Archiv der Kategorie: Gedichte

Die goldene Acht

Foto Brigitte Fuchs: „Goldene Acht“, Kleegelbling (Colias hyale)

 

 

Schmetterling,
Luftig Ding,
Schweifst, wie des Dichters Gedanke,
Von Ranke zu Ranke;
Fehlt dir aber der Sonnenschein,
Ziehst du die segelnden Flügel ein.

 

 

Rudolf Bunge (1836-1907) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Librettist

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Frühling im Alter

Fotos Brigitte Fuchs

 

Singen die Vöglein im grünen Wald,
Klingen die Bächlein bergunter,
Lockt es den Alten mit Lustgewalt,
Klopfet das Herz ihm so munter:
Denket der Wonnen verschiedener Lenze,
Denket der Kränze und denket der Tänze,
Fallen auch Tränen herunter.

 

Ernst Moritz Arndt (1769-1860) deutscher Professor für Theologie und Verleger
Erste der zwei Strophen seines Gedichtes „Frühling im Alter“

 

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Phantasus

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Sieben Billionen Jahre vor meiner Geburt
war ich eine Schwertlilie.
Meine Wurzeln
saugten sich
in einen Stern.
Auf seinen dunklen Wassern
schwamm
meine blaue Riesenblüte.

 

 

Arno Holz (1863-1929) deutscher Dichter und Dramatiker, Pionier des deutschen Naturalismus
Die ersten Zeilen des Zyklus „Phantasus“ (Heft 2)

 

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Lockung

Foto Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Kennst du noch die irren Lieder
Aus der alten, schönen Zeit?
Sie erwachen alle wieder
Nachts in Waldeseinsamkeit,
Wenn die Bäume träumend lauschen
Und der Flieder duftet schwül
Und im Fluss die Nixen rauschen –
Komm herab, hier ist’s so kühl.

 

 

Joseph von Eichendorff (1788-1857) deutscher Dichter, Novellist und Dramatiker
Zweite Strophe seines zweistrophigen Gedichtes „Lockung“

 

Foto Brigitte Fuchs: Schaufenstergestaltung in Lenzburg

 

 

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Natur ist glücklich…

Foto Brigitte Fuchs: Storch im Flug

 


Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen
sich zuviel Kräfte, die sich wirr bestreiten:
wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten?
Wer weiss zu scheinen? Wer vermag zu regnen?

Wem geht ein Wind durchs Herz, unwidersprechlich?
Wer fasst in sich der Vogelflüge Raum?
Wer ist zugleich so biegsam und gebrechlich
wie jeder Zweig an einem jeden Baum?

Wer stürzt wie Wasser über seine Neigung
ins unbekannte Glück so rein, so reg?
Und wer nimmt still und ohne Stolz die Steigung
und hält sich oben wie ein Wiesenweg?

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926) österreichischer Lyriker deutscher und französischer Sprache

 

Foto Brigitte Fuchs: Möwe im Flug

 

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Frühlingslied

 

 

Der Frühling verschleiert nun wieder
Die Erde ganz
Mir zartem Laubgefieder,
Mit Blütenglanz;
Nun eilet zum Tanz
Hier unter dem blühenden Flieder!

 

 

Von schwellenden Zweigen hernieder
Singt sehnlich bang
Die Drossel so liebliche Lieder;
Ertöne noch lang
Du süsser Gesang
Hier unter dem blühenden Flieder!

 

 

Schwermütige Liebe, komm wieder,
Du schönstes Glück!
Vom Dunkel der Sterne schweb nieder
Zur Erde zurück,
Du schönstes Glück,
Hier unter dem blühenden Flieder!

 

 

Hermann von Lingg (1820-1905) ab 1890 Ritter von Lingg, war ein deutscher Dichterarzt. Er schrieb Balladen, Dramen und Erzählungen

 

Alle Fotos Brigitte Fuchs

 

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Die Herzensfrau

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Der Mittag liegt mit mir im Gras,

Die Wolken ziehn tiefblaue Strass,

Die Welt ist grün und weiss und blau,

Zu mir setzt sich die Herzensfrau.

»Rot,« spricht sie, »ist die ganze Welt,

Wenn man zum Kuss den Mund hinhält.«

 

 

Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler

 

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Komm, sage mir, was du für Sorgen hast

Foto Brigitte Fuchs

 

(…)

In eines Holzes Duft
lebt fernes Land.
Gebirge schreiten durch die blaue Luft.
Ein Windhauch streicht wie Mutter deine Hand.
Und eine Speise schmeckt nach Kindersand.

Die Erde hat ein freundliches Gesicht,
so gross, dass man’s von weitem nur erfasst.
Komm, sage mir, was du für Sorgen hast.
Reich willst du werden? – Warum bist du’s nicht?

 

 

Joachim Ringelnatz (1883–1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer
Die letzten beiden Strophen des vierstrophigen Gedichtes „Komm, sage mir, was du für Sorgen hast“

 

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Guten Tag, Frau Eule!

Foto Brigitte Fuchs: Zoo Zürich

 

 

Guten Tag, Frau Eule!
Habt Ihr Langeweile?
Ja, eben jetzt,
solang Ihr schwätzt!

 

 

Wilhelm Busch (1832-1908) deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

 

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Mehr Mai

Foto Brigitte Fuchs

 

Und wenn auch hundert Jahr‘ ich
Noch zu leben hätt‘, ich würd mich
Stets von neuem doch erquicken
An dem Mai und seinen Wundern.

 

 

Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) deutscher Schriftsteller und Dichter
Aus „Der Trompeter von Säckingen“ (1854)

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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