Archiv der Kategorie: Gedichte

Wenn du darnach was fragst …

Fotos Brigitte Fuchs: Aarau Philosophenweg

 

 

Wenn du darnach was fragst,

Wir waren hier.

Du, der du nach uns kommen magst,

Hab wenigstens so frisches Blut

Und sei so leidlich fromm und gut

Und leidlich glücklich als wie wir!

 

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter

 

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Der Steinmetz

Fotos Brigitte Fuchs: Bildhauerarbeiten, gesehen in Sursee

 

 

Vorüber ging die Sommernacht,
Die Hähne krähn, der Tag erwacht.
Laut schall’n der Vögel Weisen;
Da tritt aus seines Hauses Tor
Der rüstge Steinmetz rasch hervor
Mit Schürz und Winkeleisen.

Er meisselt einen Leichenstein,
Der Stahl blinkt hell im Sonnenschein,
Laut hallt es durch die Lüfte;
Des neuerwachten Lebens Kraft
Weiht er des Todes Dienst und schafft
Ein Bild zum Schmuck der Grüfte.

 

 

Albert Moeser (1835-1900) deutscher Philologe und Dichter, der in der Schweiz am Wettinger Gymnasium tätig war.

 

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Alles in Dir

Fotos Brigitte Fuchs

 

(…)

 

In Dir, o Mensch, ist Alles:
Das trinkende Ohr
Und der Antworten speiende Mund.
Der nehmende Mund
Und der scheidende Darm –
Der bohrende Keim
Und der schwellende Schoss:
Der aufsaugende Anfang,
Das ausbrechende Sein.
Ist Beides in Dir:
Der schäumende Anfang,
Das reifende Ende,
Das Ende,
Das wieder nur Anfang,
Ist Alles, o Alles in Dir!

 

 

Gerrit Engelke (1890-1918) deutscher Schriftstellerund Arbeiterdichter, im 1. Weltkrieg gefallen.
Dritte Strophe des dreistrophigen Gedichtes „Alles in Dir“

 

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Sprich nicht immer

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Sprich nicht immer
Von dem laub .
Windes raub .
Vom zerschellen
Reifer quitten .
Von den tritten
Der vernichter
Spät im jahr .
Von dem zittern
Der libellen
In gewittern
Und der lichter
Deren flimmer
Wandelbar .

 

 

Stefan George (1868-1933) deutscher Dichter

 

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Herbst

Fotos Brigitte Fuchs

 

1.

Nun kommen die letzten klaren Tage
Einer müderen Sonne.
Bunttaumelnde Pracht,
Blatt bei Blatt.
So heimisch raschelt
Der Fuss durchs Laub.

O du liebes, weitstilles Farbendlied!
Du zarte, umrissreine Wonne!

Komm!
Ein letztes Sonneblickchen
Wärmt unser Heim.
Da wollen wir sitzen,
Still im Stillen,
Und in die müden Abendfarben sehn.
Da wollen wir beieinander sitzen
In Herbstmonddämmer hinein
Und leise
Verlorene Worte plaudern. —

 

 

Johannes Schlaf (1892-1941) deutscher Dramatiker, Erzähler und Übersetzer
Erster von zwei Zyklen seines Gedichtes „Herbst“

 

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Erlebnis

Foto Brigitte Fuchs

 

 

In des Sommers reifer Lust
überkam dich Herbst. Du neigtest,
wissend und doch unbewusst,
Haupt und Blick. Im Schreiten zeigtest
du mit ausgestreckter Hand
auf ein Beet mit hellen Blüten;
standest plötzlich wie gebannt,
und mit Worten, die sich mühten,
sprachst du bittend: „Sing die Weise,
die du einmal mich gelehrt.“
„Welche?“ fragt‘ ich abgekehrt.
„Von der Demut“, klang es leise.

 

 

Alfred Grünewald (1884-1942) österreichischer Schriftsteller und Lyriker

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Das Zeichen

Fotos Brigitte Fuchs

 

Und wie wir uns ersehen,
Tief eins ins andre gehen,
Es bleibt doch nicht bestehen:
So wenig wie ein Kuss.

Es bleibt um Brust und Wangen
Nichts von so viel Verlangen,
Kein Zeichen bleibet hangen
Auch von so vielem Glück.

Und trügest du ein Zeichen,
Ein purpurrotes Zeichen
Es müsste auch verbleichen,
Es ginge auch dahin!

 

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) österreichischer Lyriker, Dramatiker und Erzähler

 

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Es ist das selige Bangen

Fotos Brigitte Fuchs

 

(…)

O dieses zarte Zirpen und Girren,
Dies junge Gezwitscher und Schwirren,
Klingt hold wie Gräser im Wind,
Als ob über blanken Kieseln
Mit heimlichem Rauschen und Rieseln
Das murmelnde Wasser verrinnt.

(…)

 

Paul Verlaine (1844-1896) französischer Lyriker
Aus dem Gedicht „Es ist das selige Bangen“ die mittlere von drei Strophen

 

Foto Brigitte Fuchs

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Abends unter der Linde

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Es säuselt in dem Laub der Linde;
Es flüstert im Akazienstrauch.
Mir schmeichelt süss, mir scheichelt linde
Des grauen Abends lauer Hauch.
Es spricht um mich, wie Geistergruss;
Es weht mich an, wie Engelkuss.

(…)

 

Ludwig Gotthard Kosegarten (1758-1818) deutscher Pfarrer, Uni-Professor und Dichter
Mittlere Strophe des Gedichtes, welches von Franz Schubert vertont wurde

 

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Das gelbe Laub erzittert

Foto Brigitte Fuchs

 

 

 

XII

Das gelbe Laub erzittert,
Es fallen die Blätter herab.
Ach! alles was hold und lieblich
Verwelkt und sinkt ins Grab!

(…)

 

 

Heinrich Heine (1797-1856) deutscher Dichter und Schriftsteller
Erste Strophe des gleichnamigen Gedichts
Aus „Sonntagsblätter“

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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