Archiv der Kategorie: Gedichte

Der Wissende

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Wer einmal frei
vom grossen Wahn
ins leere Aug
der Sphinx geblickt,
vergisst den Ernst
des Irdischen
aus Überernst
und lächelt nur.

Ein Spiel bedünkt
ihn nun die Welt,
ein Spiel er selbst
und all sein Tun.
Wohl lässt ers nicht
und spielt es fort
und treibt es zart
und klug und kühn –
doch lüftet ihr
die Maske ihm:
er blickt euch an
und lächelt nur.

Wer einmal frei
vom grossen Wahn
ins leere Aug
der Sphinx geblickt,
verachtet stumm
der Erde Weh,
der Erde Lust,
und lächelt nur.

 

Christian Morgenstern (1871-1814) deutscher Dichter, Übersetzer und Schriftsteller

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Katze am Kirchplatz

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Die Katze sass im Nesselbusch,
im Nesselbusch verborgen,
da kam der kleine König heraus,
und bot ihr guten Morgen.

 

 

Aus einem deutschen Volkslied

 

 

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Gelb

Fotos Brigitte Fuchs

 

Du fehlst, so bald du glaubst, und fällst, so bald du wanderst,
Wir irren allesamt, nur jeder irret anderst.
Wie wann man sein Gesicht gefärbtem Glas vertraut,
Ein jeder, was er sieht, mit fremden Farben schaut;
Nur sieht der eine falb, und jener etwas gelber;
Der eine wird verführt, und der verführt sich selber;
Der glaubt an ein Gedicht, und jener eignem Tand;
Den macht die Tummheit irr, und den zu viel Verstand.

 

Albrecht von Haller (1708-1777) Schweizer Dichter und Universalgelehrter
In seinen „Gedanken über Vernunft, Aberglauben und Unglauben“

 

Fotos Brigitte Fuchs

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Von Königen erbaut…

Fotos Brigitte Fuchs: Schloss Heidegg

 

Denn Gärten sind, – von Königen gebaut,
die eine kleine Zeit sich drin vergnügten
mit jungen Frauen, welche Blumen fügten
zu ihres Lachens wunderlichem Laut.
Sie hielten diese müden Parke wach;
sie flüsterten wie Lüfte in den Büschen,
sie leuchteten in Pelzen und in Plüschen,
und ihrer Morgenkleider Seidenrüschen
erklangen auf dem Kiesweg wie ein Bach.

 

Fotos Brigitte Fuchs: Schloss Heidegg

 

Jetzt gehen ihnen alle Gärten nach –
und fügen still und ohne Augenmerk
sich in des fremden Frühlings helle Gammen
und brennen langsam mit des Herbstes Flammen
auf ihrer Äste grossem Rost zusammen,
der kunstvoll wie aus tausend Monogrammen
geschmiedet scheint zu schwarzem Gitterwerk.

 

Fotos Brigitte Fuchs: Schloss Heidegg

 

Und durch die Gärten blendet der Palast
(wie blasser Himmel mit verwischtem Lichte),
in seiner Säle welke Bilderlast
versunken wie in innere Gesichte,
fremd jedem Feste, willig zum Verzichte
und schweigsam und geduldig wie ein Gast.

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926) Lyriker deutscher Sprache, Schriftsteller und Übersetzer
Aus dem Stunden-Buch

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An einen Frosch

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Was guckest du so traurig,
Aus laichbedecktem Sumpf
Zur Hälfte nur erhebend
Den sammetgrünen Rumpf?

Der Frosch

O bleib‘ in unsrer Nähe,
Itzt da Gefahr uns droht:
Bald kommt der Storch geflogen,
Und macht uns alle todt.

Doch sieht am Rand des Teiches
Er dich, o Mädchen, ruhn,
Wird er gewiss sich scheuen,
Uns Böses anzuthun.

 

 

Elisabeth Kulmann (1808-1825) deutsch-russische Autorin, die schon mit elf Jahren Gedichte veröffentlichte, als vielversprechende Dichterin galt und leider bereits mit 17 Jahren verstarb.

