Archiv der Kategorie: Gedichte
Alle unsre Tauben

Fotos Brigitte Fuchs
Alle unsre Tauben sind schon lange wach,
sitzen auf den Lauben, sitzen auf dem Dach,
sitzen auf dem Regenfass:
Wer gibt denn uns Tauben was,
wer gibt denn uns Tauben was?
Tauben, Hühner, kleine Kind‘
jeden Morgen hungrig sind.
(…)
Gustav Falke (1853-1916) deutscher Schriftsteller
Anfangszeilen aus seinem Gedicht „Alle unsre Tauben“
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Fastnacht

Fotos Brigitte Fuchs
Hoch lebe die Fastnacht!
Wo wir fasten und rasten
Von des Lebens Lasten,
Und uns gewöhnen zu frönen
Allem Schönen,
Wo wir anstecken
Die Kerzen unsrer Herzen,
Und wie Gecken
Uns selbst zum Besten haben
Und mit heitern Gästen laben,
Nach Fröhlichkeit trachten und dichten
Und unsre Gedanken richten
Eher auf den besten Keller
Als auf den letzten Heller
Es lebe die Fastnacht,
Die keinem Last macht,
Wo Wirt und Gast lacht
Und ohne Rast wacht
Bis an den Morgen
Abzuwerfen der Sorgen
Ballast-Fracht
Und was das Leben verhasst macht
Hoch lebe die Fastnacht!
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) deutscher Sprachforscher und Liederdichter
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Altes Gedicht mit aktueller Botschaft

Foto Brigitte Fuchs
Das soll genügen
Dieses randlose Meer und
diese geviertelten Wälder.
Winters schmilzt uns
die Brücke und
sommers gefriert uns der Steg.
Wie soll das genügen.
Ihr habt eure Brücken
instand zu halten
eure Wälder euer
randvolles Meer derweil
verlassen wir unser Dorf
besänftigen wir
unsere Kinder.
Brigitte Fuchs
Aus „Das Blaue vom Himmel oder ich lebe jetzt“. Glendyn Verlag, Aarau 1993
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Dächer

Fotos Brigitte Fuchs: Altstadtdächer in Baden
Arm und leer war die Welt.
Jetzt ist nichts mehr gering,
da ich das Meine im Haus
spät zu besitzen beging.
Was ich zu hüten erwarb,
deckt nun himmelbereit,
Dach, mit Giebel und First
deine Gelassenheit.
Wachsam der eiserne Hahn
dreht sich im duftenden Wind,
unter dem braunen Gebälk
huscht die Schwalbe geschwind —
…
Josef Weinheber (1892-1945) umstrittener österreichischer Lyriker und Erzähler
Anfangszeilen aus seinem Langgedicht „Das Dach“, gefunden im Internet
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Grün

Fotos Brigitte Fuchs
Grün, ja Grün nur soll allein
Immer meine Farbe sein,
Grün ist ja der frische Wald,
Froher Sänger Aufenthalt,
Grün, des Frühlings heit’res Bild;
Grün, der Hoffnung Farbenschild,
Grün, der Jungfrau Myrtenkranz,
Der sie schmückt mit höchstem Glanz,
Grün, des Helden Lorberkron’,
Grün die Palme, die zum Lohn
Jedem Dulder, der erbleicht,
Lächelnd dort ein Engel reicht.
Ach, und wie erquickt so mild
Immergrün im Schneegefild.
D’rum, so lang’ noch Farben glüh’n,
Sei die meine immer Grün.
Johann Nepomuk Vogl (1802-1866) österreichischer Dichter
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Scherben
Foto Brigitte Fuchs
Und wird die Welt auch noch so alt,
der Mensch, er bleibt ein Kind!
Zerschlägt sein Spielzeug mit Gewalt,
wie eben Kinder sind!
Wann alles erst in klein zerstückt
und nichts mehr zu verderben,
so sucht er wieder – neubeglückt –
und spielt dann mit den Scherben.
Carl Spitzweg (1808-1885) deutscher Apotheker, Maler und Zeichner der Spätromantik und des Biedermeiers

Foto Brigitte Fuchs
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Ein winterliches Gedicht

Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.

Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.

Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.

Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder.
Der Bach rauscht lustig unterm Eis.
Nur finster steh’n die Wälder.
Alexander Puschkin (1799 – 1837) russischer Dichter

Alle Fotos Brigitte Fuchs: gestern auf der Staffelegg
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Was Leides

Foto Brigitte Fuchs
Was Leides mir ein Tag nun bringt
Ist wie ein fernes Glockenschlagen,
Das leis durch meine Nächte klingt,
Vom Winde hergetragen.
Es hallt in meinen tiefsten Traum
Und schattet schleierweich mein Leben,
Wie Frauenhände dunkeln Saum
Um lichten Teppich weben.
Hugo Marti (1893-1937) Schweizer Germanist, Schriftsteller und Feuilletonredaktor
Aus „Lyriker der deutschen Schweiz 1850-1950“, ausgewählt von Heinz Helmerking, gute Schriften Zürich 1957
P.S. Der Text ist nicht auf mich bezogen. Alles gut! (Aber das Leide ist ja grundsätzlich nicht aus dem Leben wegzudenken.)
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Ständchen

Foto Brigitte Fuchs: Wandmalerei beim Jugendwerk in Olten
Sey gegrüsset, schöne Holde,
Mit dem Engels-Angesicht!
Mädchen mit dem Lockengolde
Um der Augen Sonnenlicht.
Komm hervor du süsse Schöne,
Helle mir die dunkle Nacht,
Geuss den Silberlaut der Töne
Aus der Lippen Purpurschacht!
Lass dich sehen, lass dich grüssen,
Engel meiner Seele, du!
Lass dich sehen, grüssen, küssen,
Leg‘ das treue Herz zur Ruh‘.
Du nur bist ja mein Verlangen,
Meiner Seele Paradies;
In dein Aug‘ wer sich verfangen,
Träumt den Himmel ganz gewiss.
Ignaz Hub (1810-1880) deutscher Dichter, Redakteur und Herausgeber
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Weisheit des Winters

Fotos Brigitte Fuchs
Strenger Winter! kalter Weiser! schonest weder Kraut noch Gras!
Was du nur berührst, du Frost’ger! wandelst du in starres Glas.
Bunte Blüten, grüne Blätter, die der milde Sommer gab,
Schlägst du, weil du’s nicht geboren, mit den harten Fäusten ab,
Rufest stolz: »Ich hab‘ dem Flusse klar geführet den Beweis,
Dass er gar zu wässrig fliesse, dass er werden soll zu Eis.
(…)
Justinus Kerner (1786-1862) deutscher Arzt und Dichter
Anfangszeilen seines Gedichtes „Weisheit des Winters“
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