Archiv der Kategorie: Gedichte
Das kleine Lied
Foto Brigitte Fuchs, mit Einwilligung des Strassenmusikers
Ein kleines heiteres Lied bin ich.
Ich zieh‘ durch die Lüfte und träume.
Komm, mein Poet, und finde mich
Und bringe mich in Reime.
Dann nimm mich, lieber Musikant,
Und, dass deine Kunst mich verschöne,
Web‘ mir ein freundlich schlicht‘ Gewand
Und kleide mich in Töne.
Und nun, du sangesfrohe Brust,
Nun lass mich lieblich erklingen,
Und singe mich herzlich, denn du musst
Mich in die Herzen singen.
Albert Roderich (1846-1938) deutscher Dichter, Aphoristiker und Humorist
Text aus dem Internet
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Wäsche

Foto Brigitte Fuchs: Wäsche aus alter Zeit, gesehen beim Freiluftmuseum Ballenberg
Wäsche ist von des Menschen Umäusserung
Das Innerste, also das Feinste,
Und sollte immer das Reinste
Sein, wie im Menschen selber die Seele.
Was immer ihr fehle,
Die Sauberkeit fehle ihr nie.
Und schön und schöner, wenn ausserdem sie
Noch Wohlgeschmack, einen freien Geist
Und das Verständnis für neueste Zeit
Und für die Gesetze der Ewigkeit
Beweist. –
Wie doch die innersten Blättchen der Blüten
Die innigsten sind. –
Wäsche sollst du wie dein Gewissen
Und wie dein Kind
Peinlich pflegen und zärtlich behüten.
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer
Aus „Allerdings“, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928/1935
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Noch sind die Tage der Rosen
Foto Brigitte Fuchs
(…)
Ja im Herzen tief drinnen ist alles daheim,
Der Freude Saaten, der Schmerzen Keim.
Drum frisch sei das Herz und lebendig der Sinn,
Dann brauset ihr Stürme, daher und dahin.
Wir sind allezeit zu singen bereit:
Noch ist ja die blühende, goldene Zeit,
Noch sind die Tage der Rosen!
Wilhelm Baumgartner (1820-1867) Schweizer Chordirigent, Pianist, Komponist und Liederautor
Dritte und letzte Strophe seines Gedichtes „Noch sind die Tage der Rosen“

Foto Brigitte Fuchs
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Der Kanarienvogel

Foto Brigitte Fuchs
Ich sprang von meinem Holm
In den Silberring.
Da schlugen grosse Uhren durchs Zimmer,
Und oft vom Flügel
Kam riesige Wonne her.
Es waren Wesen da
Mit Paradiesesstimmen,
Die brachten früh mein gelbes Bad.
Sonst kamen nur Wolken genaht
Und der Fensterbaum immer.
Einst schwebten Augen auf mich herab,
Da schwirrte ich in meinen kleinen Sand.
War müd‘ und tot.
Was bin ich noch da?
Franz Werfel (1890-1945) österreichisch-US-amerikanischer Schriftsteller jüdischer Herkunft
Und dann noch dies:
Die Träume der Ziervögel
Das Glück durchzieht die Träume
der Ziervögel in hellen Streifen.
Daher ihr Gesang ihr Jauchzen
von Schulter zu Schulter.
Ihre Gespräche nehmen den Tag ein
mit gefiedertem Glanz.
Einzig das Fenster stellt sie vor
offene Fragen.
Brigitte Fuchs
In „Suchbild mit Garten“ Gedichte, Kukuruz Verlag Lüchingen 1998
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Der Reisebecher

Foto Brigitte Fuchs
Gestern fand ich, räumend eines langvergessnen Schrankes Fächer,
Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher.
Währenddess ich leise singend reinigt‘ ihn vom Staub der Jahre,
War’s als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare,
War’s als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken,
War’s als rauschten alle Quellen, draus ich wandernd einst getrunken.
Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) Schweizer Dichter
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Händchen kalt…

Foto Brigitte Fuchs
Händchen kalt, Füsschen kalt,
das ist mir kein Wunder.
Strümpfchen aus, Schühchen aus,
schlupf bei mir mal unter!
Kinderverse aus Holland
P.S. Heute ist übrigens Weltkindertag
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Zum Einschlafen zu sagen

Foto Brigitte Fuchs: Skulptur „Horchender“ des Künstlers Rudolf Blättler, Luzern, in Cham, Kanton Zug
Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüsste: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe gross
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) Lyriker deutscher und französischer Sparache, Schriftsteller und Übersetzer
Aus „Das Buch der Bilder“
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An vollen Büschelzweigen

Foto Brigitte Fuchs
An vollen Büschelzweigen,
Geliebte, sieh nur hin!
Lass dir die Früchte zeigen,
Umschalet stachlig grün.
Sie hängen längst geballet,
Still, unbekannt mit sich;
Ein Ast, der schaukelnd wallet,
Wiegt sie geduldiglich.
Doch immer reift von innen
Und schwillt der braune Kern;
Er möchte Luft gewinnen
Und säh die Sonne gern.
Die Schale platzt, und nieder
Macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder
Gehäuft in deinen Schoss.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter
Text aus dem Internet
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Ein grosser Nussbaum

Fotos Brigitte Fuchs
Ein grosser Nussbaum stand wie eine grüne Laube,
Ein Weg ging drunter hin im Staube,
Fern lag ein Dorf, ein Fluss mit Berggeländen.
Der grosse Baum hielt in den grünen Blätterhänden
Landschaften gleich wie farbige Gedanken,
Die bald voll Wolken standen, bald im Licht versanken.
Und Du und ich, wir lehnten in dem Schatten
Und teilten mit dem Baum was wir im Herzen hatten.
Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler
Aus „Insichversunkene Lieder im Laub“ (1911)
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Rundes
Fotos Brigitte Fuchs
Das beste Werk auf Erden ist:
Korn in die Scholle säen,
Und aller Freuden reichste ist,
Die vollen Schwaden mähen!
Rund geht der Wurf des Sämanns
Und rund des Schnitters Eisen.
Des ganzen Lebens Auf und Ab
liegt zwischen diesen Kreisen.
Friedrich Rückert (1788-1866) deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer
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