Archiv der Kategorie: Gedichte

Gedichtzeilen in Moll

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Er schnitt eine Handvoll Löwenzahn
für die Kaninchen die hockten in
den Ställen und machten Augen
Er strich ihnen übers Hasenfell
eins übers andere Mal bald ist
Ostern sagte er mehr zu sich selbst

 

Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“ Gedichte, edition 8, Zürich 2020

 

Und dann noch die kindgerechte Version:

 

Pudding

Das Kaninchen im Gehege
lebt vergnügt bei guter Pflege.
Auf dem Schildchen steht der Name:
„Pudding“ heisst die kleine Dame.

Auch der Speiseplan hängt da:
Möhren, Fenchel, Rucola.
Löwenzahn gibt’s gleich noch mehr,
sozusagen zum Dessert.

 

Brigitte Fuchs
Aus „Was reimt sich auf Tatze?“, Fotos und Tiergedichte, Privatdruck 2024

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 16 Kommentare

Füge dich drein

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Füge dich drein, geh’s wie es geh‘:
Vormittag Sonne, Nachmittag Schnee!

Lass dich von Liedern nicht betören,
draus nur das Schreiten von festlichen Chören,
Mädchenstimmen und Flöten zu hören.

Scheint es vom Süden, bläst es vom Ost,
lach‘ in die Sonne, wehr‘ dich im Frost!

Lustig gemischt den Juli und Jänner. —
So erzieh‘ ich mir rüstige Männer,
feste, freie Lebensbekenner.

Füge dich drein, geh’s wie es geh‘:
Vormittag Sonne, Nachmittag Schnee!

 

 

Friedrich Adler (1878-1942) deutscher Architekt, Möbelgestalter und Keramiker (ermordet in Auschwitz)
Gedicht mit dem Titel „April“ – was ja auch für den momentanen März gilt.

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 10 Kommentare

Raufbolde

Fotos Brigitte Fuchs: zwei Kattas raufen sich in „Tonis Zoo“, Rothenburg

 

(…)

»Fluch dir o Sonnenlicht, das diesen Tag beschienen,
Sollt ich denn diese Schmach und diesen Schimpf verdienen?
Doch Rache schwör ich dir, wart, alter Schwabe, wart!
Ja, Rache schwör ich dir bei meinem Knebelbart.«

Der Schwabe, ungerührt von Fäberleins Gefühlen,
Lacht höhnisch und fährt fort, das Belle auszuspielen,
Doch endlich bricht er los und spricht: »Es ist genung,
Kurzum, du bist ein dummer, naseweiser Jung!«

Da weiss sich Fäberlein vor Wut nicht mehr zu halten:
»Hätt ich ein Schwert nur hier, den Schädel ihm zu spalten.
O Höllenschwerenot, Blitz, Himmelsackerlot,
tf-tf-tf-tf-tf-tf, das ist gewiss mein Tod!

(…)

 

Wilhelm Hauff (1802-1827) deutscher Schriftsteller und Märchendichter
Kurzer Auszug aus seinem Langgedicht „Die Seniade“

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 9 Kommentare

Die Weidenkätzchen

Fotos Brigitte Fuchs

 

Kätzchen ihr der Weide,
wie aus grüner Seide,
wie aus grauem Samt!
Oh, ihr Silberkätzchen,
sagt mir doch ihr Schätzchen,
sagt, woher ihr stammt!

Wollens gern dir sagen:
wir sind ausgeschlagen
aus dem Weidenbaum,
haben winterüber
drin geschlafen, Lieber,
in tieftiefem Traum.

(…)

 

Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller
Die ersten beiden der 6 Strophen des gleichnamigen Gedichtes

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 10 Kommentare

Welttag der Poesie

 

Die Sätze die Gärten das Salz

Ihre Sätze sind Eimer bis zum Rand gefüllt
sie spricht Brücken über den Fluss
redet in weiten Landstrichen ihre Winterworte
nehmen den Frühling voraus

Grün ist nicht grün erklärt sie
wenn sie Meer in den Morgen kippt

In ihren Nesselgärten spielt das Licht
während sie fortfährt zu sprechen trifft
mich die Helle auf der Zunge brennt Salz
zu früh sagt sie plötzlich schreib nicht zu früh

 

Brigitte Fuchs
Aus „Suchbild mit Garten“ Gedichte, Kukuruz Verlag Lüchingen 1998

 

