Archiv der Kategorie: Gedichte
Die grüne Stube
Fotos Brigitte Fuchs
Gern ich ein Julifeld mir küre
Als grüne Stube ohne Türe.
Bin Hausherr dort, bin nicht allein,
Es ziehen tausend Mieter ein:
Die Hummel, die wie’s Feuer summt,
Die Grille, die niemals verstummt,
Die Krähe, die nach Regen schreit,
Der Himmel und die Ewigkeit.
Ich sitz’ im grünen Staatsgemach
Und denk’ der kleinsten Ameis’ nach,
Und meine Möbel und Gardinen
Sie haben stündlich neue Mienen.
Heut sind sie grau und morgen heiter,
Das Muster webt von selber weiter.
(…)
Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler
Die erste Hälfte seines Gedichts „Die grüne Stube“ aus seinem „Singsangbuch“
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Sommermittag

Foto Brigitte Fuchs
Nun ist es still um Hof und Scheuer,
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.
Die Bienen summen so verschlafen;
Und in der offnen Bodenluk‘,
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein nickt der Puk.
Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus;
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.
Sie geht und weckt den Müllerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
»Nun küsse mich, verliebter Junge;
Doch sauber, sauber! nicht zu laut.«
Theodor Storm (1817-1888) deutscher Schriftsteller, Novellist und Lyriker
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Ein Augenblick hat da geglüht…
Foto Brigitte Fuchs
In einer blauen Hügelwelt
Bei einer Amsel Sehnsuchtton
Ein grosses, grünes Roggenfeld,
Und drinnen feuerroter Mohn.
Wie ein Laternlein jede Blüt,
Und brennen röter als der Tag.
Ein Augenblick hat da geglüht,
Der lang noch nicht erlöschen mag.
Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler

Foto Brigitte Fuchs
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Der Bäume Schatten stirbt wie Rauch, wie blasser
Foto Brigitte Fuchs: Kehrichtwagen auf Naturstrasse
Der Bäume Schatten stirbt wie Rauch, wie blasser,
Im nebeltrüben Wasser,
Wann aus den Lüften tief versteckt im Laube
Süss klingt die Turteltaube.
Wie sehr gleicht, blasser Wandrer, deinem Bilde
Dies bleichende Gefilde.
Wie weint in den Gezweigen schwermuttrunken
Dein Hoffen, das versunken.
Paul Verlaine (1844-1896) französischer Lyriker
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An die Biene
Die du so früh durch sonnengoldne Helle
Des Morgens eilst zu buntem Blütenstrausse,
Und freudig wiederkehrst zu deiner Klause
Mit rot und gelben Saumes Honigquelle!
Du Dichter-Tierchen, das auf jeder Stelle,
Bei froher Arbeit und bei süssem Schmause,
Bei raschem Wanderflug, so wie zu Hause,
Umquollen ist von Ätherduftes Welle!

Ich wünsche nicht: o könnt’ ich mit dir fliegen
Und Nahrung finden auf den Blütenauen!
Nie hab’ ich so poetisch mich verstiegen.

Doch wünsch’ ich sehr: gleich holden Stoff zu schauen
Auf meinem Feld, wie du ihn zu besiegen
Und so zum süssen Ganzen auszubauen.
Melchior Meyr (1810-1872) deutscher Dichter und Philosoph

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Bewunderung
Foto Brigitte Fuchs: Auf dem Kronberg (Appenzeller Alpen)
Bewunderung führt zur Bewanderung –
und Bewanderung wiederum zur Bewunderung.
Brigitte Fuchs
Und noch eine Anmerkung von Joachim Ringelnatz:
Alm und Kuhstall, fette Weiden,
Bärenwirt und Sennerin –
Wo ich durchgegangen bin,
Schien mir alles zum Beneiden.
Nur die Wandervögel, die
Einem jede Poesie
Und den Appetit verleiden,
Mocht ich meiden.
Joachim Ringelnatz
Eine Strophe aus „Ausflug nach Tirol“
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Des Sommers Ruhe

Foto Brigitte Fuchs
Der Duft der Gräser zieht zur Stadt hinein,
und alles Leben sättigt Sonnenschein.
Selig und träg, in wohligem Ermatten
lieg ich zurückgelehnt in luftigem Schatten.
Still lächelnd, wie ein dummvergnügtes Kind,
blinzl ich zum Fenster, wo der warme Wind
mit rotgestreiften Jalousien spielt,
wo dann und wann das Licht ins Zimmer schielt.
O tiefes Glück, befreit von Wunsch und Denken,
sich ganz in heitres Spielen zu versenken,
ob alles Werdens Angst zu triumphieren –
sich in des Sommers Ruhe zu verlieren.
Otto Erich Hartleben (1864-1905) deutscher Dramatiker, Lyriker und Erzähler
Aus der Sammlung „Meine Verse“
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Lidschläge
Foto Brigitte Fuchs
Man könnte sich einstimmen auf
dieses Schweigen man könnte Mittel
und Wege zu Worthaufen rechen
zurückblicken auf endlos fortlaufende
Jahre mit Wimpern zucken zwinkern
freundlich das Weite suchen in
einem dieser redseligen Gärten
Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020

Foto Brigitte Fuchs: Gartenanlagen beim Kloster Wettingen
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Die Fledermaus
Die Fledermaus, die Fledermaus
putzt dir den Obstbaum sauber aus
des Nachts im leisen Fluge.
Doch stiehlt sie dir die Früchte nicht,
ist auf die Diebe nur erpicht,
des Nachts im leisen Fluge.
Wenn er die Raupeneier legt,
den Schmetterling der Nacht sie schlägt
im leisen Zickzackfluge.
Des frechen Maikäfers Gebrumm
macht sie mit scharfen Zähnen stumm
im leisen Zickzackfluge.

Die Mücke, die uns stechen will —
die Fledermaus verschluckt sie still
in jagend raschem Fluge.
Sie streift durch Wald und Feld und Haus
und treibt die Plagegeister aus
in jagend raschem Fluge.
Doch bricht dann an der junge Tag,
sie nicht mehr weiter jagen mag,
hört auf in ihrem Fluge.
Sie schlägt die Krallen ins Gestein,
hüllt sich in ihre Flughaut ein
und ruht von ihrem Fluge.

Kopfabwärts spinnt sie ihren Traum
in Mauern, Scheunen, dunklem Raum
von neuem Räuberfluge.
Das helle Leben sieht sie nie,
doch durch den Raub behütet sie
es nachts im leisen Fluge.
Otto Nebelthau (1894-1943) deutscher Schauspieler und Schriftsteller
Aus „Die guten Räuber“

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Die Träume

Wenn uns der Schlaf berührt die Augenlider,
Dann eilt mit seinen Wundern allsogleich
Der Träume wild-phantastisch Nebelreich
Zur dämmernden Gedankenwelt hernieder.

Da sprossen auf des Mohnes bunte Blüten,
Aus jedem Kelche steigt ein wirrer Traum,
Der hüllet sich in leichten Wolkenschaum
Und senkt sich auf das Aug’ der Schlummermüden.

Erinn’rung leitet stets der Träume Reigen,
Er zeigt uns längstverscholl’nes Glück und Leid,
Wie nach der Sage alter, grauer Zeit
Versunk’ne Schlösser aus dem Meere steigen.
Eugenie Marlitt, eigentlich Eugenie John (1825-1887) deutsche Opernsängerin und Schriftstellerin

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