Archiv der Kategorie: Texte

Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs

 

2

 

Das Grammophon

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,
Gebt volles Maß! –

 

(…)

 

Wenn es aber ganz spät geworden ist, dann hole ich meine Privatplatte heraus. Sie ist doppelseitig bespielt: auf der einen Seite trägt sie einen nun schon leicht angejahrten Modewalzer. Er hat den Gegentakt, ist sehr schwer zu tanzen und wird von einem kleinen Orchesterchen gespielt, mit feiner diskreter Besetzung. Das ist meist so gegen zwölf Uhr, der Rauch beißt in die Augen. – Es ist alles so leicht und angenehm und mühelos, wie wenn man in einem schönen weißen Dampfer flußab fährt. Und die Kapelle spielt, nur für mich allein, in memoriam.

 

Kurt Tucholsky

 

 

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Advent mit Tucholsky

Foto Brigitte Fuchs

 

1

 

Gefühle nach dem Kalender

(…)

Nach dem Kalender . . . ?

Nicht nach dem Kalender. Ihr tragt alle den Kalender in euch. Es ist ja nicht das Datum oder die bewußte Empfindung, heute müsse man nun . . . Es ist, wenn ihr überhaupt wißt, was ein Festtag ist, was Weihnachten ist: euer Herz.

Laßt uns einmal von dem Festtags-„Rummel“ absehen, der in einer großen Stadt unvermeidlich ist. Laßt uns einmal daran denken, wie Weihnachten gefeiert werden kann, unter wenigen Menschen, die sich verstehen. Das ist kein Ansichtskarten-Weihnachten. Das ist nicht das Weihnachten des vierundzwanzigsten Dezembers allein – es ist das Weihnachten der Seele. Gibt es das –?

Es soll es geben. Und gibt es auch, wenn ihr nur wollt. Grüßt, ihr Herren, die Damen, küßt ihnen leise die Hand (bitte in meinem Auftrag) und sagt ihnen, man könne sogar seine Gefühle nach dem Kalender regeln: zum Geburtstag, zum Gedenktag – und zu Weihnachten.

Aber man muß welche haben.

 

Kurt Tucholsky

 

 

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Schätze

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Das menschliche Herz ist voller Schätze,
geheim und in Stille versiegelt;
Gedanken, Hoffnungen, Träume und Freuden,
deren Reize endeten, wenn man sie offenbarte.

 

 

Emily Brontë (1818-1848) britische Schriftstellerin

 

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Was eine Hofdame glücklich macht

Foto Brigitte Fuchs: Blick in ein Schaufenster

 

Was glücklich macht

(…)

Ich habe einen schrecklichen Traum geträumt und frage mich bestürzt, was für ein Unglück nun hereinbrechen werde. Aber der Wahrsager erklärt mir, dass dieser Traum nichts zu bedeuten habe. Ich bin entzückt!

(…)

Ich freue mich besonders, wenn ich einen hochmütigen Menschen kurz abfertigen kann. Meine Freude ist riesengross, wenn es sich dabei um einen Mann handelt.

(…)

Ich bin glücklich, wenn ein Zierkamm, den ich extra machen liess, über Erwarten gut gelungen ist.

Besonders glücklich bin ich aber, wenn einer glücklich ist, den ich liebe.

(…)

 

Aus „Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon“; sie war Hofdame am japanischen Kaiserhof zur Zeit der späteren Heian-Zeit (898-1186)

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Anagramm-Zweizeiler 563: Brautstrausswerfen

Bei einer Hochzeit existiert zu Ende der Feier der Brauch des Brautstrausswerfens. Es versammeln sich alle unverheirateten Frauen hinter der Braut. Diese wirft den Brautstrauss blind in die Menge. Wer den Strauss fängt, soll nach den Gesetzen dieses Brauchs die nächte Braut werden.

 

Foto Brigitte Fuchs

 

WER IST DIE NAECHSTE?

ETWA NEIDISCH, ESTER?

 

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Schneeweisschen und Rosenrot

Fotos Brigitte Fuchs

 

Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen; und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und gut, so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, sooft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: „Wir wollen uns nicht verlassen,“ so antwortete Rosenrot: „Solange wir leben, nicht,“ und die Mutter setzte hinzu: „Was das eine hat, soll’s mit dem andern teilen.“

(…)

 

Der Anfang des Märchens „Schneeweisschen und Rosenrot“ der Gebrüder Grimm

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Ausdrucksmittel

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Es braucht ein neues durchgeistigtes, lebensvolles Ausdrucksmittel für meine neuen ungeahnten Gedanken – ob es Töne, Bilder oder der Teufel weiss was sind, das ist auch ganz wurst.

 

 

Moritz von Schwind (1804-1871) österreichischer Maler und Zeichner

 

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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Wellenritte

Foto Brigitte Fuchs: Kitesurfer auf dem Sempachersee

 

Kitesurfen, auch Kiteboarden, ist ein Wassersport, bei dem man auf einem Board steht, das Ähnlichkeit mit einem kleinen Surfbrett oder Wakeboard hat. Die Sportler und Sportlerinnen werden von einem Lenkdrachen (engl. „kite“) gezogen. Wellengang und der Zug des Drachens können dabei für Sprünge als Unterstützung genutzt werden.

 

Fotos Brigitte Fuchs: Flugvorbereitungen

 

Auf dem Rücken der Zeit,
auf den lichten Schultern der Wellen
reiten Zeitgesellen
– steigen und fallen –
ewiger Zukunft bereit.

 

 

Rudolf Georg Binding (1867-1938) deutscher Schriftsteller

 

Foto Brigitte Fuchs: Kitesurfer auf dem Sempachersee

 

 

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All das Zeugs

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Auch ich war immer daheim, grub, krautete, stocherte, handhabte die Giesskanne, besah alles, was wuchs, tatgtäglich genau und bin
daher mit jeder Rose, mit jedem Kohlkopf, mit jeder Gurke intim bekannt geworden. Eine etwas beschränkte Welt, so scheint’s. Und doch, wenn man’s recht erwägt, ist all das Zeugs, von dem jedes einzelne unendlich und unergründlich ist, nicht weniger bemerkenswert, als Alpen und Meer, als Japan und China.

 

Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Zeichner, Maler, Dichter und Schriftsteller
Der Text entstammt einem Brief aus dem Jahre 1896 an Johanna Keßler

 

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Blutsverwandte

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Die Natur hat uns als Blutsverwandte geschaffen, indem sie uns aus denselben Stoffen für ein und dieselbe Bestimmung erzeugte. Sie hat uns die Liebe zueinander eingegeben und zu geselligen Wesen gemacht.

 

 

Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.) römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher und Politiker

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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