Archiv der Kategorie: Gedichte

Pfingstlied

Fotos Brigitte Fuchs

 

Pfingsten ist heut, und die Sonne scheint,
Und die Kirschen blühn, und die Seele meint,
Sie könne durch allen Rausch und Duft
Aufsteigen in die goldene Luft.

Jedes Herz in Freude steht,
Von neuem Geist frisch angeweht,
Und hoffnungsvoll aus Thür und Thor
Steckt´s einen grünen Zweig hervor.

Es ist im Fernen und im Nah´n
So ein himmlisches Weltbejah´n
In all dem Lieder- und Glockenklang,
Und die Kinder singen den Weg entlang.

Wissen die Kindlein auch zumeist
Noch nicht viel vom heiligen Geist,
Die Hauptsach spüren sie fein und rein:
Heut müssen wir fröhlichen Herzens sein.

 

Gustav Falke (1853-1916) deutscher Schriftsteller

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

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Ein grosser Nussbaum

Fotos Brigitte Fuchs: Nussbäume und Walnussblüten

 

 

Ein grosser Nussbaum stand wie eine grüne Laube,
Ein Weg ging drunter hin im Staube,
Fern lag ein Dorf, ein Fluss mit Berggeländen.
Der grosse Baum hielt in den grünen Blätterhänden
Landschaften gleich wie farbige Gedanken,
Die bald voll Wolken standen, bald im Licht versanken.
Und Du und ich, wir lehnten in dem Schatten
Und teilten mit dem Baum was wir im Herzen hatten.

 

Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler

 

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Die Libelle

Foto Brigitte Fuchs: Blauflügel-Prachtlibelle, auch bekannt als Gemeine Seejungfer

 

Es tanzt die schöne Libelle
Wohl auf des Baches Welle;
Sie tanzt daher, sie tanzt dahin,
Die schimmernde, flimmernde Gauklerin.

 

Foto Brigitte Fuchs

 

Gar mancher junge Käfertor
Bewundert ihr Kleid von blauem Flor,
Bewundert des Leibchens Emaille
Und auch die schlanke Taille.

(…)

 

Heinrich Heine (1797-1856) deutscher Dichter und Schriftsteller
Erste und zweite Strophe aus seinem Langgedicht „Die Libelle“

 

 

Foto Brigitte Fuchs: Blauflügel-Prachtlibelle, auch bekannt als Gemeine Seejungfer

 

 

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Auen

Fotos Brigitte Fuchs: „Chly Rhy Auen“ bei Rietheim

 

Der Weiher

Er liegt so still im Morgenlicht,
So friedlich, wie ein fromm Gewissen;
Wenn Weste seinen Spiegel küssen,
Des Ufers Blume fühlt es nicht;
Libellen zittern über ihn,
Blaugoldne Stäbchen und Karmin,
Und auf des Sonnenbildes Glanz
Die Wasserspinne führt den Tanz;
Schwertlilienkranz am Ufer steht
Und horcht des Schilfes Schlummerliede;
Ein lindes Säuseln kommt und geht,
Als flüstre’s: Friede! Friede! Friede! –

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) deutsche Dichterin und Komponistin

 

Fotos Brigitte Fuchs: „Chly Rhy Auen“ bei Rietheim

 

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Gold

Fotos Brigitte Fuchs: Goldwäscher an der Luthern im Napfgebiet

 

 

Gold ist ein kaltes Wort. Gold wird erst warm,
Nimmst du das tote Gold in deinen Arm
Und flöss’t ihm ein beseeltes Leben ein
Und trägst’s barmherzig in die Welt hinein.

Gleichwie des Grales Kelch Lichtfunken sprüht,
Sobald des Glaubens Feuer ihn durchglüht,
So geht vom roten Gold ein warmes Leben aus,
Trägst du’s voll Liebe in die Not hinaus.

 

Karl Ernst Knodt (1856-1917) deutscher Dichter und „Waldpfarrer“

 

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Schwertlilien

Fotos Brigitte Fuchs

 

Das sind die Blumen, die wie Kirchen sind.
Ein Blick in sie hinein zwingt uns zu schweigen.
Wie Weihrauch fromm berauschend strömt ihr Duft,
Wenn wir uns zu der schönen Blüte neigen.
Sie sind wie Schmetterlinge dünn und zart.
Und wissen ihr Geheimnis doch zu hüten.
Es hellen goldne Kerzen sanft den Pfad
Ins Allerheiligste der Wunderblüten.

 

Franziska Stoecklin (1894-1931) Schweizer Schriftstellerin, Dichterin und Künstlerin

 

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Das Glück…

 

Foto Brigitte Fuchs: Schwalbenschwanz auf Skabiose

 

 

Das Glück, das glatt und schlüpfrig rollt,
tauscht in Sekunden seine Pfade,
ist heute mir, dir morgen hold
und treibt die Narren rund im Rade.

Lass fliehn, was sich nicht halten lässt,
den leichten Schmetterling lass schweben,
und halte dich nur selber fest;
Du hältst das Schicksal und das Leben.

 

Ernst Moritz Arndt (1769-1860) deutscher Schriftsteller, Verleger, Historiker und Freiheitskämpfer

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Mailied

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch,

Und Freud‘ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd‘! O Sonne!
O Glück! O Lust!

(…)

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Unversalgelehrter
Erste drei Strophen aus seinem „Mailied“

 

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Weise

Foto Brigitte Fuchs

 

Die Meise, die Meise,
die setzt sich ganz leise.
Bleibt sitzen mit Wonne,
wärmt sich an der Sonne.

Dem Baum und dem Ast
ist sie keine Last.

Die Meise, die Meise,
die sitzt da ganz leise.
Ihr wird es gelingen,
das Glück zu besingen.

 

Brigitte Fuchs
Die Verse sind gedacht als Kindergedicht

 

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Blindschleiche im Garten

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Blindschl

Ich hatte einmal eine Liebschaft mit
Einer Blindschleiche angefangen;
Wir sind ein Stück Leben zusammen gegangen
Im ungleichen Schritt und Tritt.

(…)

Es gleich zu sagen: Sie ging nicht tot.
Sie ist mir wieder entwichen,
Ist in die Wälder geschlichen
Und sucht dort einsam ihr tägliches Brot.

Vorbei! Es wäre – ich bin doch nicht blind –
Vergebens, ihr nachzuschleichen.
Weil ihre Wege zu dunkel sind.
Weil wir einander nicht gleichen.

 

 

Joachim Ringelnatz, eigentlich Hans Bötticher (1883-1934) deutscher Lyriker, Erzähler, Maler, Kabarettist und Seefahrer
Drei Strophen aus dem Langgedicht „Blindschl“
Quelle: Joachim Ringelnatz, „Allerdings“, Gedichte, Rowohlt Berlin 1935

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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