Monatsarchive: Juni 2021
Des Sommers Ruhe

Foto Brigitte Fuchs
Der Duft der Gräser zieht zur Stadt hinein,
und alles Leben sättigt Sonnenschein.
Selig und träg, in wohligem Ermatten
lieg ich zurückgelehnt in luftigem Schatten.
Still lächelnd, wie ein dummvergnügtes Kind,
blinzl ich zum Fenster, wo der warme Wind
mit rotgestreiften Jalousien spielt,
wo dann und wann das Licht ins Zimmer schielt.
O tiefes Glück, befreit von Wunsch und Denken,
sich ganz in heitres Spielen zu versenken,
ob alles Werdens Angst zu triumphieren –
sich in des Sommers Ruhe zu verlieren.
Otto Erich Hartleben (1864-1905) deutscher Dramatiker, Lyriker und Erzähler
Aus der Sammlung „Meine Verse“
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Lidschläge
Foto Brigitte Fuchs
Man könnte sich einstimmen auf
dieses Schweigen man könnte Mittel
und Wege zu Worthaufen rechen
zurückblicken auf endlos fortlaufende
Jahre mit Wimpern zucken zwinkern
freundlich das Weite suchen in
einem dieser redseligen Gärten
Brigitte Fuchs
Aus „Musik von weit her“, Gedichte, edition 8, Zürich 2020

Foto Brigitte Fuchs: Gartenanlagen beim Kloster Wettingen
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Die Fledermaus
Die Fledermaus, die Fledermaus
putzt dir den Obstbaum sauber aus
des Nachts im leisen Fluge.
Doch stiehlt sie dir die Früchte nicht,
ist auf die Diebe nur erpicht,
des Nachts im leisen Fluge.
Wenn er die Raupeneier legt,
den Schmetterling der Nacht sie schlägt
im leisen Zickzackfluge.
Des frechen Maikäfers Gebrumm
macht sie mit scharfen Zähnen stumm
im leisen Zickzackfluge.

Die Mücke, die uns stechen will —
die Fledermaus verschluckt sie still
in jagend raschem Fluge.
Sie streift durch Wald und Feld und Haus
und treibt die Plagegeister aus
in jagend raschem Fluge.
Doch bricht dann an der junge Tag,
sie nicht mehr weiter jagen mag,
hört auf in ihrem Fluge.
Sie schlägt die Krallen ins Gestein,
hüllt sich in ihre Flughaut ein
und ruht von ihrem Fluge.

Kopfabwärts spinnt sie ihren Traum
in Mauern, Scheunen, dunklem Raum
von neuem Räuberfluge.
Das helle Leben sieht sie nie,
doch durch den Raub behütet sie
es nachts im leisen Fluge.
Otto Nebelthau (1894-1943) deutscher Schauspieler und Schriftsteller
Aus „Die guten Räuber“

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Durst
Foto Brigitte Fuchs
Derselbe Zusammenhang, der zwischen dem Durst unserer Kehle und dem Wasser in der Quelle besteht, herrscht auch zwischen der Menschheit und
der ganzen Natur.
Ralph Waldo Emerson (1803-1882), US-amerikanischer Geistlicher, Philosoph und Schriftsteller
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Die Träume

Wenn uns der Schlaf berührt die Augenlider,
Dann eilt mit seinen Wundern allsogleich
Der Träume wild-phantastisch Nebelreich
Zur dämmernden Gedankenwelt hernieder.

Da sprossen auf des Mohnes bunte Blüten,
Aus jedem Kelche steigt ein wirrer Traum,
Der hüllet sich in leichten Wolkenschaum
Und senkt sich auf das Aug’ der Schlummermüden.

Erinn’rung leitet stets der Träume Reigen,
Er zeigt uns längstverscholl’nes Glück und Leid,
Wie nach der Sage alter, grauer Zeit
Versunk’ne Schlösser aus dem Meere steigen.
Eugenie Marlitt, eigentlich Eugenie John (1825-1887) deutsche Opernsängerin und Schriftstellerin

Alle Mohn-Fotos Brigitte Fuchs
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Der Seiltänzer

Foto Brigitte Fuchs: Wandgestaltung in Luzern
Er geht. Die schräge Stange trägt ihn linde.
Der Himmel schlägt um ihn ein Feuerrad.
Ein Lächeln fällt von einem mageren Kinde,
Und an dem Lächeln wird die Mutter satt.
Ein jeder fühlt sich über sich erhaben
Und tänzelt glücklich auf gespanntem Seil.
Die Menschen wimmeln braun wie Küchenschaben,
Und sind dem Blick der Höhe wehrlos feil.
(…)
Klabund (1890-1828) deutscher Schriftsteller, Pseudonym für Alfred Georg Hermann Henschke
Aus „Die Harfenjule“ Gedichte, Lieder und Chansons

Foto Brigitte Fuchs: Wandgestaltung in Luzern
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Anagramm-Zweizeiler 336 / 337
Fotos Brigitte Fuchs
WO SCHWAENE LANDEN
NACH WALDSEE-WONNE…
Brigitte Fuchs

Fotos Brigitte Fuchs
NETTER LANDEPLATZ:
PERLE LANDET, TANZT…
Brigitte Fuchs
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Der Sperling und das Känguru

Foto Brigitte Fuchs
In seinem Zaun das Känguru
es hockt und guckt dem Sperling zu.
Der Sperling sitzt auf dem Gebäude
doch ohne sonderliche Freude.
Vielmehr, er fühlt, den Kopf geduckt,
wie ihn das Känguru beguckt.

Foto Brigitte Fuchs
Der Sperling sträubt den Federflaus
die Sache ist auch gar zu kraus.
Ihm ist, als ob er kaum noch sässe
Wenn nun das Känguru ihn frässe?!
Doch dieses dreht nach einer Stunde
den Kopf aus irgend einem Grunde,
vielleicht auch ohne tiefern Sinn,
nach einer andern Richtung hin.
Christian Morgenstern (1871-1914) deutscher Dichter und Schriftsteller
Aus Galgenlieder; Palma Kunkel

Foto Brigitte Fuchs
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Naturstimmen
Foto Brigitte Fuchs: Bergmassiv und Wasserfälle im Alvier-Gebiet
(…)
Ich komme her aus tiefem Waldesdunkel
So flüsterte der Bach vorüberrinnend,
Indess ich in der Wellen hell Gefunkel
Mit heisser Sehnsucht blickte still und sinnend.
Wo Demant ruht und Silber und Karfunkel
Wo Kobold waltet, Goldgewänder spinnend,
Da woget meine Nymphe still im Dunkel
Auf goldnen Stufen Tageslicht gewinnend.
(…)
Hermann Rollett (1819-1904) österreichischer Dichter und Heimatforscher
Auszug aus seinem Langgedicht „Naturstimmen. Fragment“
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Zwischen Saat und Sense
Foto Brigitte Fuchs
Das beste Werk auf Erden ist:
Korn in die Scholle säen,
Und aller Freuden vollste ist:
die schweren Maden mähen.
Rund geht der Wurf des Säemanns
und rund des Mähders Eisen,
des ganzen Lebens Auf und Ab
liegt mitten diesen Kreisen
Otto Julius Bierbaum (1885-1910) deutscher Dichter und Schriftsteller

Foto Brigitte Fuchs
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