Archiv der Kategorie: Gedichte

Winter

Foto Brigitte Fuchs

 

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
Und scheut nicht Süss noch Sauer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
Und lässt′s vorher nicht wärmen,
Und spottet über Fluss im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiss er sich nichts zu machen,
Hasst warmen Drang und warmen Klang
Und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn′s Holz im Ofen knittert,
Und an dem Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich und Seen krachen,
Das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
Dann will er sich totlachen. –

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort, bald hier
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

 

Matthias Claudius (1740-1815) deutscher Dichter

 

Veröffentlicht unter Gedichte | 14 Kommentare

Nicht immer

Foto Brigitte Fuchs

 

Nicht immer schliesst wie auf der Bühne
Das Schicksal mit vollkommnem Schluss,
Nicht immer findet Schuld und Sühne,
Die Liebe süssen Todeskuss.
Viel öfter wird ein Herz zersplittert,
Und Leid wie Lust stirbt Jahr um Jahr,
Wie Bild und Schrift zuletzt verwittert,
Und Traum wird, was Erinn’rung war.

 

Hermann Lingg (1820-1905) deutscher Dichter und Schriftsteller

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 14 Kommentare

Am Bildrand

Foto Brigitte Fuchs: Zürich

 

 

Nenn mir drei Gründe
und was dergleichen mehr sind
ein Auge zu werfen sieh

wie die Stadt sich ziert
sich hastig auf dem Absatz dreht
die Flutlichtaugen auf
und niederschlägt für dich
der du unablässig am Bildrand
die Arme verschränkst und

wie dich das grosse Einatmen
überkommt mit einemmal
mischst du die Farben
füllst du die Flächen
an nichts dich haltend neu

 

 

Brigitte Fuchs
Aus „Das Blaue vom Himmel oder ich lebe jetzt“ Gedichte, Glendyn Verlag 1993

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 16 Kommentare

Rosen

Foto Brigitte Fuchs

 

So regnet es sich langsam ein,
Und immer kürzer wird der Tag und immer
Seltener der Sonnenschein.
Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen stehn.
Gib mir die Hand und komm – wir wollen sie uns pflücken gehn.
Es werden wohl die letzten sein.

 

 

Cäsar Flaischlen (1864-1920) deutscher Lyriker und Mundartdichter

 

Foto Brigitte Fuchs

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 14 Kommentare

Palmenträume

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Das Haupt ans Haupt gelehnt und Hand in Hand,

Mit heimwehkranker Seele träumten wir

Von einer fernen Südseeinsel Strand,

Wo reicher die Natur und farbenheisser,

Wo lilasilbern Meereswogen leuchten

In winddurchkoster, schwüler Tropennacht,

Wo still und träumerisch und sinnlich-mild,

Das Leben weiterfliesst, wo keine Schranken

Des Herzens träumerisch-bizarre Wünsche

Stumpfsinnig-kühl verneinen und zerstören.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Wo bist du, meine ferne Südseeinsel?

 

Felix Dörmann (1870-1928) österreichischer Schriftsteller, Librettist und Filmproduzent
Schlussteil des Gedichtes „Im Palmenhaus“ aus „Sensationen“, Gedichte, Wien 1892

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 12 Kommentare

Die Katzen

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Sie sind sehr kühl und biegsam, wenn sie schreiten,
Und ihre Leiber fliessen sanft entlang.
Wenn sie die blumenhaften Füsse breiten,
Schmiegt sich die Erde ihrem runden Gang.

Ihr Blick ist demuthaft und manchmal etwas irr.
Dann spinnen ihre Krallen fremde Fäden,
Aus Haar und Seide schmerzliches Gewirr,
Vor Kellerstufen und zerbrochnen Läden.

Im Abend sind sie gross und ganz entrückt,
Verzauberte auf nächtlich weissen Steinen,
In Schmerz und Wollust sehnsuchtskrank verzückt
Hörst du sie fern durch deine Nächte weinen.

 

Marie-Luise Weissmann (1899-1929) deutsche Lyrikerin und Schriftstellerin

 

Foto Brigitte Fuchs

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 18 Kommentare

Nebel

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Du, trüber Nebel, hüllest mir
Das Tal mit seinem Fluss,
Den Berg mit seinem Waldrevier
Und jeden Sonnengruss.

Nimm fort in deine graue Nacht
Die Erde weit und breit!
Nimm fort, was mich so traurig macht,
Auch die Vergangenheit!

 

 

Niklaus Lenau (1802-1850) ungarisch-österreichischer Dichter

 

Foto Brigitte Fuchs: Allerheiligenberg

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 24 Kommentare

Herbstliches Spiel

Fotos Brigitte Fuchs: Heiternplatz Zofingen

 

 

Herbstliches Spiel

 

Der Herbst spielt eine Partie «Mensch

ärgere dich nicht» mit den Brunnen der Stadt

platziert da und dort seine Hütchen rückt

jeden Tag ein paar Felder weiter immer sind

seine Figuren im Vormarsch manchmal würfelt

der Wind mit rückt die Partie zurecht schickt

die Konkurrenten zurück an den Start

 

 

Brigitte Fuchs

 

Foto Brigitte Fuchs: Brunnen auf dem Heiternplatz Zofingen

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 18 Kommentare

Erster November

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Da draussen ist frühe Nebelnacht,
Die hat den Tag um Stunden bestohlen,
Hat aus den Fenstern Laternen gemacht.
Ich möchte mir den Mond herholen,
Dass ich einen hätt‘, der ewig lacht,
Denn die Nacht ist wie ein schwarzes Bett.
Dort hat der Tod, wie auf Lagern aus Kohlen,
Gedankenlos als Dieb seine Ruhestätt‘.
Weiss nicht, ist die Stadt draussen klein oder gross,
Ob Menschen drin hausen, oder bin ich allein,
Denn ein jeder Tag schwarz wie der Fluss fortfloss,
Und beklagt gingen viele zur Nacht hinein.
Auch Vater und Mutter haben gefragt,
Und niemandem wurde der Weg gesagt.
Auch Vater und Mutter wurden zu Stein,
Ein Stein, der sich über dem Grabe schloss.
Drauf lese ich heut‘ ihre Namen bloss,
Nur noch die Namen sind beide mein.
Woher sie kamen, wohin sie gingen, –
Ich kann die Nacht nicht zum Reden zwingen.

 

Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 16 Kommentare

Poem

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Es hat uns oft noch nach Mitternacht in die lauschigen Schenken getrieben.
Die dumme Sehnsucht nach Wundern gab keine Ruh,
Und wir wären so gern, ach so gern noch sitzen geblieben –
Aber man machte schon zu!

In den Gartencafés hat’s uns zu blonden Mädchen getrieben.
O wie im Zauber so schön war oft so ein herbstliches Rendezvous …
Und wir wären so gern noch bei einer sitzen geblieben –
Aber man schloss die Herztür schon zu!

Nun ist’s viel zu spät schon, um noch weiter dies Leben zu üben –
Wie liebten wir alle dies bittre, bittre Getu!
Und man wär so gern doch ewig sitzen geblieben …
Aber man machte schon zu!

 

Jakob Haringer (1898-1948) deutscher Schriftsteller

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 14 Kommentare