 

Foto Brigitte Fuchs

 

 

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Schwalben

Foto Brigitte Fuchs „Sandschüttung für Uferschwalben“ in Rietheim am Rhein

 

Schwalben, durch den Abend treibend,
leise rufend, hin und wieder,
kurze rasche Bogen schreibend,
goldne Schimmer im Gefieder -.

Oh, wie möcht‘ ich dir sie zeigen,
diese sonnenroten Rücken!
Und der götterleichte Reigen
müsste dich wie mich entzücken.

 

Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter, Übersetzer und Schriftsteller
Aus der Sammlung „Ein Sommer“

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

Für Interessierte gibt es hier mehr Wissenswertes:

https://www.birdlife.ch/sites/default/files/documents/Uferschwalben_Praesentation_BirdLife_170510.pdf

 

 

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Regentag

 

Ich hab dir einen Regenpalast erbaut
Aus Alabastersäulen und Bergkristall
Dass du in tausend Spiegeln
Immer schöner dich für mich wandelst

(…)

 

 

 

Mit Regendiamanten bekleid ich dich
Heimlicher Maharadscha des Regenreichs
Des Wert und Recht gewogen wird
Nach den gesegneten Regenjahren

(…)

 

Yvan Goll (1891-1950) deutsch-französischer Dichter
Zwei Strophen aus seinem Gedicht „Der Regenpalast“

 

Alle Fotos Brigitte Fuchs

 

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In ein Stammbuch zum Bildchen von Ulrichs Garten

Fotos Brigitte Fuchs: Gartenanlage beim Schloss Wildegg

 

 

Dass zu Ulrichs Gartenräumen
Soll ein Verslein mir erträumen,
Ist ein wunderbarer Streich;
Denn es war von süssen Träumen
In den ländlich engen Räumen
Mir ein Frühling hold und reich.
Sollt es euch zu Lust und Frommen
Auch einmal zugute kommen,
Freut euch in dem engsten Raum.
Was beglückt, es ist kein Traum.

 

Johann Wolfgang von Goethe

 

Fotos Brigitte Fuchs: Schloss Böttstein

 

 

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Käfer und Blume

 

Es flog ein alter Käfer,
Summ, Summ,
Um’s Beet im Morgenscheine;
Erwählte dann sich Eine
Im Blumenpublikum.

 

Foto Brigitte Fuchs: zweifleckiger Zipfelkäfer auf Schnittlauchblüte

 

Er sprach, vom Golde blitzend:
Summ, Summ,
Dem Dünger zwar entstiegen
Kann ich doch hoch nun fliegen,
So liebe mich darum!

 

Foto Brigitte Fuchs

 

Es sprach die kleine Blume:
Summ, Summ,
Es treiben Schmetterlinge
Viel artigere Dinge,
Erspare dein Gebrumm!

 

Foto Brigitte Fuchs

 

Da sah der alte Käfer,
Summ, Summ,
Bei ihr den schönsten Falter
Im angemessnen Alter,
Und blieb vor Ärger stumm.

 

Cäsar von Lengerke (1803-1855) deutscher evangelischer Theologe und Dichter

 

Foto Brigitte Fuchs: Kleiner Fuchs auf Schnittlauchblüten

 

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Ich kenne wo ein festes Schloss

Foto Brigitte Fuchs: Wasserschloss Wyher, Ettiswil

 

Ich kenne wo ein festes Schloss

Ein stiller König wohnt darinnen,

Mit einem wunderlichen Tross;

Doch steigt er nie auf seine Zinnen.

Verborgen ist sein Lustgemach

Und unsichtbare Wächter lauschen;

Nur wohlbekannte Quellen rauschen

Zu ihm herab vom bunten Dach.

 

(…)

 

Novalis (1772-1801) Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg; deutscher Schriftsteller, Philosoph und Bergbauingenieur
Erste Strophe seines Langgedichts „Ich kenne wo ein festes Schloss“

 

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