Archiv der Kategorie: Gedichte
Der Mensch ist wie die Blume…
Fotos Brigitte Fuchs
(…)
Wenn du vom Freunde scheidest,
Schau tief ihm ins Gesicht.
„Ich seh‘ ihn morgen wieder“,
Ach, denke, denk‘ es nicht.
Denn zwischen heut und morgen
Kommt noch die lange Nacht,
Die aller deiner Freude
Gar leicht ein Ende macht.
Des Menschen Glück und Liebe
Geht her, geht hin geschwind,
Der Mensch ist wie die Blume,
Und ihn verweht ein Wind.
Ernst von Wildenbruch (1845-1909) deutscher Dramatiker, Dichter, Erzähler und Diplomat
Die letzten drei Strophen seines sechsstrophigen Gedichts „Abnehmender Mond“
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Etwas fürchten und hoffen und sorgen

Fotos Brigitte Fuchs
Etwas fürchten und hoffen und sorgen
Muss der Mensch für den kommenden Morgen,
Dass er die Schwere des Daseins ertrage,
Und das ermüdende Gleichmass der Tage,
Und mit erfrischendem Windesweben
Kräuselnd bewege das stockende Leben.
Friedrich Schiller (1759-1805) deutscher Dichter, Dramatiker, Philosoph und Historiker
Aus „Die Braut von Messina“ in „Dein Glück ist heute gut gelaunt“ Schiller-Aphorismen (mit humoristischen Zeichnungen von Friedrich Schiller); Sanssouci im Carl Hanser Verlag, München 2008
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Einstweilen

Foto Brigitte Fuchs
Die alte Welt ist ein altes Haus
und furchtbar ungemütlich,
der Nordwind pustet die Lichter aus –
ich wollte, wir lägen mehr südlich!
Ich wollte … Puh Teufel, wie das zieht!
Der Hagel prallt an die Scheiben;
drum singt nur einstweilen das tröstliche Lied:
Es kann ja nicht immer so bleiben!
Arno Holz (1863-1929) deutscher Schriftsteller, Dichter und Dramatiker
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Ein grünes Kleid
Fotos Brigitte Fuchs
In diesem Kleide möcht‘ ich eine Mutter sein.
In diesem Kleid, drum Träume fahren
Wie Hummeln um den grünen Wein
Mit dunklen Liedern und mit braunen Haaren.
Ich möchte sitzen, still verneigen mein Gesicht
In diese sinkenden und sanften Falten,
Draus Wald mit allen Zweigen bricht
Und rätselhaften Wunschgestalten,
Die noch in flüsternden Gehäusen schlummerlos
Den Grashalm ohne Ende haspeln,
Das Garn aus grünem, grünem Moos
Zu meines Kleides Saum und Paspeln.
(…)
Gertrud Kolmar (1894-1943) deutsche Lyrikerin und Schriftstellerin (ermordet in Auschwitz)
Die ersten drei der fünf Strophen ihres Gedichtes „Ein grünes Kleid“
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Innerer Drang

Fotos Brigitte Fuchs:
„Villa Kunterbunt“ der Künstlerin Brigitte Hundt in Villmergen im Aargau
»Was ist des Menschen Denken? Ein Labyrinth voll Nacht!
Was ist des Menschen Können? Ach, eines Kindes Macht!
Was ist des Menschen Wissen? Von Deinem Meer ein Schaum,
Was ist des Menschen Leben? Ein kurzer bunter Traum!«
Ludwig Bechstein (1801-1860) deutscher Archivar, Märchensammler, Dichter und Erzähler
Eine Strophe des Langgedichtes „Innerer Drang“
aus „Faustus. Ein Gedicht“ 1833

Fotos Brigitte Fuchs: „Villa Kunterbunt“ der Künstlerin Brigitte Hundt in Villmergen im Aargau, Details
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An einem Wintermorgen…
Fotos Brigitte Fuchs: 26. Januar 2022
O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist’s, dass ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?
Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkäfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.
(…)

Fotos Brigitte Fuchs: 26. Januar 2022
Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
Die Purpurlippe, die geschlossen lag,
Haucht, halbgeöffnet, süsse Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, der Tag
Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!
Eduard Mörike (1804-1875) deutscher Dichter
Auszüge aus seinem Langgedicht „An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang“

Fotos Brigitte Fuchs: 26. Januar 2022 auf dem Dulliker Engelberg (SO)
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Vom Kirschbaum
Fotos Brigitte Fuchs
Ist alles ganz kahl und still,
nicht mal im Grase sich’s regen will,
steht alles geduckt,
klappert im Frost und muckt
mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf,
aber keines gibt was drauf.
Doch im Garten
sagt einer: Ich kann warten.
Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum,
so dünn ist er worden: der Kirschenbaum.
Schläft er nicht?
Trau einer dem Wicht!
Heute mittag um eins
gab’s mal ein Pröbchen Sonnenscheins:
Darin – ich habe
das deutlich gesehn –
mit seinen Knospen
fingerte der alte Knabe,
ein wenig vorsichtig und geziert,
wie man Badewasser probiert.
Und über seine Runzeln
ging ein Schmunzeln.
Ferdinand Avenarius (1856-1923) deutscher Dichter und Schriftsteller
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Trinklied im Winter
Fotos Brigitte Fuchs
Das Glas gefüllt!
Der Nordwind brüllt!
Die Sonn‘ ist niedergesunken!
Der kalte Bär
Blinkt Frost daher,
Getrunken, Brüder, getrunken!
(…)
Sauf‘ immerfort,
O Winternord,
Im schneebelasteten Haine;
Nur streu dein Eis,
O lieber Greis,
In keine Flaschen mit Weine!
Ludwig Hölty (1748-1776) deutscher Lieder-, Hymnen- und Balladendichter
Zwei der sechs Strophen seines gleichnamigen Gedichtes

Fotos Brigitte Fuchs
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Wie rasch…
Foto Brigitte Fuchs
Wie rasch ein Jahr den Lauf vollbringt,
Sind deine Tage glückbeschwingt!
Von Treue warm, von Liebe hell,
Wie reihen sich die Jahre schnell!
Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) Schweizer Dichter und Schriftsteller

Foto Brigitte Fuchs
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Hebet, Wolkendecken…
Foto Brigitte Fuchs
Hebet, Wolkendecken,
Euch hinweg vom Licht! –
Liebe Wolkendecken,
Hebt euch lieber nicht!
Denn in meiner Seele
Bild‘ ich jetzt mir ein,
Wie zur Freude fehle
Nichts als Sonnenschein.
Mit der letzten Wolke
Seh‘ ich’s, die entfliegt,
Dass es an was anderm
Als den Wolken liegt.
Muss mir’s eingestehen,
Was ich mir verhehlt,
Dass zur Lust was andres
Als die Sonne fehlt.
Friedrich Rückert (1788-1866) deutscher Dichter
Aus der Sammlung „Winter und Frühling“
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