Archiv der Kategorie: Gedichte

St. Martinsgänse

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Wann der heilge Sankt Martin
Will der Bischofsehr entfliehn,
Sitzt er in dem Gänsestall,
Niemand findt ihn überall,
Bis der Gänse gross Geschrei
Seine Sucher ruft herbei.

Nun dieweil das Gickgackslied
Diesen heilgen Mann verriet,
Dafür tut am Martinstag
Man den Gänsen diese Plag,
Dass ein strenges Todesrecht
Gehn muss über ihr Geschlecht.

(…)

 

Simon Bach (1605-1659) Deutscher Dichter der Barockzeit
1. und 2. Strophe aus seinem dreistrophigen Gedicht „Einladung zur Martinsgans“

 

 

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Eine Schale voller Gold

Foto Brigitte Fuchs: gesehen bei Gartenbau Wenger in Erlinsbach/SO

 

Herbstlich tönen alle Lieder,
milde, sonnengelb und hold.
Eine Schale voller Gold
reicht der Herbst uns wieder.

Darin spiegelt sich der Wald,
streckt die Kronen himmelan,
flüstert oder schweigt – doch bald
bricht der Winter diesen Bann.

 

Brigitte Fuchs

 

 

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O trübe diese Tage nicht

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man’s nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.

Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süsser Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz –
O sorge, dass uns keine fehlt,
Und gönn‘ uns jede Stunde ganz.

 

 

Theodor Fontane (1819-1898) deutscher Schriftsteller und Dichter

 

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Kürbiszeit

Foto Brigitte Fuchs: Kürbisangebot in Seengen/AG

 

 

 

Oktoberweit ist Kürbiszeit.
Da landet so ein gelber Kopf
schon mal, zerteilt, im Suppentopf, –
vielleicht als Schmuck im Garten.
Die andern müssen warten:
Sie werden als Laternen
(und dies obwohl
im Innern hohl)
bald wandeln unter Sternen.

 

Brigitte Fuchs

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Im Herbste

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

Es rauscht, die gelben Blätter fliegen,
Am Himmel steht ein falber Schein;
Du schauderst leis und drückst dich fester
In deines Mannes Arm hinein.

Was nun von Halm zu Halme wandelt,
Was nach den letzten Blumen greift,
Hat heimlich im Vorübergehen
Auch dein geliebtes Haupt gestreift.

Doch reissen auch die zarten Fäden,
Die warme Nacht auf Wiesen spann –
Es ist der Sommer nur, der scheidet;
Was geht uns denn der Sommer an?

(…)

 

Theodor Storm (1817-1888) deutscher Jurist, Dichter und Erzähler
Erste drei der sechs Strophen seines Gedichtes „Im Herbste“

 

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Oktoberblau

Fotos Brigitte Fuchs

 

 

(…)

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluss hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

 

Georg Trakl (1887-1914) österreichischer Dichter
Letzte Strophe seines dreistrophigen Gedichts „Verklärter Herbst“

 

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Ein Luftschiffer

Foto Brigitte Fuchs: Heissluftballon über den Innerschweizer Alpen

 

Ich kann ein Luftschiffer werden,
immer höher schlägt mein Herz;
da fliehn die Flüsse unter mir
wie dünne Adern Erz,
meine Gondel steigt und steigt.

Die Luft wird immer reiner;
das wirre Erdgewühl
wird alles klein und kleiner,
wird alles wie ein Spiel.
Ich gleite drüber hin.

Hin, wo die Wolken schweigen;
kaum noch ein Berghaupt blinkt.
Ich fühle mich nicht mehr steigen,
nur die Erde sinkt und sinkt;
mir träumt ein Schaukellied.

Ich schwebe nur und schwebe,
in die blaue Welt hinein.
Wer weiß wohin – ade, ade –
der Himmel wiegt mich ein:
fahr wohl, du kleiner Held.

 

Richard Dehmel (1863-1920) deutscher Schriftsteller und Lyriker
Eines seiner Kindergedichte

 

Foto Brigitte Fuchs: Heissluftballon über dem Wynental

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Träume nur, Seele…

Fotos Brigitte Fuchs

 

In den verdämmernden Herbsttag hinein
zauberst du lachenden Sonnenschein,
und aus der Blätter vergilbendem Flor
blühen dir duftige Veilchen empor,
träumende Seele.

(…)

 

 

Clara Müller-Jahnke (1860-1905) deutsche Dichterin und Journalistin
Erste von drei Strophen ihres Gedichtes „Träume nur, Seele“
Text aus dem Internet

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Alpenglühen am Zürichsee

 

Wer rief dies Bild, das plötzlich in den Rahmen
Des Fensters mit dem goldnen Winde glitt?
Still rufts mich an. Und schon weiss ich den Namen:
Es ist der Herbst und meint auch Abschied mit.

 

 

Die Berge, die tagsüber Himmel waren,
Wie glühn sie nah im abgeteilten Licht!
Oh hier wie immer fühlt man: in dem Klaren
Ist schon ein Teil Vergängnis und Verzicht,

 

 

Und fühlt, es wäre gut, noch einmal leiser
Als sonst den Vesperweg talab zu gehn,
Da sich die Abende im Herbst verfrühen,

 

 

Und eh es dunkelt noch aus all den Häusern,
Die westwärts Feuer aus den Fenstern sprühen,
Sich Sommersonne in das Herz zu sehn.

 

Stefan Zweig (1881-1942) österreichischer Schriftsteller
Aus: Stefan Zweig „Ausgewählte Gedichte“ Insel-Bücherei 174, Insel-Verlag, Wiesbaden 1953

 

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An-rankt

Foto Brigitte Fuchs: wilder Wein

 

 

An-rankt sich die Rebe mit tausend Ranken,

Hin-säuselt ein lauer, ein lieblicher West

Und da blühen und wanken und schwanken die schlanken!

An-rankt sich die Rebe mit tausend Ranken!

So spielen und schwanken auch meine Gedanken

Und halten doch immer an dir nur fest.

An-rankt sich die Rebe mit tausend Ranken,

Hin-säuselt ein lauer, ein lieblicher West!

 

 

Karl Friedrich Schimper (1803-1867) deutscher Naturwissenschaftler, Botaniker, Geologe und Privatgelehrter
Nr. 50 seiner Liebes-Triolette in „Gedichte Von Karl Schimper“, Verlag von Ferdinand Enke, Erlangen 1840

 

P.S. Ein Triolett ist dem Ursprung nach eine französische Versform. Das Gedicht besteht aus acht Versen, wobei der erste Vers identisch oder leicht abgeändert als vierte und siebente Zeile wiederkehrt, der zweite Vers wiederholt sich dann in der achten Schlusszeile.

 

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