Archiv der Kategorie: Gedichte

Aus der Enge

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Hinaus möcht ich ziehn in die blühende Weite,
ein Lied auf der Lippe, den Lenz als Geleite,
in rauschende Wälder an sonnigen Borden,
auf ragende Berge – nach Süden, nach Norden –
Hinaus nur, hinaus!

Hinaus möcht ich ziehn auf die lärmenden Gassen,
ein Tropfen, versinken im Meere der Massen,
der eigenen Pulse Anschwellen und Schwinden
erschauernd als Herzschlag der Menschheit empfinden;
Hinaus nur, hinaus!

Hinaus möcht ich ziehn in die schimmernde Ferne; –
schon glänzen zu Häupten mir tropische Sterne:
in glühenden Nächten, in pressenden Armen
möcht ich zu lachendem Leben erwarmen …
Hinaus nur, hinaus!

 

Clara Müller-Jahnke (1860-1905) deutsche Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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verstummt

Foto Brigitte Fuchs

 

 

verstummt
die schnellen Schritte von
gestern

sonderbar
diese fremde Stille

neue Wege suchen uns

 

 

Elsbeth Maag, Schweizer Lyrikerin
Originalbeitrag mit dem Einverständnis der Autorin

 

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Held

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Leicht ist man entschlossen,
Findet man Genossen. –
Erst auf sich gestellt,
Zeiget sich der Held.

 

 

Jüdische Weisheit

 

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In meinem glühendsten Tulpenbaum

Fotos Brigitte Fuchs: Magnolienbaum im März

 

 

(…)

Wenn in deine Seele die Sonne scheint,
besuch mich mal.
Hörst du?
Starr,
aus Schlangen gewunden,
steht der Baum.
Ein Windstoss rüttelt,
wie tanzende Flammen wehn seine Blüten!

 

 

Arno Holz (1863-1929) deutscher Schriftsteller, Dichter und Dramatiker
Zweite Hälfte seines gleichnamigen Gedichtes

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Krone der Welt

Foto Brigitte Fuchs: Ein Teil des Alpsteins

 

Bergnacht

Alles fällt
Und ist unten — dir nebenan
Wunderbar die kristallene Krone der Welt,
Monddunkel, Erloschenheit, Sternenbahn.

Ganz als stündest du gar nicht mehr
Fühlst du an deinen Füssen das leise Lasten
Eines Runds von Gebirgen, Wäldern und Meer,
Vernimmst seine Fahrt wie einen Wind in den Masten.

 

Albin Zollinger (1895-1941) Schweizer Schriftsteller und Lyriker
Aus der Sammlung Sternfrühe

 

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Gloriola

Foto Brigitte Fuchs: Sonnenuhr, gesehen in Aesch/LU
Übersetzung des lateinischen Spruchs: „Wie ein Schatten ist unser Tag“

 

 

Wir malten eine Sonnenuhr zum Spass,
Als ich in Fuldas Klosterschule sass.

Ringsum ein Spruch gedankentief und fein
Und schlagend musste nun ersonnen sein.

Herr Abbas sprach: „Zwei Worte sind gegönnt,
Ihr Schüler, sucht und eifert, ob ihr’s könnt!“

Hell träumend ging ich um, mich mied der Schlaf,
Bis mich wie Blitzesstrahl das Rechte traf:

„Ultima latet.“ Stund um Stunde zeigt
Die Uhr, die doch die letzte dir verschweigt.

Herr Abbas sprach: „Das hast du klug gemacht.
Es ist antik und christlich ist’s gedacht.“

Manch Kränzlein hab‘ ich später noch erjagt,
Wie dieses erste hat mir keins behagt;

Denn Süssres gibt es auf der Erde nicht
Als ersten Ruhmes zartes Morgenlicht.

 

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) Schweizer Dichter

 

 

Foto Brigitte Fuchs: Sonnenuhr in Sursee/LU

 

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Der Sturm

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Im Windbrand steht die Welt. Die Städte knistern.
Halloh, der Sturm, der grosse Sturm ist da.
Ein kleines Mädchen fliegt von den Geschwistern.
Ein junges Auto flieht nach Ithaka.

Ein Weg hat seine Richtung ganz verloren.
Die Sterne sind dem Himmel ausgekratzt.
Ein Irrenhäusler wird zu früh geboren.
In San Franzisko ist der Mond geplatzt.

 

 

Alfred Lichtenstein (1889-1914) deutscher Schriftsteller des Expressionismus
Text aus dem Internet

 

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Wo?

Foto Brigitte Fuchs

 

 

Wo schlägt ein Herz, das bleibend fühlt?
Wo ruht ein Grund, nicht stets durchwühlt?
Wo strahlt ein See, nicht stets durchspült?
Ein Mutterschoss, der nie erkühlt?
Ein Spiegel, nicht für jedes Bild?
Wo ist ein Grund, ein Dach, ein Schild,
ein Himmel, der kein Wolkenflug,
ein Frühling, der kein Vogelzug,
wo eine Spur, die ewig treu,
ein Gleis, das nicht stets neu und neu?
Ach, wo ist Bleibens auf der Welt,
ein redlich, ein gefriedet Feld,
ein Blick, der hin und her nicht schweift
und dies und das und nichts ergreift,
ein Geist, der sammelt und erbaut –
ach, wo ist meiner Sehnsucht Braut?

 

Clemens Brentano (1778-1842) deutscher Dichter

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Rätsel


Foto Brigitte Fuchs

 

 

Rätsel

Ein Bruder ist’s von vielen Brüdern,
In allem ihnen völlig gleich,
Ein nötig Glied von vielen Gliedern
In eines grossen Vaters Reich;
Jedoch erblickt man ihn nur selten,
Fast wie ein eingeschobnes Kind:
Die andern lassen ihn nur gelten
Da, wo sie unvermögend sind.

 

Johann Wolfgang von Goethe

 

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Der letzte Poet

Fotos Brigitte Fuchs: gesehen in Solothurn bei „Das Poetariat“

 

Die Ehrengabe

Stirb, hauch deine Seele aus,
Poet!
Verfallen ist ihr armes Haus:
Die Rettung kam zu spät.

Die Lerche, die im Blut dir sang,
Ist tot –
Denn zwanzig Jahre war zu lang
In Nacht und Not.

Die Perle, längst erblindet, ruht
Im Kot:
Der ausgebrochnen Steine Glut
Ist Stück um Stück verloht.

Die Krone, die man dir gereicht,
War Zinn – –
In Jugendkraft gebrochen schleicht
Ein Greis zum Ausgang hin.

 

 

Ludwig Scharf (1864-1938) deutscher Lyriker des Naturalismus und Übersetzer, zentrale Figur der Münchner Moderne

 

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