Archiv der Kategorie: Gedichte
Die Fische


Fotos Brigitte Fuchs: kleine Fische im Egelsee
Die Wasserlilien reiche Flut,
Die mit so manchem Kraut, mit Schilf und Binsen,
Mit Meergras, Moos und Wasserlinsen
Geschmücket und bedeckt in glatter Stille ruht,
Wird öfters unversehns beweget.
Schau, wie sich dort
Im grünen Widerschein der Büsche…

Foto Brigitte Fuchs
Ein blauer Schwarm beschuppter Fische
Mit frohem Wimmeln reget
Und wunderschnell sein flüssigs Wohnhaus trennt.
Sie fliegen durch ihr schlüpfriges Element
Mit Schwingen ohne Federn fort;
Man kann, wenn sie sich fröhlich drehen,
Der Schuppen Silber glänzen sehen.
Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) deutscher Schriftsteller der frühen deutschen Aufklärung
Text gefunden bei der Deutschen Gedichtebibliothek


Fotos Brigitte Fuchs
Die bunten Astern

Foto Brigitte Fuchs
Die bunten Astern sind wie ein Regenbogen
In den nassen Garten eingezogen,
Wie Gesichter, die schon etwas frieren.
Die grossen Äpfel an den Spalieren,
Die hängen wie trutzige Köpfe dort;
Bald trägt sie mein Schatz in der Schürze fort.
Der Morgen ist kalt, und die Blätter sind alt;
Bald hat die Nacht ständig die Obergewalt.
Und wenn die Astern den Garten verlassen,
Wird der Winter die Menschen anfassen.
Trag jeder seinen Garten bei Zeiten ins Haus,
Bei einem Schatz geht der Sommer nicht aus.
Max Dauthendey (1867-1918) deutscher Dichter und Maler
Text aus dem Internet
Herbstbeginn

Foto Brigitte Fuchs
(…)
Doch als ich Blätter fallen sah,
Da sagt‘ ich: »Ach! der Herbst ist da,
Der Sommergast, die Schwalbe, zieht,
Vielleicht so Lieb und Sehnsucht flieht,
Weit, weit,
Rasch mit der Zeit.«
(…)
Ludwig Tieck (1773-1853) deutscher Dichter und Schriftsteller
Eine Strophe aus seinem Gedicht „Herbstlied“
Aus „Gedichte für einen Herbsttag“, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv , München 2006

Foto Brigitte Fuchs
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Foto Brigitte Fuchs: Egelsee
Die Tauben schlummern im Hause:
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?
Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:
Wo aber rinnen die Bäche hin?
Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:
Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?
Lichter stehen in tausend Gemächern:
Wo aber sinken die Sterne hin?
Immer indem wir liegen und schlafen
Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.
Albin Zollinger (1895-1941) Schweizer Schriftsteller und Lyriker
Aus „Lyriker der deutschen Schweiz 1850-1950“, ausfewählt von Heinz Helmerking, Gute Schriften, Zürich 1957
Die Gedanken der Menschen…

Foto Brigitte Fuchs
Die Gedanken der Menschen
in meinem Heimatdorf
sind mir nicht mehr vertraut.
Aber die Blumen duften noch wie damals,
als ich ein Kind war.
Ki No Tsurayuki (882-946) japanischer Dichter
Aus „Liebe, Tod und Vollmondnächte“, japanische Gedichte, Hrsg. Manfred Hausmann, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1951, aktuelle Ausgabe 1963

Foto Brigitte Fuchs
Wer sich an andre hält…

Foto Brigitte Fuchs
Wer sich an andre hält,
dem wankt die Welt.
Wer auf sich selber ruht,
steht gut.
Paul Heyse (1830-1914) deutscher Schriftsteller und Nobelpreisträger
In diesen Tagen

Foto Brigitte Fuchs: Zugersee bei Cham
Auf eilender Wolke flog der Sommer ins Abendrot.
Er streifte noch einmal das Tal mit den Fischerhütten am See,
Wo hoffnungslos der hagere Fährmann sein Schattenboot
Von einem Ufer zum anderen stiess, heut und je.
(…)
Camill Hoffmann (1878-1944) böhmisch- tschechoslowakischer Journalist und Schriftsteller
Erste von drei Strophen seines Gedichtes „In diesen Tagen“
Gedicht gefunden im Internet
Passage

Foto Brigitte Fuchs
Möchtegernworte die mir zur
Verfügung stehen linkisch und
links da lasse ich sie liegen
baue mir eine Furt aus Kieseln
in den Wortfluss und wage die
Überquerung im Alleingang
Brigitte Fuchs
Aus „Es tanzt der Stein“, Gedichte, edition 8, Zürich 2014
Der Apfelbaum

Fotos Brigitte Fuchs
Der Apfelbaum, das ist ein Mann,
kein anderer gibt so gern wie der!
Im Winter, wenn man schüttelt dran,
da gibt er Schnee die Fülle her.
Im Frühling wirft er Blumen nieder,
im Sommer herbergt er die Finken;
jetzt streckt er seine Zweige her,
die voller Frucht zur Erde sinken.
Drum kommt und schüttelt, was ihr könnt,
ich weiss gewiss, dass er’s euch gönnt.
Robert Reinick (1805-1852) deutscher Maler und Dichter
Text gefunden im Internet
Die Ruinen

Foto Brigitte Fuchs: Alle Bilder zeigen die Ruine Neu-Falkenstein bei Balsthal im Kanton Solothurn
»Ach, wie ungemein poetisch
Die Ruinen auf den Höhn!«
Fräulein, Sie sind sehr ästhetisch;
Ja, Ruinen, sie sind schön.
Und das Fräulein, drob geschmeichelt.
Fährt in der Extase fort,
Während sie den Bulldog streichelt:
»Wie poetisch ist es dort!

Foto Brigitte Fuchs
Grüner Wald, das ew’ge Leben,
Immer sprossend, immer jung!
Und der greise Stein daneben:
Träumende Erinnerung!
Epheu schlingt sich um die Blösse,
Will sie grün erhalten noch;
O du Bild zerfallner Grösse,
Wie poetisch bist du doch!«

Foto Brigitte Fuchs
Fräulein, Sie sind sehr ästhetisch,
Sie empfinden schön und wahr,
Und Sie sagen’s so pathetisch,
Dass es selber mir wird klar.
Ja, ich sehe: auf den Höhen
Sind nur noch Ruinen da!
Wo die alten Zwinger stehen,
Rauscht der Wald Hallelujah!

Foto Brigitte Fuchs
In die Burgen der Tyrannen
Drang der Geist zerstörend ein,
Trieb die Räuberbrut von dannen,
Warf hinunter Stein auf Stein.
Heil’ger Geist, du ein’ge Dreiheit,
Gott im Menschen, habe Dank!
Auf den Bergen nur ist Freiheit!
Nur im Thal herrscht noch der Zwang.

Foto Brigitte Fuchs
Heiser schreien dort die Raben
Um den Schutt der Tyrannei,
Ihre Knochen sind begraben,
Und der Geist, der Geist ist frei!
Ja, mein Fräulein, Gottvertrauend
Schau‘ ich auf die stolzen Höhn!
Hochpoetisch, Herzerbauend
Sind Ruinen, wunderschön!

Foto Brigitte Fuchs
Wunderschön die düstern Mienen
Durch das grüne Laubgewind!
Doch das Schönste an Ruinen
Ist, dass sie Ruinen sind.
Adolf Glassbrenner (1810-1876) deutscher Humorist und Satiriker
Gedicht aus der Sammlung „Verbotene Lieder“
gefunden im Internet

Foto Brigitte Fuchs