Archiv der Kategorie: Gedichte
Wahrspruch

Foto Brigitte Fuchs
Ob wir verdienen, dass wir glücklich sind?
Was zweifelst du! Verdienst du, gut zu sein?
Durch Zweifel wird das wahrste Wesen Schein.
Glück ist des Menschen schönste Tugend, Kind;
wer glücklich ist, verdient’s zu sein.
Richard Dehmel (1863-1920) Deutscher Lyriker und Schriftsteller
Aus „So knallvergnügt“ Hundert Gedichte über das Glück, Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2011
Sommerabend

Foto Brigitte Fuchs Bodensee / Insel Reichenau
Die grosse Sonne ist versprüht,
der Sommerabend liegt im Fieber,
und seine heisse Wange glüht.
Jach seufzt er auf: „Ich möchte lieber …“
Und wieder dann: „Ich bin so müd …“
Die Büsche beten Litanein,
Glühwürmchen hangt, das regungslose,
dort wie ein ewiges Licht hinein;
und eine kleine weisse Rose
trägt einen roten Heiligenschein.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) deutscher Dichter
Aus „Rote Gedichte“, Philipp Reclam Jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart 2006/2012

Foto Brigitte Fuchs: Bodensee / Insel Reichenau
Passfahrt


Fotos Brigitte Fuchs
Da wo die Gebirge in den See kippen
weisswandig und steif auch im Sommer
da fahren noch immer die gelben
Postkutschen die Engkehren entlang
künden sich mit ihrem Dreiton an
oder warten bis Kühe bis Biker und
Oldtimer die Strecke säumig frei geben
für die ziellosen Blicke der Zeitreisenden
Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“ Gedichte, edition 8, Zürich 2014

Foto Brigitte Fuchs
Foto-Nachtrag für Ingrid:

Foto Brigitte Fuchs
Sommer

Fotos Brigitte Fuchs: Restaurant Belcanto und Bernhard Bar Café beim Opernhaus Zürich
Sommer
Das ist doch die üppige Zeit,
Wo alles so schweigend blüht und glüht
Und des Sommers stolze Herrlichkeit
Still durch die grünen Lande zieht.
Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Schriftsteller, Dichter und Politiker
Text gelesen auf dem Begrüssungs-Schreiben (Beilage zur Menükarte) des Restaurants Belcanto in Zürich
Leichter Wein

Foto Brigitte Fuchs
LEICHTER WEIN
weckt schöne Gedanken
Christian Mägerle (1946-2014) Schweizer Lyriker und Literaturvermittler
Aus „Was des Wortes ist“ Ausgewählte Gedichte, VGS Verlagsgenossenschaft St. Gallen, 2011
Sommerflor

Foto Brigitte Fuchs
(…)
Dort, wo die Gärtner ihre Blumen pflegen,
Sagt man vom Flor, der einen Sommer lang
Nur blüht, um dann dem Mutterschoss der Erde
Entrafft zu werden: das ist Sommerflor!
(…)
Gottfried Keller (1819-1890) Schweizer Dichter und Schriftsteller
Aus einem Prolog zu einer Theatereröffnung in Zürich 1864
Text aus dem Internet
Übers Wasser gehen
Foto Brigitte Fuchs: Reuss bei Niederwil
Man soll behutsam übers Wasser gehen
man soll die feinen Lügen nicht verdrehen
man soll nicht mit papiernen Flügeln wehen
man soll die Liebe nie ganz recht verstehen
man soll das Nichts nicht laufend übersehen
man soll nicht auf dem Fluchtpunkt stehen
man soll behutsam übers Wasser gehen
Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“, Gedichte, edition 8, Zürich 2014
Heute Morgen

Fotos Brigitte Fuchs: Vierwaldstättersee bei Kastanienbaum/Horw
Heute Morgen
Noch unverbraucht, der Morgen, als wärs der erste überhaupt.
Die Welt ein unbeschriebenes Blatt – ich kurz vor der Geburt.
Der Sonnenaufgang wird eben erfunden.
Walter Beutler, *1956, Schweizer Lektor, Übersetzer und Schriftsteller
Einer seiner „Sprachsplitter“, gelesen in seinem Blog „Walter B.s Textereien“
Veröffentlichung auf „Quersatzein“ mit Erlaubnis des Autors, siehe auch:
https://walbei.wordpress.com/
Gelöstes Haar

Foto Brigitte Fuchs: „Haarbüschel“ an Maiskolben
(…)
Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lassen es flattern im Winde!
Annette von Droste Hülshoff (1797-1848) Deutsche Dichterin
Letzte Strophe in ihrem Gedicht „Im Turme“
Bitte um Regen
Wenn nicht mal die Regenpfeifer den Regen herbei pfeifen können:
Foto Brigitte Fuchs: Gelblappenkiebitz, gehört zur Ordnung der Regenpfeiferartigen
1.
Herr Gott, du Herrscher aller Welt,
gut Wetter du bescherest,
du machst mit Früchten reich das Feld,
dadurch du uns ernährest;
du gibst uns Obst, Getreid und Wein,
dazu Tier, Fisch und Vögelein,
erhältst uns Leib und Leben.

Foto Brigitte Fuchs: Gelblappenkiebitz oder Maskenkiebitz (Vanellus miles)
2.
Schau, wie jetzt bei der dürren Zeit
die Frücht im Feld vergehen;
all Kreatur um Regen schreit,
die Menschen jammernd stehen.
Es lechzt das Vieh, dürr ist das Land;
drum tu auf deine Gnadenhand:
gib Guts, wend allen Schaden.

Foto Brigitte Fuchs: Gelblappenkiebitz
3.
Send uns herab von´s Himmels Saal
ein warmen, fruchtbarn Regen;
behüt vor Schloss und Wetterstrahl,
gib zum Gewächs dein Segen.
Bescher uns unser täglich Brot,
gib, was für Leib und Seel ist not,
hilf, dass wir selig werden.
Martin Behm (1557-1622) deutscher Schriftsteller und Verfasser von Kirchenliedern

Foto Brigitte Fuchs: Diese Säbelschnäbler gehören ebenfalls zur Ordnung der Regenpfeiferartigen

