Archiv der Kategorie: Gedichte
Die Wintersonne an die Südländer
Foto Brigitte Fuchs
Hängt länger euch, o Kinder,
Nicht an mein goldnes Kleid!
Hab‘ ja noch andre Kinder
Im Norden, weit, weit, weit!
In ihrem grimmen Winter
Bin ich ihr einz’ger Trost:
Komm‘ ich nicht auf ein Stündchen,
Sie sterben mir vor Frost.
Auf dumpfer Hütten Schwelle,
Um die ein Eiswall ragt,
Erwarten ungeduldig
Sie mich, sobald es tagt.
Sie grüssen lautaufjauchzend
Mit Schmeichelnamen mich,
Und weinen fast, entfernet
Mein goldner Wagen sich.
Elisabeth Kulmann (1808-1825) deutsch russische Dichterin
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Endspiel

Foto Brigitte Fuchs
So ist er. Spielt weiter noch immer versteckt
unter dem Strohhut wo ihn keiner mehr sucht.
Und während Rauch einhellig aufsteigt aus
unseren Kaminen nimmt seiner die andere
Richtung. Streicht unentwegt hinwärts über die
Dächer der Glücklosen. Da endlich erhebt er
sich. Schiebt den verwandelten Hut aus der
Stirn. Ich muss es zu Ende bringen sagt er und
setzt Wolken auf in seiner Pfanne aus Nichts.
Brigitte Fuchs
Aus „Solange ihr Knie wippt“, Gedichte, edition 8, Zürich 2002
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Es wächst
Fotos Brigitte Fuchs
Es wächst viel Brot in der Winternacht,
weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat;
erst wenn im Lenze die Sonne lacht,
spürst du, was Gutes der Winter tat.
Friedrich Wilhelm Weber (1813-1894) deutscher Arzt, Politiker und Dichter

Fotos Brigitte Fuchs
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Landläufigkeiten
Fotos Brigitte Fuchs
Die Klappstühle vor dem Gasthof sind
allesamt vom Neuschnee besetzt die
frisch hingewehten Tischtücher noch
unangetastet keine Spur von Flecken
Vogeltritten oder Handgreiflichkeiten
Den Strassenrand markieren orange
Stangen eine der Laubsäge enteilte
Schneeprinzessin im kirschroten Kleid
warnt die Autofahrer vor den Kindern
des Orts Tempo dreissig ist erlaubt
Jeder hält sich heute daran auf eine
Rutschpartie sind höchstens die paar
Schulkinder aus oder der Junglehrer
der hinter der neuen Kollegin über
den vereisten Schulhausplatz tänzelt
Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“ Gedichte, edition 8, Zürich 2014

Fotos Brigitte Fuchs
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Winterlust
Fotos Brigitte Fuchs
Wohin man schaut, nur Schnee und Eis,
Der Himmel grau, die Erde weiss;
Hei, wie der Wind so lustig pfeift,
Hei, wie er in die Backen kneift,
Doch meint er´s mit den Leuten gut,
Erfrischt und stärkt, macht frohen Mut.
Ihr Stubenhocker, schämet euch,
Kommt nur heraus, tut es uns gleich.
Bei Wind und Schnee auf glatter Bahn,
Da hebt erst recht der Jubel an!
Robert Reinick (1805-1852) deutscher Maler und Dichter

Fotos Brigitte Fuchs
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Zwischen zweier Jahre Sarg und Windel
Foto Brigitte Fuchs
Zwischen zweier Jahre Sarg und Windel
Wiederholt sich immer solch historischer Schwindel,
Der zumal Kalenderfabrikanten
Und viele alte antitot gesinnte Tanten
Hochbeglückt.
Und auch mich.
Prosit Neujahr, Brüder!
Ich bin heute lüderlich.
Ja, ich brülle und betrinke mich.
Mich schlägt keine Uhr.
Und ich wünsche jedem Menschen nur:
Dass von dem, was er mit losem Munde
Heute erfleht, möglichst wenig in Erfüllung geht.
Weil die Welt mir doch zu jeder Stunde
So am richtigsten erscheint, wie sie besteht.
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer
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Wenn ein Jahr zur Neige geht
Foto Brigitte Fuchs
Wenn ein Jahr zur Neige geht
und man auf der Schwelle steht,
denkt man gern an seine Lieben
(es sind etwa hundertsieben),
welche uns zum Glück geblieben
sind im Lauf der Jahreszeiten
und uns weiterhin begleiten.
Hiermit dürfen wir euch schreiben,
dass wir zuversichtlich bleiben,
denn die Welt geht noch nicht unter
und wir sind wohlauf und munter.
Klar steht es nicht grad zum Besten
auf der Welt von Ost bis Westen,
doch man darf berechtigt glauben,
dass mit Grips und ein paar Schrauben
der Planet sich weiter dreht
und uns zur Verfügung steht.
Lasst uns unbeirrt dem neuen
Jahr vertrauen und uns freuen!
Lasst uns in Verbindung bleiben
und uns sehen oder schreiben!
Dies mit festlich-frohen, süssen
Jahresend- und Anfangsgrüssen.
Brigitte Fuchs
Grussbotschaft zum Jahreswechsel 2025/2026
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Winterfeeling
Fotos Brigitte Fuchs: gestern, 28.12.2025, in Bärenwil/Langenbruck im Kanton Basel-Landschaft
Das Feld ist weiss, so blank und rein,
Vergoldet von der Sonne Schein,
Die blaue Luft ist stille;
Hell wie Kristall
Blinkt überall
Der Fluren Silberhülle.
(…)
Von Reifenduft befiedert sind
Die Zweige rings, die sanfte Wind‘
Im Sonnenstrahl bewegen.
Dort stäubt vom Baum
Der Flocken Flaum
Wie leichter Blütenregen.
Tief sinkt der braune Tannenast
Und drohet mit des Schnees Last
Den Wandrer zu beschütten.
Vom Frost der Nacht
Gehärtet, kracht
Der Weg von seinen Tritten.
(…)
Johann Gaudenz Freiherr von Salis-Seewis (1762-1834) Schweizer Dichter
Drei von sieben Strophen seines Gedichtes „Winterlied“

Fotos Brigitte Fuchs: Bärenwil
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Glaube an die Welt
Foto Brigitte Fuchs: Skulptur von Rolf Brem in Sursee
Lass ab von diesem Zweifeln, Klauben,
Vor dem das Beste selbst zerfällt,
Und wahre dir den vollen Glauben
An diese Welt trotz dieser Welt.
Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s, es ist nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und schickt.
Und, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Widerschein.
(…)
Theodor Fontane (1819-1898) deutscher Schriftsteller und Dichter
Erste drei von sechs Strophen des gleichnamigen Gedichtes

Foto Brigitte Fuchs: „Mutter mit Kind“, Bronze von Rolf Brem in Sursee
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Glückserinnerung

Foto Brigitte Fuchs
Leg du auf meine Lebensgeige
die Hände an des Schicksals Statt, –
dass ich vergesse, was für feige
Töne jede Saite hat.
Lehr mich ein Lied. Ein Lied das zage
wie Glückserinnerung beginnt.
Ein Lied für meine Feiertage,
die ohne alle Hymne sind.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) österreichischer Erzähler und Lyriker deutscher und französischer Sprache
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