Archiv der Kategorie: Texte

Einsamkeit

Foto Brigitte Fuchs

 

…es gibt nur eine Einsamkeit, und die ist gross und ist nicht leicht zu tragen, und es kommen fast allen die Stunden, da sie sie gerne vertauschen möchten gegen irgendeine noch so banale und billige Gemeinsamkeit, gegen den Schein einer geringen Übereinstimmung mit dem Nächstbesten, mit dem Unwürdigsten … Aber vielleicht sind das gerade die Stunden, wo die Einsamkeit wächst; denn ihr Wachsen ist schmerzhaft wie das Wachsen der Knaben und traurig wie der Anfang der Frühlinge.

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926) Lyriker deutscher Sprache
Aus „Briefe an einen jungen Dichter“

 

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Genies und Ziegen

Foto Brigitte Fuchs

 

Genies gehen ihren eigenen Gang wie Ziegen. Daher nennt sie auch der Italiener capricciosi (Sonderlinge, eigentlich Sprüngemacher, von capra = Ziege).
Sie klettern über Höhen und Abgründe leicht hinweg, während Schafe ruhig dem Leithammel folgen.

 

Karl Julius Weber (1767-1832) deutscher Privatgelehrter, Hofrat und Schriftsteller

 

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Dunkel war’s, der Mond schien helle

Foto Brigitte Fuchs

 

Vom Nonsens-Gedicht „Dunkel war’s, der Mond schien helle“, das von einem unbekannten Verfasser vermutlich im 19. Jahrhundert geschrieben wurde, gibt es unzählige Varianten. Die folgende soll aus dem Jahre 1902 stammen:

 

Dunkel war’s, der Mond schien helle,
Eis lag auf der grünen Flur,
Als ein Wagen mit Blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.

Darin sass ein blonder Jüngling,
Dessen rabenschwarzes Haar
Von der Fülle seiner Jahre
Schon ganz weiss geworden war.

 

Von Unbekannt

 

Foto Brigitte Fuchs

 

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Draussen

Foto Brigitte Fuchs

 

(…)

 

Donner alle! Was ist das,
Das vom Fenster regnet?
Garstge Hexe, kotignass,
Hast mich eingesegnet.
Regen, Hunger, Frost und Wind
Leid ich für das Teufelskind,
Werde noch gehudelt!
Wetter auch! Ich packe mich!
Böser Dämon, tummle dich,
Habe satt gedudelt!
Draussen, draussen Saus und Braus!
Fahre wohl – Ich geh nach Haus.

 

Friedrich Schiller (1759-1805) deutscher Dichter
Letzte Strophe seines Gedichtes „Baurenständchen“

 

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Grüezi!

Collage Brigitte Fuchs

 

 

Wie es geht

 

Sie war eine ganz kleine Schauspielerin des Sommertheaters, hatte Himmels-Augen und hungerte.
»Ich möchte Ihnen einmal Jeane Eyre vorspielen« sagte sie zu einem jungen Schriftsteller.
»Kommen Sie zu mir« sagte er.
»Oh«, sagte sie, »erlauben Sie es mir?!«
Sie spielte es ihm vor.
Er lobte sie, brachte sie in eine glückliche Stimmung.
Dann küsste er sie, drückte sie an sich – – –.
»Gott beschütze mich« sagte sie und überliess sich dem Schicksale.
Sie behielt ihre Himmels-Augen, hungerte und deklamirte Jeane Eyre, ihre Glanzrolle – – –.

 

Peter Altenberg (1859-1919) österreichischer Schriftsteller

 

P.S. Jane Eyre (wie es im Original heisst) ist eine Autobiografie, die im Jahr 1847 unter dem Pseudonym Currer Bell erschien. Sie ist der erste veröffentlichte Roman der britischen Autorin Charlotte Brontë und wurde zum Klassiker des 19. Jahrhunderts.

 

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Sie müssen wissen…

Fotos Brigitte Fuchs

 

Sie müssen wissen, mein Herr, dass ich das Vergnügen,
das wir in einem Garten geniessen, als eine der unschuldigsten
Freuden des Lebens erachte.
Ein Garten war die Wohnung unseres ersten Elternpaares vor
dem Sündenfall. Daher ist er von Natur aus dazu geeignet,
das Gemüt mit Stille und Frieden zu erfüllen und alle seine
stürmischen Leidenschaften zur Ruhe zu bringen.

 

Joseph Addison (1672-1719) englischer Dichter, Politiker und Journalist

 

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Natur ist…

 

 

Natur ist ein Meer von Formen, die entschieden gleichartig und sogar unverwechselbar sind. Ein Blatt, ein Sonnenstrahl, eine Landschaft, der Ozean machen alle einen ähnlichen Eindruck auf den Geist. Was ihnen allen gemeinsam ist – diese Vollendung und Harmonie -, eben das ist Schönheit. Das Mass der Schönheit ist der gesamte Umkreis natürlicher Formen…

 

 

Ralph Waldo Emerson (1803-1882) US-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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Esskastanie

 

Auf die wärmenden und heilenden Eigenschaften der Edelkastanie legte schon Hildegard von Bingen grossen Wert. In ihrer Heilkunde findet der Kastanienbaum mit seinen Früchten, den „Marroni“, wegen seiner vielfachen heilenden Wirkung darum spezielle Erwähnung:

 

 

„Der Kastanienbaum ist sehr warm, hat aber doch grosse Kraft, die der Wärme beigemischt ist, und er bezeichnet die Weisheit. Und was in ihm ist und auch seine Frucht ist sehr nützlich gegen jede Schwäche, die im Menschen ist“.

 

Hildegard von Bingen (1098-1179) deutsche Ordensfrau und Mystikerin
Aus der medizinischen Schrift „Heilkraft der Natur – Physica“, im dritten Buch „Von den Bäumen“

 

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Der junge und der alte Hirsch

Fotos Brigitte Fuchs: Axis- und Rothirsche im Wildpark Roggenhausen

 

 

Ein Hirsch, den die gütige Natur Jahrhunderte hat leben lassen, sagte einst zu einem seiner Enkel: „Ich kann mich der Zeit noch sehr wohl erinnern, da der Mensch das donnernde Feuerrohr noch nicht erfunden hatte.“

„Welche glückliche Zeit muss das für unser Geschlecht gewesen sein!“ seufzte der Enkel.

„Du schliessest zu geschwind!“ sagte der alte Hirsch. „Die Zeit war anders, aber nicht besser. Der Mensch hatte da, anstatt des Feuerrohrs, Pfeile und Bogen, und wir waren ebenso schlimm daran als jetzt.“

 

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1799) deutscher Dichter, Dramatiker und Kritiker
Eine seiner Fabeln

 

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Die Eiche und das Schwein

Fotos Brigitte Fuchs: Wildschweine und Minipigs im Wildpark Roggenhausen

 

Ein gefrässiges Schwein mästete sich unter einer hohen Eiche mit der herabgefallenen Frucht. Indem es die eine Eichel zerbiss, verschluckte es bereits eine andere mit dem Auge.

„Undankbares Vieh!“ rief endlich der Eichbaum herab. „Du nährst dich von meinen Früchten ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in die Höhe zu richten.“

Das Schwein hielt einen Augenblick inne und grunzte zur Antwort: „Meine dankbaren Blicke sollten nicht aussen bleiben, wenn ich nur wüsste, dass du deine Eicheln meinetwegen hättest fallen lassen.“

 

 

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1799) deutscher Dichter, Dramatiker und Kritiker
Eine seiner Fabeln

 

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