Monatsarchive: August 2020

Würd‘ es mir fehlen, würd‘ ich’s vermissen?

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Heut’ früh, nach gut durchschlafener Nacht,
Bin ich wieder aufgewacht.
Ich setzte mich an den Frühstückstisch,
Der Kaffee war warm, die Semmel war frisch,
Ich habe die Morgenzeitung gelesen
(Es sind wieder Avancements gewesen).
Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter,
Es trabte wieder, es klingelte munter,
Eine Schürze (beim Schlächter) hing über dem Stuhle,
Kleine Mädchen gingen nach der Schule —
Alles war freundlich, alles war nett,
Aber wenn ich weiter geschlafen hätt’
Und tät’ von alledem nichts wissen,
Würd’ es mir fehlen, würd’ ich’s vermissen?

 

Theodor Fontane (1819-1898) deutscher Schriftsteller

 

 

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Damals

Fotos Brigitte Fuchs: Pfahlbauten-Nachbau im Bally-Park Schönenwerd

 

 

Die von damals hatten vieles noch nicht. Aber wir haben
vieles nicht mehr.

 

 

Kurt Tucholsky (1890-1935) deutscher Schriftsteller, Journalist, Literatur- und Theaterkritiker

 

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Die alte Laube

Foto Brigitte Fuchs

 

Ich habe so viel vergessen.
Ich weiss nicht mehr
Woher ich komme.
Ich sass in einer Laube
Von grossen grünen Smaragden;
Sie schimmerten wie Glühwurmlicht.
Mehr aber weiss ich nicht.
Es war ganz hinten im Raume
Und fast wie in dem Traume,
Der uns der allerliebste ist.

 

Paul Scheerbart (1863-1915) deutscher Schriftsteller und Zeichner

 

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An die Bäume

Fotos Brigitte Fuchs: Alte Bäume im Bally-Park Schönenwerd/SO

 

Ihr, die Verwandelten,
Einst ein Geschlecht von Göttern,
Ehrwürdige Bäume,
Liebt ihr mich wie ich euch?
Achtet ihr mein, der Kurzlebenden,
Sklavisch Gebundenen?
Tief in die Erde gemauert,
Steht euer Stamm wie ein Turm,
In versteinerten Schuppenpanzern
Unüberwindlich wie Behemoth.
Silbergerüstete Pappeln heben
Auf zu den Wolken ihr schimmerndes Haupt.
Geisterhaft
Umhaucht die Ölweide Wohlgeruch,
Die uralt verkrümmte,
Und wie erstarrte Schlangen
Krallt sich der Eiche Geäst
Schicksalhaft: Schicksale, die jetzt fern,
Längst vergessen von euch,
Aber wie hehre Musik
Durch eure heiligen Wipfel rauschen.

 

Ricarda Huch (1864-1947) deutsche Dichterin, Philosophin und Historikerin

 

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Schüttelreim 57

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

So mancher Werktag ist vom Kopf bis zu den

Beinen fad.

Zum Glück gibt es den Feierabend mit dem

feinen Bad.

 

Brigitte Fuchs

 

 

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Weit geh ich selten…

Fotos Brigitte Fuchs

 

Weit geh ich selten,
denn mein Garten
ist doch immer
mein liebster Aufenthalt.

 

Annette von Droste Hülshoff (1797-1848) deutsche Dichterin und Komponistin

 

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Beständiges

 

Flüchtig die Gäste,
Standhaft das Haus:
Ich bin das Feste
Im Zeitengebraus;
Ich bleibe hier,
Ihr wandert weit,
Nehmet mit von mir
Standhaftigkeit.

 

 

Foto Brigitte Fuchs: Haus in Regensberg/ZH

 

In der Mitte aller Ferne
Steht dies Haus,
Drum hab‘ es gerne.

 

Inschriften an einer alten Herberge
sowie einem Bauernhaus

 

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Kleine Provokation

Foto Brigitte Fuchs: Buchwerbung, gesehen in Solothurn

 

 

Neun Zehntel unserer Literatur hat keinen anderen Zweck, als dem Publikum
einige Taler aus der Tasche zu spielen: Dazu haben sich Autor, Verleger und Rezensent fest verschworen.

 

 

Arthur Schopenhauer (1788-1860) deutscher Philosoph, Autor und Hochschulleiter

 

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Gehen oder Davonlaufen

 

Gehen ist des Menschen beste Medizin.

 

Hippokrates von Kos (ca. 460-377 v. Chr.) griechischer Arzt und Vorbereiter der Heilkunde

 

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Von den sechsunddreissig Fluchtarten ist das Davonlaufen
die beste.

 

Spruchweisheit aus China

 

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Hundstage

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Hundstage, sagt man, die sind dann,

wenn nirgends sich ein Lufthauch regt,
wenn sich die Glut auf alles legt,
wenn kaum mehr etwas Kühlung bringt
und selbst das Pferd nicht gerne springt.

Wenn alle schwitzen: Mann, Frau, Kind,
wenn Hund und Herrchen müde sind,
wenn Strassenteer wie Feuer brennt
und Maskenpflicht die Menschen trennt.

Wenn alle seufzen, hecheln, jammern,
ob draussen oder in den Kammern.

Dann, sagen Jette und Johann,
zeigt uns der Sommer, was er kann.

 

Brigitte Fuchs

 

 

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