Tagesarchive: 20. April 2019

An die Muse

Foto Brigitte Fuchs

 

O Muse, die du weisst, was Tier und Bäume sagen,
Wovon der Vogel singt, was Fisch und Wurm beklagen,
Ich bitte, sage mir, wie reden Löw‘ und Maus?
Wovon schwatzt Schneck‘ und Frosch? wie sprechen muntre Pferde?
Was denkt der volle Mond? worüber seufzt die Erde?
Wie redet die Natur? Es lässt ja ungereimt,
Wenn roher Sänger Witz von Wut der Lämmer träumt,
Die Löwen weinen lässt, die Hasen drohen lehret,
Gewächsen Flügel dreht, und die Natur verkehret.
Aesopus dichtete natürlich, ohne Zwang,
Aesop, der von der Maus bis an den Löwen sang,
Und, ohne der Natur was Falsches aufzubürden,
Die Tiere reden ließ, wie Tiere reden würden.
Die Wölfe dürsteten nach feiger Lämmer Blut,
Der Hisch pries sein Geweih, der Uhu seine Brut,
Der Panther drohete, der Stier sprach von dem Stalle,
Der Sperling plauderte, der Fuchs betrog sie alle.
So sang der Phrygier. Nicht, was sich widersprach,
Floss jemand in sein Lied. Ihm sang ein Phädrus nach,
Und alle, die nach ihm das Fabelreich durchstrichen,
Erhoben ihren Ruhm, so weit sie jenen glichen.
Mein Mund versucht ihr Lied. Wie, wenn es nicht gelingt?
Wer zweifelt, hat gewählt. Es sei gewagt, er singt.

 

 

Magnus Gottfried Lichtwer (1719-1783) deutscher Dichter
Text aus dem Internet

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