Archiv der Kategorie: Gedichte

Acherontisches Frösteln

Foto Brigitte Fuchs: Parkanlage Gönhardgüter in Aarau

 

 

Schon nascht der Star die rote Vogelbeere,
Zum Erntekranze juchheiten die Geigen,
Und warte nur, bald nimmt der Herbst die Schere
Und schneidet sich die Blätter von den Zweigen,
Dann ängstet in den Wäldern eine Leere,
Durch kahle Äste wird ein Fluss sich zeigen,
Der schläfrig an mein Ufer schickt die Fähre,
Die mich hinüberholt ins kalte Schweigen.

 

 

Detlev von Liliencron (1844-1909) deutscher Lyriker, Schriftsteller und Bühnenautor

 

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Immer und überall

Fotos Brigitte Fuchs

 

Dringe tief zu Berges Grüften,
Wolken folge hoch in Lüften;
Muse ruft zu Bach und Tale
Tausend aber tausend Male.

Sobald ein frisches Kelchlein blüht,
Es fordert neue Lieder;
Und wenn die Zeit verrauschend flieht,
Jahrszeiten kommen wieder

 

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

 

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Alles eitel

 

Die güldenen Dukaten,
die waren mir zu schwer;
wohin sie all geraten,
das weiss ich schon nicht mehr.

 

 

Die goldnen Lieder streute
ich aus mit leichtem Sinn,
es nahm als flüchtge Beute
Vergessenheit sie hin.

 

 

Und meiner Lieb Geschmeide,
der Treue funkelnd Erz,
zerbrach mit seinem Eide
ein falsches Mädchenherz.

 

 

So blieb mir in dem Leben
von allem Gold allein
das Feuergold der Reben,
der goldne Feuerwein.

 

 

Und bleibt mir bis zum Grabe
gewisslich treu und hold;
so lang ich Silber habe,
ist dies das beste Gold.

 

Friedrich Hornfeck (1822-1882) deutscher Jurist, Journalist, Redakteur und Schriftsteller

 

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Allerseelen

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Stell‘ auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag‘ herbei
Und lass uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke,
Und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei;
Gib mir nur einen deiner süssen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut‘ auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Toten frei;
Komm‘ an mein Herz, dass ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

 

Hermann von Gilm zu Rosenegg (1812-1864) österreichischer Jurist und Dichter

 

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November

Fotos: Brigitte Fuchs: Der historische Au-Friedhof in Bad Säckingen

 

 

Bin heut im erstarrten Garten gewesen,
Wo ich in deinem Auge einst Lieder gelesen;
Wo die Biene den Tropfen Seligkeit sog,
Und wie ein Stückchen Himmel der Schmetterling flog.
Wo der Mond aufstieg wie der Liebe Lob,
Wie ein Herz, das sich von der Erde hob,
Und wo jetzt die Wurzeln der Blumen verwesen,
Hab ich in toten Blättern noch Lieder gelesen.

 

 

Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler

 

Fotos: Brigitte Fuchs: Der historische Au-Friedhof in Bad Säckingen

 

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Trost für das Alter

Fotos Brigitte Fuchs

 

Komm, dass ich dein teures Haupt
Kränzen mag mit roten Eichen;
Schön, o Liebling, dich umlaubt
Dieses Herbstesabschiedszeichen.
Veilchen auch, obgleich bescheiden,
Mehr noch stehn dir Rosen an:
Wie wird dich, geliebter Mann,
Erst der Schnee des Alters kleiden!

 

Ricarda Huch (1864-1947) deutsche Dichterin, Philosophin und Historikerin

 

 

Fotos Fuchs

 

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Nebel

 

Nebel füllt grau und fahl mein liebes Alpental, traurig zu schauen.
Gestern noch war es klar, Himmelslicht wunderbar lag auf den Auen.
Aber, wie’s Mittag wird – ob sich mein Auge irrt? – lachende Strahlen,
Die durch den Nebel schnell glitzernd und bunt und hell Leuchtfarben malen.

 

 

Ich steh‘ im Sonnenschein. Sonne, erbarm‘ dich mein, wärm‘ mir die Stirne,
Dass mit dem Nebel hier weiche der Nebel mir aus meinem Hirne.

 

 

Hugo Salus (1866-1929) böhmischer Dichter und Novellist
Aus der Sammlung „Die Harfe Gottes“

 

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Der Tod und das Mädchen

Foto Brigitte Fuchs: Skulptur „Das Mädchen und der Tod“ in Bad Ramsach vom Künstler Vincent Mahrer, *1959

 

Der Tod und das Mädchen

Das Mädchen

Vorüber! Ach, vorüber!
Geh wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh, Lieber!
Und rühre mich nicht an.

Der Tod

Gib Deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund, und komme nicht zu strafen.
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!

 

Matthias Claudius (1740-1815) deutscher Dichter

 

Foto Brigitte Fuchs: Skulptur „Das Mädchen und der Tod“ in Bad Ramsach vom Künstler Vincent Mahrer, *1959

 

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Goldener Oktober

Fotos Brigitte Fuchs

 

Du, dieses Jahres Abend, Herbst
Sei meines Lebensabends Bild!
Wie langsam du den Hain entfärbst,
Und deine Sonn‘ ist frühlingsmild:
Es lacht das grünende Gefild
Tief im Oktober ohne Frost,
Und in der Traube schwillt der Most,
Wie in der Brust Begeistrung schwillt.

 

Friedrich Rückert (1788-1866) deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

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Der Vergess

Foto Brigitte Fuchs

 

Er war voll Bildungshung, indes,
soviel er las
und Wissen ass,
er blieb zugleich ein Unverbess,
ein Unver, sag ich, als Vergess;
ein Sieb aus Glas,
ein Netz aus Gras,
ein Vielfress –
doch kein Haltefrass.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller
Aus der Samlung „Der Gingganz“

 

 

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