Archiv der Kategorie: Gedichte
Der Tod und die Liebe

Foto Brigitte Fuchs
Der Tod ging hin durchs blühende Land
Und schlich und suchte, suchte und fand, –
Die Nacht lag über den Gärten,
Dornen den Weg ihm sperrten.
Vom Tau war seine Sense nass,
Wohin er trat, fiel Tau vom Gras.
Es träumte der Himmel noch immer
Von der Sonne in mattem Schimmer.
Und als der Tod am Tore stand
Und dreimal klopfte mit dürrer Hand,
Da trat ihm die Liebe entgegen
Mit ihrem unendlichen Segen.
Und er wich fort von Haus und Tor,
Schlich weiter den Weg wie eben zuvor,
Es glitt sein Gewand durch die Strassen,
Die Brunnen das Rauschen vergassen.
Börries Albrecht Conon August Heinrich Freiherr von Münchhausen (1874-1945) deutscher Schriftsteller und Lyriker
Text aus dem Internet
Rote Flügel

Foto Brigitte Fuchs: Blutrote Heidelibelle
Auf den Bergen reiten Feuer,
Werfen sich wie Ungeheuer
In die Nachtluft, in den Raum;
Flammen stehen hell als Baum,
Rote Flügel sich entfachen,
Aus den Bergen fliegen Drachen,
Nichts hält mehr den Berg im Zaum.
Flammen sich wie Lieder wiegen —
Sonne hat die Nacht erstiegen.
Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler
Gedicht mit dem Titel „Johannisfeuer“
Segelschiffe

Fotos Brigitte Fuchs
Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch
Und über sich Wolken und Sterne.
Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch
mit Herrenblick in die Ferne.
Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand
Wie trunkene Schmetterlinge.
Aber sie tragen von Land zu Land
Fürsorglich wertvolle Dinge.
Wie das im Wind liegt und sich wiegt,
Tauwebüberspannt durch die Wogen,
Da ist eine Kunst, die friedlich siegt,
Und ihr Fleiss ist nicht verlogen.
Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. –
Natur gewordene Planken
Sind Segelschiffe. – Ihr Anblick erhellt
Und weitet unsre Gedanken.
Joachim Ringelnatz (1883-1934) deutscher Dichter, Kabarettist und Seefahrer
Aus „Und auf einmal steht es neben dir“, Gesammelte Gedichte, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1966

Foto Brigitte Fuchs: Modellsegelboot
Leichter Sinn

Foto Brigitte Fuchs
Der Zufriedne
Vielfach ist der Menschen Streben,
Ihre Unruh, ihr Verdruss;
Auch ist manches Gut gegeben,
Mancher liebliche Genuss;
Doch das grösste Glück im Leben
Und der reichlichste Gewinn
Ist ein guter leichter Sinn.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Dichter und Universalgelehrter
In eigener Sache:
In den letzten Tagen hat mich eine fiese Sommergrippe flach gelegt. Mit dem guten leichten Sinn ist es deshalb ein wenig schwierig. Kommentare beantworte ich gerne wieder, wenn es mir etwas besser geht. Danke für Ihr/euer Verständnis.
🙂 Das wird schon wieder, auch mit dem Leichtsinn.
Wunderbaum
Foto Brigitte Fuchs: Wunderbaum oder Rizinus (ein Wolfsmilchgewächs)
Schlummermelodie
Hängt ein Stern in der Nacht,
Irgendwo –
Irrt ein Herz durch die Nacht –
Irgendwo –
Saust Wind im Wald,
Irgendwo –
Eulen-Schuhu hallt
Irgendwo –
Blüht ein Wunderbaum
Irgendwo –
In einem Traum –
Irgendwo –
Hängt ein Stern in der Nacht,
Irgendwo –
Golden ist der Mond erwacht –
Irgendwo –
Irgendwo –
Gerrit Engelke (1890-1918), deutscher Schriftsteller und Arbeiterdichter, gefallen im Ersten Weltkrieg

Brigitte Fuchs: Wunderbaum oder Rizinus
Cocktail

Fotos Brigitte Fuchs
Wunsch und Gedicht können
eins sein im vollen Cocktailglas
mit Eiswürfeln Strohhalm und
Orangenscheibe an diesem
Spätsommertag im Strassencafé
mit jedem Schluck mit jeder Silbe
zunehmen oder vergehen wie
ein leichthin geworfener Blick
Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“ Gedichte, edition 8, Zürich 2014
Seesicht
An der Zuger Seeuferpromenade (Rössliwiese) befindet sich seit dem Sommer 2015 an unübersehbarer Stelle die imposante Stahlkonstruktion mit dem Werknamen „Seesicht“ des Künstlers Roman Signer. Mittels einer Treppe gelangt man unter den Wasserspiegel und kann ein kleines Stück See betrachten. Die Stahlskulptur soll für zehn Jahre bestehen bleiben und ist regelmässsig für Besucher geöffnet.
Bei unserem „Seegang“ war die Scheibe allerdings so trüb, dass man wenig sehen konnte.
Spannend und anregend war die Begehung trotzdem.

Fotos Brigitte Fuchs
Begehbare Stahlskulptur „Seegang“ von Roman Signer, *1938, Schweizer Bildhauer, Zeichner, Filmer, Aktions- und Konzeptkünstler
Schlagseite
Sagte ich es nicht schreit der
Seefahrer von der hohen Kante aus
ein Meer ist das nicht und
ferne Wunder sind wunderbarer
Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“, Gedichte, edition 8, Zürich 2014
Auf dem Fliegenplaneten
Foto Brigitte Fuchs
Auf dem Fliegenplaneten,
da geht es dem Menschen nicht gut:
Denn was er hier der Fliege,
die Fliege dort ihm tut.
An Bändern voll Honig kleben
Die Menschen dort allesamt,
und andre sind zu Verleben
in süssliches Bier verdammt.
In einem nur scheinen die Fliegen
Dem Menschen vorauszustehn:
Man bäckt uns nicht in Semmeln,
noch trinkt man uns aus Versehn.
Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter, Übersetzer und Schriftsteller
Aus dem Band „Galgenlieder“

Foto Brigitte Fuchs
Im Sommer

Foto Brigitte Fuchs
Die Sommerzeit, die Sommerzeit,
Das ist die Zeit der Lustbarkeit.
Da können wir draussen sein
Und spielen im Sonnenschein
Den ganzen Tag bis zum Abend hinein.
Da können wir im Schatten
Auf grünen Matten
Spazieren, marschieren
Und exercieren.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) deutscher Sprachforscher und Liederdichter
Nähe

Foto Brigitte Fuchs: Kohlweissling
Ich tret` in deinen Garten;
Wo, Süsse, weilst du heut?
Nur Schmetterlinge flattern
Durch diese Einsamkeit.
Doch wie in bunter Fülle
Hier deine Beete stehn!
Und mit den Blumendüften
Die Weste mich umwehn!
Ich fühle dich mir nahe,
Die Einsamkeit belebt;
Wie über seinen Welten
Der Unsichtbare schwebt.
Ludwig Uhland (1787-1862) deutscher Dichter, Jurist und Politiker
Aus „Der Garten der Poesie“, Gedichte, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006

Foto Brigitte Fuchs: Ausschnitt vom oberen Bild