 

Gleichnis vom Schreiben

Nicht immer fällt Zauber
von der Stirne aufs Blatt und
immer ist nur eines da die
Blösse zu bedecken: grün
oder weiss

Aber man kann Schiffe
falten und sie durch die Luft
segeln lassen beladen mit Efeu
und Rosenbäumen und
bei auffrischendem Wind
fahren die Schiffe ein
im Garten des blinden Gärtners
und er legt hellblühende
Reihen an und seine Hand
geht von Blatt zu Blatt

 

Brigitte Fuchs
Aus „Suchbild mit Garten“ Gedichte, Kukuruz Verlag Lüchingen 1998

 

Alle Fotos Brigitte Fuchs

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 14 Kommentare

Gefunden

Foto Brigitte Fuchs: Buschwindröschen

 

Ich ging im Walde
so für mich hin,
und nichts zu suchen,
das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
ein Blümchen steh’n,
wie Sterne leuchtend,
wie Äuglein schön.

Ich wollt‘ es brechen,
da sagt‘ es fein:
Soll ich zum Welken
gebrochen sein?

Ich grub’s mit allen
den Würzlein aus,
zum Garten trug ich’s,
am hübschen Haus,

Und pflanzt es wieder
am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
und blüht so fort.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

 

Foto Brigitte Fuchs

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 20 Kommentare

Frühlingsgelb

Fotos Brigitte Fuchs: Winter-Jasmin

 

Wie sind wir fein umgeben
vom Gelb der Frühlingsblüten.

Die Freude lässt uns schweben
und diese Bilder hüten

wie wundersame Träume.
Es spriessen rings im Orte

die Sträucher und die Bäume
so schön – und ohne Worte.

 

Brigitte Fuchs

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 24 Kommentare

Magnolienblüte

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Wenn die weisse Mondlichtseide
über die Magnolien fliesst,
beugt sich tief mein Herz im Leide,
weil so kurz das Leben ist.

Alle Sorgen, alle Mühen
segnet solcher Schönheit Schein.
Und von dieser Erde Blühen
muss so bald geschieden sein?

Ewig, ewig möchte ich schauen
dieser Schöpfung Lieblichkeit.
Lass, Herr, einen Trost mir tauen
vor der nahen Dunkelheit. 

Dass ein Blütenkelch voll Freude
In das Trennungsleid sich giesst,
wenn die weisse Mondlichtseide
über die Magnolien fliesst.

 

Auguste Haarländer (1882-1919) Journalistin und Schriftstellerin, verstarb früh an Herzversagen.
Das Gedicht wurde von ihr verfasst im Frühling 1917

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 20 Kommentare

Frühling

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Die Rebe blüht, ihr linder Hauch
Durchzieht das thauige Revier,
Und nah‘ und ferne wiegt die Luft
Vielfarb’ger Blumen bunte Zier.

Wie’s um mich gaukelt, wie es summt
Von Vogel, Bien‘ und Schmetterling,
Wie seine seidnen Wimpel regt
Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing.

Noch sucht man gern den Sonnenschein
Und nimmt die trocknen Plätzchen ein;
Denn Nachts schleicht an die Gränze doch
Der landesflücht’ge Winter noch.

O du mein ernst gewalt’ger Greis,
Mein Säntis mit der Locke weiss!
In Felsenblöcke eingemauert,
Von Schneegestöber überschauert,
In Eisespanzer eingeschnürt:
Hu! wie dich schaudert, wie dich friert!

 

 

Annette von Droste Hülshoff (1797-1848) deutsche Dichterin und Komponistin

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 16 Kommentare

Der Storch

Foto Brigitte Fuchs

 

Der Storch kommt aus Egypterland,
Weil Frühlingslüfte riefen.
Er steht auf seinem alten Stand
Und klappert Hieroglyphen.

Da nun Poeten überall
Der Vogelsprache kundig,
So auch den ganzen Klapperschwall
Des braven Storchs verstund ich.

Da er zurück von Pyramid‘,
Von Nil und Krokodil kam,
So war’s ein gar vergnüglich Lied
Vom wunderschönen Nilschlamm.

 

(…)

 

Heinrich Seidel (1842-1906) deutscher Ingenieur und Schriftsteller
Die ersten drei von acht Strophen seines Gedichtes „Der Storch“

 

Veröffentlicht unter Bilder, Gedichte | 22 Kommentare