Archiv der Kategorie: Gedichte
Frohe Kunde
Fotos Brigitte Fuchs
Erwacht! Erhebt euch! Also sangen
die Lerchen schwebend über dem Feld;
da fing es unten an zu prangen,
und festlich schmückte sich die Welt.
O süsse Kunde, die erklungen
von oben ist in Haus und Herz!
Des Todes Fesseln sind zersprungen,
und Leben regt sich allerwärts.
Gekommen ist aus Südens Ferne
der Lenz und weckt ein neues Blühn;
herunter fallen goldne Sterne,
zahllose, auf das Wiesengrün.
Bald hat aufs neu Besitz genommen
das Schwalbenpaar vom alten Nest.
O frohes Fest, sei uns willkommen,
willkommen Auferstehungsfest!
Johannes Trojan (1837-1915) deutscher Schriftsteller, Redakteur und Kinderbuchautor
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Vogelsang
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Foto Brigitte Fuchs
Es klang ein Lied vom Himmelszelt
Hell über allen Landen,
Doch hat es in der weiten Welt
Wohl niemand recht verstanden.Nur durch der Vöglein lauschend Ohr
Ist tiefer es gedrungen
Und wird seitdem als Frühlingschor
In Feld und Wald gesungen.Doch wo man einen Menschen sieht
Durch Busch und Auen gehen,
So kann er leider dieses Lied
Noch immer nicht verstehen.
-
Karl May (1842-1912) deutscher Schriftsteller
Aus dem Gedichtband „Himmelsgedanken“ Karl-May-Verlag, Radebeul bei Dresden, ohne Jahrgang


Fotos Brigitte Fuchs
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Das schlimmste Tier
Fotos Brigitte Fuchs
Wie heisst das schlimmste Tier mit Namen?
So fragt‘ ein König einen weisen Mann.
Der Weise sprach: von wilden heissts Tyrann,
Und Schmeichler von den zahmen.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) deutscher Dichter, Dramatiker und Kritiker
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An meinen Kaktus
Foto Brigitte Fuchs
Du alter Stachelkaks,
Du bist kein Bohnerwachs,
Kein Gewächs, das die Liebe sich pflückt,
Sondern du bist nur ein bisschen verrückt.
Ich weiss, dass du wenig trinkst.
Du hast auch keinerlei Duft.
Aber, ohne dass du selber stinkst,
Saugst du Stubenmief ein wie Tropenluft.
Du springst niemals Menschen an oder Vieh.
Wer aber mit Absicht oder versehentlich
Sich einmal auf dich
Setzte, vergisst dich nie.
Ein betrunkener, lachender Mann
Schenkte dich mir, du lustiges Kleines,
Dass ich den Vater ersetze dir kantigem Ableger
Eines verrückten, stets starren Stachelschweines.
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Erzähler, Maler und Seefahrer

Foto Brigitte Fuchs
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Winter
Foto Brigitte Fuchs
Verschlossen und dunkel ist um und um
Mein winterlich Herze zu schauen,
Doch innen, da ist es erleuchtet und hell,
Da dehnen sich grünende Auen.
Da stell ich den Frühling im kleinen auf
Mit Rosengärten und Bronnen,
Da spann ich ein liebliches Himmelblau aus
Mit Regenbogen und Sonnen!
(…)
Dann ändr‘ ich die Szene und lasse mit Macht
Den blitzenden Sommer erglühen,
Ich lasse die Schnitter auf Garben ruhn
Und blutrote Mohnfelder blühen.
Und dann durchschneid ich mit Wetterschein
Mein Herz und füll es mit Stürmen,
Lass Schiffe und Mannschaft zu Grunde gehn,
Dann »Feuer« von Bergen und Türmen!
(…)
Ich schüttle die Tannen wie Besenreis
Und fege das Laub von den Wäldern,
Ich lösche am Himmel die Sterne aus
Und senge das Gras auf den Feldern.
(…)
So spiel ich den langen Winter hindurch;
Doch wenn die Maiblumen sprossen,
Zerbrech ich das gläserne Puppenspiel
Und mache den Dichter im grossen!
Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Dichter, Schriftsteller und Politiker
Ein paar Strophen aus dem Langgedicht „Winter“
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Der Bäume Wintertraum
Foto Brigitte Fuchs
Frieren und zittern die Bäume
Starrend im Winterrock,
Webt ihre Seele Träume
Unten im Wurzelstock.
Spinnt und webt in der langen
Dämmernden Winterzeit
sich aus Farben und Prangen
Bräutlich ein Frühlingskleid.
(…)
Jakob Bosshart (1862-1924) Schweizer Schriftsteller und Philologe
Die ersten beiden von vier Strophen des gleichnamigen Gedichtes
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Ich sehe
Foto Brigitte Fuchs
Ich höre wasser rinnen,
ich sehe fische darinnen,
ich schau
was in der welt,
in gras und schilf und feld
läuft, hüpft und
in die höhe fliegt,
und auch
das knie zur erde biegt.
ich sehe!
ich sehe und
ich flehe, dass
doch eines davon ist
ohne hass.
Walther von der Vogelweide (um 1170 – ca. 1230) Minnesänger
In einer freien Übertragung von K. Bernhard
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An die Redaktion der „Lustigen Blätter“
Fotos Brigitte Fuchs
Auch uns, in ehren sei’s gesagt,
Hat einst der Karneval behagt,
Besonders und zu allermeist
In einer Stadt, die München heißt.
Wie reizend fand man dazumal
Ein menschenwarmes Festlokal,
Wie fleißig wurde über nacht
Das Glas gefüllt und leer gemacht,
Und gingen wir im Schnee zuhaus,
War grad die frühe Meße aus,
Dann konnten gleich die frömmsten Fraun
Sich negativ an uns erbaun.
Die Zeit verging, das Alter kam,
Wir wurden sittsam, wurden zahm.
Nun sehn wir zwar noch ziemlich gern
Die Sach uns an, doch nur von fern
(Ein Auge zu, Mundwinkel schief)
Durch’s umgekehrte Perspektiv.
Abgeschickt 30ten Jan. 1905.
Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Zeichner, Maler und Dichter
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Bauernständchen
Foto Brigitte Fuchs: Hallwilersee
(…)
Ei zum Teufel! guck heraus!
Höre mein Gesuche!
Beten, Singen geht mir aus,
Willst du, dass ich fluche?
Muss ich doch ein Hans Dampf sein,
Frör ich nicht zu Stein und Bein,
Wenn ich länger bliebe?
Liebe, das verdank ich dir,
Winterbeulen machst du mir,
Du vertrackte Liebe!
Draussen, draussen Kalt und Graus!
Ei, zum Teufel, guck heraus.
(…)
Friedrich Schiller (1759-1805) deutscher Dichter, Dramatiker, Philosoph und Historiker
Auszug aus dem Langgedicht „Bauernständchen“
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Stundenspiel
Fotos Brigitte Fuchs
(…)
Hohes Wort,
Gebirgsverwandtschaft!
Klarer Ort,
durch alle Landschaft
tiefer fort —
Sprich ins Weite,
hol aus Fernen
fremd Geleite —
ach, mit Sternen
nie zur Seite!
Zauberkreis,
erstarrte Steppen,
früher Eis,
geheime Treppen:
— kein Beweis.
(…)
Alexander Xaver Gwerder (1923-1952) Schweizer Dichter und Schriftsteller
Drei von sieben Strophen seines Gedichtes „Stundenspiel (für Erwin Jaeckle)
aus „Blauer Eisenhut“, Gedichte
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