Süden den pfeilenden Zug.
Hans Leifhelm (1881 – 1947) österreichischer Lyriker

Fotos Brigitte Fuchs
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Vom Spaziergang mitgebracht…

Fotos Brigitte Fuchs
Immer wieder
Der Winter ging, der Sommer kam.
Er bringt aufs neue wieder
Den vielbeliebten Wunderkram
Der Blumen und der Lieder.
Wie das so wechselt Jahr um Jahr,
Betracht ich fast mit Sorgen.
Was lebte, starb, was ist, es war,
Und heute wird zu morgen.
Stets muss die Bildnerin Natur
Den alten Ton benützen
In Haus und Garten, Wald und Flur
Zu ihren neuen Skizzen.
Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

Fotos Brigitte Fuchs
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Zwei Heimgekehrte

Foto Brigitte Fuchs: Wanderer zum Hohen Kasten/AI
Zwei Wanderer zogen hinaus zum Tor,
Zur herrlichen Alpenwelt empor.
Der eine ging, weil’s Mode just,
Den andern trieb der Drang in der Brust.
Und als daheim nun wieder die zwei,
Da rückt die ganze Sippe herbei,
Da wirbelt’s von Fragen ohne Zahl:
»Was habt ihr gesehn? Erzählt einmal!«
Der eine drauf mit Gähnen spricht:
»Was wir gesehn? Viel Rares nicht!
Ach, Bäume, Wiesen, Bach und Hain,
Und blauen Himmel und Sonnenschein!
«Der andere lächelnd dasselbe spricht,
Doch leuchtenden Blicks, mit verklärtem Gesicht:
»Ei, Bäume, Wiesen, Bach und Hain,
Und blauen Himmel und Sonnenschein!«
Anastasius Grün (1808-1876) österreichischer Politiker und Lyriker

Foto Brigitte Fuchs: Wandergruppe im Appenzellerland
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