Archiv der Kategorie: Gedichte

Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Meditation, zum Coupéfenster hinaus

 

Wie die langen Telegrafenstangen
jene schwarzen, dünnen Drähte, die
grad sich zu erheben angefangen,
immer wieder niedergehen, wie

diese dunkeln regelmäßigen Stäbe,
die das Auf und Ab und Auf und Ab
stetig kontrollierend in der Schwebe
halten –:
also von der Wiege bis zum Grab

drückt auch dich, o Mensch, bei allem Streben
(seist du Amme, Kanzler, Redakteur),
drückt auch dich, o Mensch, im ganzen Leben,
nieder, nieder, nieder –
das Malheur.

 

Kurt Tucholsky

 

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs

 

6

 

Weihnachten

Nikolaus der Gute
kommt mit einer Rute,
greift in seinen vollen Sack –
dir ein Päckchen – mir ein Pack.
Ruth Maria kriegt ein Buch
und ein Baumwolltaschentuch,
Noske einen Ehrensäbel
und ein Buch vom alten Bebel,
sozusagen zur Erheiterung,
zur Gelehrsamkeitserweiterung . . .
Marloh kriegt ein Kaiserbild
und nen blanken Ehrenschild.
Oberst Reinhard kriegt zum Hohn
die gesetzliche Pension . . .
Tante Lo, die, wie ihr wißt,
immer, immer müde ist,
kriegt von mir ein dickes Kissen. –
Und auch hinter die Kulissen
kommt der gute Weihnachtsmann:
Nimmt sich mancher Leute an,
schenkt da einen ganzen Sack
guten alten Kunstgeschmack.
Schenkt der Orska alle Rollen
Wedekinder, kesse Bollen –
(Hosenrollen mag sie nicht:
dabei sieht man nur Gesicht . . . ).
Der kriegt eine Bauerntruhe,
Fräulein Hippel neue Schuhe,
jener hält die liebste Hand –
Und das Land? Und das Land?
Bitt ich dich, so sehr ich kann:
Schenk ihm Ruhe –
lieber Weihnachtsmann!

 

Kurt Tucholsky

 

 

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Tiefer Blick

Foto Brigitte Fuchs

 

Und ob du jauchztest, ob dir Tränen tauten,
ein andres ist dir immer auch geschehn:
Ein Unsichtbares grüsst dich im Erschauten.
Du kannst es ahnen, aber nie verstehn.

Des Geistes Schwingen sind daran gebunden
und deines freisten Lieds Erlesenheit.
Denn alles, was dir Aug und Herz bekunden,
hat im Geheimnis seine Wesenheit.

 

Alfred Grünewald (1884-1942) österreichischer Schriftsteller
Aus „Lass meine Seele dir Heimat sein“

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Über den Bergen

Foto Brigitte Fuchs: Blick von der Kapelle Gormund, Neudorf/LU zu den innerschweizer Bergen, flankiert von der Rigi (links) und dem Pilatus (rechts)

 

 

Über den Bergen,
weit zu wandern, sagen die Leute,
wohnt das Glück.

 

 

Fozo Brigitte Fuchs

 

Ach, und ich ging,
im Schwarme der andern,
kam mit verweinten Augen zurück.

 

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Über den Bergen,
weit, weit drüben, sagen die Leute,
wohnt das Glück.

 

 

Carl Hermann Busse (1872-1918) deutscher Schriftsteller, Dichter und Literaturkritiker

 

Foto Brigitte Fuchs: Der Titlis

 

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Im Nachbarhof

Foto Brigitte Fuchs: Murimoos

 

 

Im Nachbarhof – o schöne Welt!
Mit Brettern, Stangen, Dielen,
Wie ist da alles vollgestellt,
Recht zum Versteckens spielen.

Da ist ein Hügel, ein Mauerloch,
Ein kleiner Stall für Schweine,
Des Hundes Hütte und dazu noch
Die lustigen, grossen Steine.

Wie uns in stiller Seligkeit
Die Stunden da entschwinden,
Kein Schönrer Fleck ist weit und breit
Auf dieser Welt zu finden!

(…)

 

Franz Bonn (1830-1894) deutscher Schriftsteller, humoristischer Dichter, Jurist und Politiker
Erste drei von fünf Strophen seines Gedichtes „Im Nachbarhof“

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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Ein paar Boote

Foto Brigitte Fuchs

 

 

 

Ein paar Boote an Land aufgebockt

unter farbbleichen Plachen verschnürt

Vom Sommer bleibt nicht mehr zurück

als eine unklare Ordnung

In den Träumen Deltas und Buchten

verstreut übers Sichtfeld

ein Ausnahmezustand der

anhält und wärmt

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“, Gedichte, edition 8, Zürich 2014

 

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Minnelied

Foto Brigitte Fuchs

 

 

MIT DER LICHTEN BLUMEN SCHEIN

Ich bin einer, der nie halben tag
mit ganzen freuden hat vertrieben.
was mir in den armen lag,
ist mir nicht geblieben.

keinem wird die wonne währen; sie verweht
mit der lichten blumen schein.
darum schlafe herz, schlaf ein.
nichts ist dein, was nicht vergeht.

 

Walther von der Vogelweide (um 1170-ca.1230) deutscher Minnesänger des Mittelalters

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Novemberschwimmer

Fotos Brigitte Fuchs: mit der Erlaubnis des Schwimmers

 

 

Willst du Grosses, lass das Zagen,
Tu nach kühner Schwimmer Brauch!
Rüstig gilt’s die Flut zu schlagen,
Doch es trägt die Flut dich auch.

 

 

Emanuel Geibel (1815-1884) deutscher Lyriker und Dramatiker

 

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Die Liesel und die Martinsgans

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Die Liesel spricht zur Martinsgans:
Hab du nur keine Bange!
Wir essen Gänsebraten nicht,
und das schon ziemlich lange.

Wir zieh’n am Martinstag als Schar,
statt Mathe noch zu lernen,
laut singend durch die Innenstadt
und schwenken die Laternen.

Da draussen wird es winterkalt,
den Mantel brauchen wir, den warmen.
Sankt Martin gab den halben her
für einen Bettelarmen.

 

Brigitte Fuchs

 

 

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Herbstschöne

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Nun sind im Jahresreigen
Verstummt die hellen Geigen
Mit ihrem Lustgetön.
Die glühen Sommerfarben
Sie welkten schon und starben,
Und dennoch ist es schön. –

Wenn auch das Sonnenprangen
Vom Wolkenflor verhangen,
Und wenn auch Nebel brau’n –
Du musst es nur verstehen,
Im Sterben und Vergehen
Die Schönheit noch zu schau’n.

 

Heinrich Kämpchen (1847-1912) deutscher Bergmann und Arbeiterdichter
Aus „Was die Ruhr mir sang“ 1909

 

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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